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Kunst : Kunstbiennale von Lyon: Die Welt besteht aus Geschichten

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Hundertschaften farbiger Figuren sitzen in Reih und Glied in einem riesigen Boot. Sie rudern, während über ihren Köpfen kleine blaue Weltkugeln schweben.

shz.de von
erstellt am 12.Sep.2013 | 11:41 Uhr

Mit der Installation «Wir sind Piraten einer unerforschten Welt» spielt Nobuaki Takekawa auf die Nuklearkatastrophe von Fukushima an. Die bunten Keramikmenschen sind moderne Sklaven einer unkontrollierbar gewordenen Weltwirtschaft, die in ihr Unglück rudern.

Takekawa ist 1977 in Tokio geboren. So wie viele der Künstler, die seit ihre Werke auf der Biennale in Lyon zeigen, greift er zur Installation, um seine Reflexionen über die Welt zum Ausdruck zu bringen. «Mir geht es darum zu zeigen, wie Künstler heute die Welt darstellen, wie sie die narrative Struktur ihrer Geschichten formal umsetzen», sagte der isländische Gastkurator Gunnar B. Kvaran. Das Ergebnis: Heterogene künstlerische Positionen, deren gemeinsamer Nenner die Ausdrucksform der Installation und des Media-Mix ist.

Gunnar B. Kvaran ist Direktor des spektakulären Astrup Fearnley Museums in Oslo und viel gereist. Er sei zahlreichen Künstlern begegnet und habe viele junge Talente entdeckt, die er nun nach Lyon eingeladen habe, erklärte der Kunstexperte. Insgesamt sind 77 Künstler aus 18 Ländern zu sehen. Darunter ist mehr als die Hälfte unter 40 Jahren. Eine Generation der neuen Kommunikationsmedien, die in ihrer Kunst mit Facebook, Videos und dem Internet spielt und vorhandenes Material recycelt.

Ian Cheng fängt Töne und Bewegungen ein, aus denen der Computer digitale Geschichten von mutierenden Planeten, Tieren und Menschen strickt. In seiner Arbeit will der in Los Angeles geborene Künstler die natürlichen Beziehungen, die wir zur Wirklichkeit haben, verändern. Der Franzose Neïl Beloufa experimentiert mit Videos, reflektierenden Oberflächen und Materialien unterschiedlichster Art, um schlichte Geschichten aus dem Alltag zu erzählen.

80 Prozent der Arbeiten wurden eigens für die Biennale geschaffen. Der Rest wird mit großen Namen bespielt wie Erró, ein Landsmann und Freund des Gastkurators. Der 81-Jährige hat innerhalb der Malerei eine ganz persönliche narrative Struktur entwickelt, die zwischen Surrealismus, Pop-Art und Comic schwankt. Auch Pop-Art-Star Jeff Koons und Medienkünstler Matthew Barney gehören auf der bis zum 5. Januar dauernden Biennale zu den Szenen-Veteranen.

Künstler, die Geschichten auf andere Weise erzählen: Ein weites Feld, das Gastkurator Kvaran bearbeitet hat. Vieles ist groß, bunt und originell, doch kaum etwas bringt zum Nachdenken und wirkt nach. «Entre-temps...brusquement, et ensuite» (Zwischenzeitlich...plötzlich, und dann), wie der Titel der diesjährigen Biennale heißt, kann nicht an die Ausstellung vor zwei Jahren anknüpfen, deren künstlerische Reflexionen über die Tragik der Welt und die ungewisse Zukunft nachhaltig ins Grübeln brachten.

Der Publikumsandrang blieb damals nicht aus. Frankreichs Biennale, die mit 9 Millionen Euro zu den bedeutendsten in Europa zählt, feierte 2011 mit 200 000 Besuchern einen Rekord.

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