Leipziger Buchmesse : Kultur der rechten Meinung: Kontroverse um Uwe Tellkamp

Der Schriftsteller Uwe Tellkamp provoziert.
Der Schriftsteller Uwe Tellkamp provoziert.

Rechte Positionen sind längst Teil der Leipziger Buchmesse. Deutlich wird ein Dilemma um Positionen, Populismus und freie Rede.

shz.de von
12. März 2018, 11:48 Uhr

Leipzig | Die Leipziger Buchmesse beginnt erst am Donnerstag, aber schon jetzt ist klar, dass es dabei erneut um Rechte gehen wird. Und um den Umgang des Literaturbetriebes mit ihnen: mit rechten Verlagen, rechten Autoren und dem Recht auf freie Meinungsäußerung.

Die Leipziger Buchmesse findet vom 15. bis 18. März statt.

Aktuelles Beispiel ist Uwe Tellkamp, der mit seinem Erfolgsroman „Der Turm“ einst ein Bild des bürgerlichen Milieus in der DDR zeichnete. Er löste mit seinen Äußerungen über Flüchtlinge Diskussionen aus. Im Diskurs mit dem Lyriker Durs Grünbein hatte Tellkamp seine Nähe zur AfD und der ausländerfeindlichen Pegida in Dresden offen zur Schau gestellt. Bei diesem Thema geht schon lange ein Riss quer durch die sächsische Gesellschaft und zuweilen auch die Staatsregierung. Auch in der Kulturszene wird ein Dilemma deutlich um Positionen, Populismus und freie Rede.

Wohlgemerkt: Der Streit der Literaten im Dresdner Kulturpalast war so geplant und so gewollt und im Titel schwarz auf weiß zu lesen: „Streitbar! Wie frei sind wir mit unseren Meinungen?“ – insofern eigentlich auch alles gut gelaufen. Mit der Veranstaltung Ende vergangener Woche präsentierte sich Dresden im Rahmen der Bewerbung um den Titel „Kulturhauptstadt Europas“. Sowohl Tellkamp als auch Grünbein stammen aus Dresden.

Die Empörung und die Empörung über diese Empörung setzte erst richtig ein, als der Suhrkamp-Verlag am Freitag auf die umstrittenen Äußerungen Tellkamps reagierte und sich von seinem Autor distanzierte. Der Erfolgsroman „Der Turm“ (2008) war bei Suhrkamp erschienen.

Bei der Debatte vor mehreren Hundert Zuschauern hatte der 49-jährige Tellkamp zu den Motiven von Flüchtlingen unter anderem gesagt: „Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern, über 95 Prozent.“

Populisten und die Inszenierung der Opfer-Rolle

Nach dem Suhrkamp-Tweet – zum Aufbau der Distanz reichten knapp 150 Zeichen – sah sich Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer genötigt, Tellkamp zur Seite zu springen. Der CDU-Politiker weiß um den schwierigen Umgang mit rechten Meinungen und der von Populisten so gern selbst inszenierten Opferrolle in der rechten Ecke: Wird Tellkamp, dessen politische Position spätestens seit Unterzeichnung der „Charta 2017“ eigentlich deutlich sein sollte, auf einer Welle der Empörung dort hineingespült, schnappt die Falle zu.

Tellkamp sei ihm als kritische Stimme willkommen, sagt Kretschmer, der bei der Bundestagswahl im September sein Direktmandat an einen bis dato völlig unbekannten AfD-Mann verlor und der sich im kommenden Jahr einer Landtagswahl stellen muss. „Ärgerlich ist die schon wieder beginnende Stigmatisierung.“

 

Der 42 Jahre alte Regierungschef wünscht sich eine Diskussion in der Sache und warnt: „Wenn ein Streitgespräch zur Verurteilung einer Person führt, darf man sich nicht wundern, wenn keine offene Debatte mehr geführt wird.“ Allerdings vergisst Kretschmer auch nicht zu betonen, dass er Tellkamps Meinung zu Flüchtlingen und Fluchtgründen zumindest in Teilen teilt.

Auch andere CDU-Politiker sprangen der Tellkamp zur Seite.

 

Kritik an rechten Kritikern eine „Gesinnungsdiktatur“?

Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange sieht das mit dem sachlichen Diskurs im Fall „Tellkamp“ anders. Zwar handele es sich um des Schriftstellers „Privatmeinung, die ich nicht teile“, stellt die SPD-Politikerin klar. Aber: „Verallgemeinerungen dieser Art geben denen Futter, die mit ausländerfeindlichen Parolen das gesellschaftliche Klima vergiften.“ In der „Charta 2017“, die von einer Dresdner Buchhändlerin wegen des ihrer Meinung nach unfairen Umgangs mit rechten Verlagen bei der Frankfurter Buchmesse ins Leben gerufen wurde, ist die Rede von einer „Gesinnungsdiktatur“, die nicht mehr weit entfernt sei. Tellkamp hatte sie unterzeichnet und den Vorwurf jetzt in Dresden wiederholt. Bei der Messe in Leipzig ist das Thema damit wieder gesetzt.

Rechte Verlage wie Compact vertreten

Brisanz steckt in diesem Jahr besonders in dem Auftritt rechter Verlage auf der Buchmesse. Auf der Frankfurter Buchmesse hatte dies im vergangenen Herbst viel Ärger und Protest ausgelöst. Auch in Leipzig sind Aussteller wie Compact seit Jahren vertreten. Diese Verlage haben nach Ansicht von Messedirektor Zille das gleiche Recht auszustellen wie andere Kunden auch, so lange ihre Publikationen sich im Rahmen der Gesetze bewegten.

Die Buchmesse trete aufgrund ihres Statuts für die Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit ein. „Der kommunikative Aufschwung der rechten Szene ist ein gesellschaftliches Phänomen. Wir sind einer der wenigen analogen Orte, wo eine Auseinandersetzung mit Rechts stattfinden kann“, betont Zille. Die Messe stehe für Offenheit, Vielfalt und Austausch.

Es geht auch immer noch um Literatur

Doch es geht bei der Leipziger Buchmesse nicht um die, die am lautesten poltern. Trotz aller Reibungen läutet sie traditionell den Buchfrühling ein – vier Tage lang blicken Literaturfreunde nach Leipzig. Die Besucher werden vom 15. bis 18. März auf eine literarische Weltreise geschickt. Hunderttausend Bücher, Zehntausende Neuerscheinungen, Tausende Veranstaltungen, prominente Autoren und Debütanten - die Leipziger Buchmesse ist vier Tage lang das Mekka für Literaturfans.

Vor allem steht der Leipziger Bücherfrühling im Zeichen politisch brisanter Themen weltweit. „Selten wurden die Debatten in Deutschland um Politik so hitzig geführt wie in den letzten Jahren“, sagt Buchmessedirektor Oliver Zille. Das sei auch gut so, schließlich bestimme die Politik „nicht nur unser Lesen, Lernen und Leben, auch wir bestimmen die Politik“.

So stellt die Messe die europäischen Werte auf den Prüfstand. Sind wir wirklich die Besten? Unter dieser Überschrift lädt Kurator Mohamed Amjahid internationale Gäste aus Zivilgesellschaft, Kultur, Wissenschaft und Medien ein, über die europäische Vergangenheit zu reflektieren, über Gegenwart zu streiten und Ideen für die Zukunft des Kontinents zu entwickeln.

Zudem tauchen Messebesucher in die aktuelle amerikanische Gesellschaft ein, verfolgen eine ungeschminkte Abrechnung mit der russischen Nachwendegeschichte und erhalten Einblicke von Autoren, die mit der türkischen Staatsgewalt aneinandergeraten sind.

Von Krimi über Manga bis Kochbuch

Politik und Gesellschaftskritik sind aber nur zwei Aspekte auf der Buchmesse. Krimis, Kochbücher, historische Romane und Porträts, für jeden Buchfan ist etwas dabei. Und auch Promi-Fans kommen auf ihre Kosten: Unter anderen lesen Sebastian Fitzek, Arno Geiger, Bernhard Schlink, Fabian Kahl (Bares für Rares) und Gregor Gysi aus ihren neuen Büchern.

Bunt und schrill wird es auf der Manga-Comic-Con. Zu Tausenden strömen die Fans in oftmals selbstentworfenen farbenfrohen Kostümen auf das Messegelände. Die Manga-Anhänger können ihren Idolen Toyotarou, Mika Yamamori und Osora über die Schulter schauen, und für die europäischen Comic-Kollegen sind Goran Sudzuka, Mirka Andolfo und Miguel Diaz Vizoso ein Muss.

Zu den Höhepunkten des Branchentreffs zählt die Verleihung des renommierten Preises der Leipziger Buchmesse. In der Sparte Belletristik sind Isabel Fargo Cole („Die grüne Grenze“), Anja Kampmann („Wie hoch die Wasser steigen“), Esther Kinsky („Hain: Geländeroman“), Georg Klein („Miakro“) und Matthias Senkel („Dunkle Zahlen“) nominiert.

Außerdem gibt es Auszeichnungen in den Kategorien Sachbuch/Essayistik und Übersetzungen. Den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2018 erhält die norwegische Autorin Åsne Seierstad für ihr Buch über den norwegischen Massenmörder Anders Breivik.

Gastland Rumänien

Das diesjährige Gastland der Leipziger Buchmesse ist Rumänien: Es will tiefe Einblicke in die Region am östlichen Rand Europas geben. Rund 50 rumänische Autoren und Künstler werden ihre Neuerscheinungen präsentieren und über Sichtweisen auf ihr Land, seine Geschichte und die aktuelle gesellschaftspolitische Situation diskutieren. Es gebe jenseits der Klischees vieles über die historische Entwicklung dieses Landes im 20. Jahrhundert zu erfahren, erklärt Luminita Corneanu vom rumänischen Kulturministerium.

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