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Neue Vielschichtigkeit : Kraftklub: Hommage an die eigenen Helden

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Ruhiger, vielseitiger und mit einer Verbeugung an musikalische Vorbilder melden sich Kraftklub zurück. Die neue Platte «Keine Nacht für Niemand» soll nicht mehr nur «knallen und ballern».

Kraftklub haben sich locker gemacht. Mit ihrem Crossover aus Indie-Poprock und Sprechgesang waren sie nach der Band-Gründung 2009 von Chemnitzer Lokalhelden zur deutschlandweit bekannten Hausnummer geworden: Nummer-Eins-Alben, Echo-Auszeichnung, Konzerte und Auftritte bei den größten Festivals.

Dann meldeten sich Kraftklub Anfang 2016 ab: «Freunde. Wir sind raus!», schrieb die Band auf ihrer Facebookseite. Ein Jahr keine Konzerte, dafür Urlaub. Und eine entspannte Zeit in Proberaum und Studio, wie Sänger Felix Brummer erzählt.

Vorher hatten sie die Alben schneller produziert. Viele Songs entstanden erst im Studio. Bei ihrer zweiten Platte «In Schwarz» (2014) spürten sie Druck. «Wir haben es halbwegs hinbekommen», sagt Brummer rückblickend. An das Niveau des erfolgreichen Debüts «Mit K» (2012) mit Hymnen wie «Ich will nicht nach Berlin», «Songs für Liam» oder «Zu jung» kam der Nachfolger dann nicht ganz heran.

Jetzt ist das dritte Album «Keine Nacht für Niemand» erschienen. Die Arbeit daran habe sich freier angefühlt, sagt Brummer. So sollten die Songs der Band bis dahin in erster Linie live bei Konzerten funktionieren, erzählt er. «Es sollte immer knallen und ballern.» Das ist auch dem Selbstverständnis der Band geschuldet, die Erfolg nach eigener Aussage vor allen daran misst: Wie viele Menschen kommen zum Konzert? Und wie weit oben steht ihr Name auf den Plakaten der Musikfestivals, bei denen sie auftreten?

«Keine Nacht für Niemand» knallt und ballert erstmal in typischer Kraftklub-Manier los. Der erste Song der Platte, «Band mit K», hat den Sound, der die Band bekannt gemacht hat: Schneller Indie-Rock und ein selbstironischer, witziger Text. Brummer singt: «Wir geben keine Konzerte, wir halten heilige Messen.» Die ironische Selbstüberhöhung ist und bleibt ein beliebtes Stilmittel. Überhaupt ist auch dieses Kraftklub-Album wieder voll mit zitierfähigen Bonmots.

Nach der gewohnten Kost zum Einstieg werden die Rhythmen zum Teil tatsächlich spürbar gemächlicher. «Es muss nicht in jedem Song einen Disco-Beat geben, der durchhackt, damit die Leute gefälligst tanzen», sagt Brummer. Tanzen lässt sich zu den meisten Lieder des Albums trotzdem.

Die Songs bieten Einschläge von Funk, Synthie-Pop, Hardrock - auch orchestrale Klänge gibt es zu hören («Dein Lied»). Vielseitiger ist die Musik geworden. Kraftklub wirken etwas gereifter, nicht mehr so roh und rotzig wie zuvor. Schlagzeuger Max Marschk stellt fest: «Wir haben uns in diesem Album komplett von vielen Sachen gelöst, die wir abgefeiert haben, als wir jung waren.» Analoger und musikalischer sei die Platte im Vergleich zu den bisherigen Werken.

Inhaltlich gibt es Hymnen gegen die Weltsicht der Wutbürger und Verschwörungstheoretiker («Fenster»), werden von Drogen vernebelte Partygänger in Berlin aufs Korn genommen («Chemie Chemie Ya») oder das Leben in den Mühlen der Arbeitswelt besungen («Sklave»). Es geht um unglückliche Liebe («Fan von Dir»), Feier-Exzesse («Hausverbot») und die eigene Scheiß-Egal-Attitüde («Venus»).

Ohne Frage: Anhänger der früheren Alben werden sich auch auf der neuen Platte wiederfinden. Und wer genau hinhört, kann tief in die musikalische Sozialisation der Band eintauchen. «Keine Nacht für Niemand» ist voller Referenzen zu Vorbildern von Kraftklub. Das geht bereits beim Albumtitel los, einer Verbeugung vor dem Song-Klassiker «Keine Macht für Niemand» der Anarcho-Rockband Ton Steine Scherben.

In den Songs finden sich etwa Spuren von Deichkind («Venus»), Ol' Dirty Bastard («Chemie Chemie Ya») oder Depeche Mode («Sklave»). Mal zitierte oder adaptierte Textstellen, mal instrumentale Passagen.

Plötzlich singt Farin Urlaub («Fenster»). Im Track «Am Ende» erklingt die Stimme von Element of Crime-Mastermind Sven Regener. In dem Album-Booklet sind die Features nicht notiert. Der Hörer soll die Anspielungen auf die musikalischen Helden der Band selber entdecken.

Brummer erklärt den Hintergedanken: «Wir hoffen, das er irgendwann feststellt: Das ist das Album, auf dem Kraftklub gezeigt haben, wer sie musikalisch sind. Warum sie die Musik machen, die sie machen.»

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erstellt am 02.Jun.2017 | 06:00 Uhr

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