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Norddeutsche Realisten : Konkurrenz unter Künstlern

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die „Norddeutschen Realisten“ werden mit dem Kunstpreis der Schleswig-Holsteinischen Wirtschaft ausgezeichnet.

Schleswig | Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Konkurrenz eine Gruppe zusammenschweißt. Der Wettbewerb stärkt demnach nicht nur das Team, sondern auch die Individuen. Eine Erkenntnis, die offenbar auch die „Norddeutschen Realisten“ in mehr als 20 Jahren Feldstudie gewonnen haben. Beim gemeinsamen Malen unter freiem Himmel werden die anderen genau beobachtet: Welchen Pinsel verwendet der Kollege, welche Farbe mischt er da in sein Himmelblau, und warum findet der, der am längsten zögert, meist die beste Perspektive auf ein Motiv?

Mit Rückblick auf zwei Jahrzehnte des freundschaftlichen, aber harten Konkurrenzkampfes kann von einer Erfolgsgeschichte gesprochen werden, der nun ein Kapitel mit besonderem Höhepunkt angefügt wird: Die „Norddeutschen Realisten“ werden am Sonntag in Schleswig mit dem Kunstpreis der Schleswig-Holsteinischen Wirtschaft ausgezeichnet. Dabei ehrt die Dietrich-Schulz-Kunststiftung erstmals überhaupt eine Künstlergruppe.

Ein Höhepunkt, an dem aber unweigerlich die Frage aufkommt: Was soll jetzt noch kommen? Die meisten Landschaften Schleswig-Holsteins sind gemalt, die Wände der Sammler dürften voll sein, einige Mitglieder suchen sich sogar wieder Freiräume, um als Einzelperson wahrgenommen zu werden. Es ist offen, ob die Auszeichnung ein Happy End ist, oder die Künstler für eine sehenswerte Fortsetzung sorgen. Das hängt von jedem Einzelnen aber auch von der Gruppendynamik ab – und davon, auf welchem Weg die Maler es in Zukunft erreichen, dass ihre Kunst weiterhin auf das Interesse der Käuferschaft stößt.

Das Interesse des Stiftungsrates der Kunststiftung, die von der Studien- und Fördergesellschaft der Schleswig-Holsteinischen Wirtschaft getragen wird, konnte die Malergruppe wecken. Bei einem Rundgang durch die Gottorfer Ausstellung „Realismus in Norddeutschland“ sollte unter den in der Schau vertretenen Malern ein Preisträger gefunden werden. „Schnell wurde diskutiert, was vorher nur eine Idee war: Die Verleihung des Kunstpreises an die gesamte Gruppe“, erzählt Martin Kayenburg, Vorsitzender des Rates der Dietrich-Schulz-Stiftung. „Die einzelnen Werke der Künstler haben uns begeistert“, sagt Kayenburg, „doch noch beeindruckender ist der gemeinschaftliche Geist der Gruppe.“

Der Kunstpreis für die Gruppe, die Nikolaus Störtenbecker 1989 ins Leben rief, beweist das realistische Kunst zu Schleswig-Holstein passt. Sie hat im Norden immer schon eine wichtige Rolle gespielt und ist zum Trotz einiger Kritiker nach wie vor modern – auch dank des Engagements der „Norddeutschen Realisten“. „Sie haben die Menschen an die Natur herangeführt“, erklärt Kayenburg.

Das sieht Störtenbecker ähnlich: „Die Auszeichnung ist eine Anerkennung unserer Kulturarbeit, die wir leisten.“ Damit ergänzt der Maler Kayenburgs Gedanken, dass die Menschen an die Natur herangeführt würden, um den Aspekt, dass ihnen auch die Kunst näher gebracht werde. „Die Menschen sehen uns vor Ort malen, besuchen unsere Ausstellungen und entdecken ihr Interesse an der Kunst“, erklärt Störtenbecker, der seine Kollegen immer wieder zu Malertreffen zusammenruft.

Wobei sich die Gruppenbesetzung von Symposium zu Symposium ändert. Mal kommen neue Mitglieder hinzu, mal distanzieren sich Künstler von der Gruppe – wie etwa Hinnerk Bodendieck. Während viele der Maler die Gruppe als Marketinginstrument nutzen, hat sich Bodendieck vor einigen Jahren von der Künstlervereinigung bewusst entfernt, weil er nicht alle Ansichten der Gruppe teilt, wenn es darum geht, die Freilichtmalerei gegen Kritiker zu behaupten. Die Diskussionen hätten ihn gestört, er wolle einfach nur so gut wie möglich malen – ohne theoretische Kämpfe. In der Gottorfer Realisten-Ausstellung sei er auch nur vertreten, weil der Titel der Schau im Vorfeld von „Norddeutsche Realisten“ in „Realismus in Norddeutschland“ geändert wurde.

Obwohl Bodendieck nicht mehr zur Gruppe gehört, wurde er bei Vorbesprechungen der Ausstellung freundschaftlich empfangen – von seinen Kollegen, die derzeit ein bewegendes Jahr erleben. Auf der einen Seite freuen sich die Gruppenmitglieder über die große Retrospektive auf Gottorf und den Kunstpreis, auf der anderen Seite trauern sie um ihre Malerfreunde Michael Arp und Hans-Joachim Billib, die beide an Krebs gestorben sind.

Gemälde von Arp, Billib und den anderen sind noch bis zum 20. Oktober in der Reithalle auf der Gottorfer Museumsinsel zu sehen. Die Ausstellung ist laut Titel eine Zwischenbilanz. Ob die Erfolgsgeschichte der „Norddeutschen Realisten“ weitergeht, wird sich zeigen. Mindestens ein weiteres Kapitel ist gewiss: Die Gruppe bekommt mit dem Kunstpreis nicht die üblichen 5000 Euro Preisgeld, sondern wird zu einem Malersymposium in Schweden eingeladen.  

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erstellt am 10.Okt.2013 | 08:26 Uhr

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