Ina Müller : "Kleinkunstdüse" ganz groß

'Ich lebe das ordentlich gepflegte Vorurteil', sagt Ina Müller von sich selbst. Die Sängerin, Kabarettistin und Moderatorin liebt das Spiel mit Klischees. Foto: Mathias Bothor
"Ich lebe das ordentlich gepflegte Vorurteil", sagt Ina Müller von sich selbst. Die Sängerin, Kabarettistin und Moderatorin liebt das Spiel mit Klischees. Foto: Mathias Bothor

Ina Müller gilt längst als Inbegriff der Norddeutschen. Am Freitag erscheint das neue Album der Sängerin. Kathrin Emse sprach mit ihr über Musik, Klischees und Erfolg.

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25. März 2008, 07:47 Uhr

sh:z: Frau Müller, was bedeutet Singen für Sie?
Ina Müller: Singen ist mein Leben.
sh:z: Warum?
Ina Müller: Weil ich merke, dass Singen nicht nur der Lunge und dem Körper gut tut, sondern auch der ganzen Haltung und der Seele. Singen hat etwas sehr Befreiendes. Ich merke, wenn ich in der Phase bin, in der ich viel drehe, kriege ich manchmal Entzug. Der Körper fühlt sich dann nicht mehr so gut an.
sh:z: In Ihren Texten spießen Sie die Eigenschaften der Leute sehr stark auf. Sie beschreiben Szenen, die im Grunde sehr entlarvend sind. Wie kommen Sie auf diese Geschichten?
Ina Müller: Ich beobachte halt so gerne. Die Leute haben ja nie verstanden, warum ich so gerne in München gewohnt hab. München war für mich die Beobachtungsstadt. Mich kannte da gar keiner, und ich konnte da wirklich durch die Gegend laufen und beobachten. Es gibt so unglaublich viele Idioten auf dieser Welt, und irgendwie muss ich die beobachten. Ein Beispiel: Ich geh durch eine Tür und bleibe kurz stehen und halte sie so lange auf, bis der nächste kommt, der sie mir abnimmt, um sie für den nächsten aufzuhalten. So macht man das ja. Aber neuerdings laufen die Leute durch. Und ich steh da und halt die Tür wie Hans Doof. Was denken diese Leute? Das gab es vor drei Jahren so noch nicht. So. Mit dem Gedanken gehe ich dann nach Hause - reg mich dabei natürlich auch auf - und mache ich mir so meine Gedanken darüber.
sh:z: Ein gutes Beispiel dafür ist auf der CD "Maxi-Cosi". In dem Lied berichten Sie, wie ein Mann Sie nach Hause fahren wollte und Sie dann am Kindersitz im Auto feststellten, der hat Frau und Kinder
Ina Müller: Entschuldigung, der Maxi-Cosi ist mir so eins zu eins in Hamburg passiert. Und ich kann Dir auch sagen, welche Kneipe es war: Das war die "Mutter" in der Feldstraße. Und wer da hingeht, weiß auch, wer gemeint ist. Aber wer das ist, sag ich mal nicht. Freundlicherweise. Und zwar nie im Leben. Frank (Frank Ramond, Texter von Ina Müller, Anm. d. Red.) hatte sogar den Vorschlag gemacht, das Lied nach ihm zu benennen (lacht lauthals). Aber das machen wir nicht.
sh:z: Das Schönste an diesem Song ist vielleicht das Unbedarfte seinerseits
Ina Müller: Ja, aber so war’s! (lacht) Genauso war’s. In dem Song sind lauter Originalzitate. Was ich halt nicht weiß: Ist denn der junge Vater, dessen Frau vor vier bis sechs Wochen die Brut geworfen hat, ist der nicht mehr zu halten? Ist der in einer Phase, wo er sagt, diese neun Monate war ich gut, da haben wir gemeinsam durchgehalten. Jetzt ist das Kind da, zuhause ist nichts mehr wie es war, ich bin für meine Frau nur noch Luft, weil sich alles um das Kind dreht Das scheint ja ein Zeitpunkt im Leben des Mannes zu sein, der danach schreit, eine Frau aufzureißen.
sh:z: Du spielst ganz stark mit Klischees.
Ina Müller: Das Wort Klischee ist so negativ beladen. Aber Klischees entstehen ja dadurch, dass Sachen so häufig passieren, dass es von irgendwoher kommt, dass ein Klischee ein Klischee ist. Weil es einfach häufig passiert. Und wenn ich über bestimmte Themen auf der Bühne rede, dann hab ich häufig einfach Vorurteile, die ich auch gar nicht aufklären will. Ich behaupte einfach, alle Männerfüße dieser Welt sind hässlich. Das empfinde ich so. Vielleicht hab ich auch gar keine Lust, dieses Vorurteil aufzuklären. Und das geht mir halt mit vielen Sachen so. Ich lebe das ordentlich gepflegte Vorurteil.
sh:z: Lass uns ein paar Klischees abhaken. Was sind Frauen?
Ina Müller: Ich glaube, dass der Unterschied zwischen Frauen und Männern so klein geworden ist, dass es keine Klischees in dem Sinne mehr gibt. Ich glaube, wir wollen die immer noch, weil wir Literatur brauchen und weil wir neue Comedy-Programme brauchen. Ich glaube aber, dass sich Mann und Frau extrem angenähert haben. Ich hasse diese Literatur über die nicht-einparkenden Frauen und die nicht-bügelnden Männer.
sh:z: Aber auf der Bühne bestätigst Du dies. Du sagtest kürzlich, Du hättest Dich von Deinem Freund getrennt, und nun habest Du ein Problem, weil Du nicht mehr von ihm berichten könnest.
Ina Müller: Jetzt werden es eher Maxi-Cosi-Geschichten. Ich bin mir nicht so ganz sicher, wie ich mit meinen ganzen Heiratsanträgen umgehe. Meldet man sich einfach nur, um Material für die Bühne zu haben, doch mal bei diesen Jungs?
sh:z: Deine Groupies?
Ina Müller: Ja. Oder lässt man’s? Will ich das? Ich glaub, ich will das gar nicht. Und wenn ich dann von der Bühne sage: "Wenn einer von Euch so bis Herbst für mich da wäre, damit ich neue Geschichten hab", dann finde ich das lustig.
sh:z: Sehr schön ist auch die Ode an die Weiberfreundschaft, "Drei Männer her".
Ina Müller: Mhm. Ganz toll. Der Texter Frank Ramond, der Komponist Hardy Kayser und ich saßen auf Sylt, um am neuen Album zu arbeiten. Und da hab ich ein bisschen erzählt. Ich habe zwei allerbeste, dickste Freundinnen. Die eine habe ich vor 17, 18 Jahren auf Sylt kennengelernt, als ich noch in einer Apotheke gearbeitet habe. Und mit der bin ich damals tatsächlich besoffen im Meer baden gegangen und so weiter. Darüber mussten wir einfach ein Lied schreiben.
sh:z: Und was hat Deine Freundin gesagt, als sie von dem Lied gehört hat?
Ina Müller: Geweint. Und die andere Freundin ist die am Rhein. Also es kommen beide Freundinnen in diesem Lied vor - die eine, mit der ich auf Sylt gewohnt habe, und die andere, die am Rhein wohnt. Ich freue mich auch, dass wir uns dazu entschieden haben, das als Single zu nehmen, weil es mal eine andere Thematik ist.
sh:z: Was ist das Besondere einer Weiberfreundschaft?
Ina Müller: Wenn er dich verlässt, ist die Weiberfreundschaft das, was dich am Leben hält. Die kommen und machen dir Hühnersuppe und sagen noch: "Wir müssen Knochen drin auskochen. Das gibt die Kraft." Und die sind so renitent, indem sie einfach da sind und sich den gleichen Dreck zehnmal anhören. Die sagen dir auch Bescheid, wenn du so dermaßen neben dir bist. Dann ditschen die dich locker an und sagen, "Du machst mir so’n bisschen Angst mit dem, was du da sagst. "Also: Die sind immer ehrlich. Die sind immer für mich da. Die besten Freundinnen sind das Wichtigste im Leben. Absolut. Und diese Menschen, die haben ein Lied verdient!
sh:z: Du hast einmal gesagt, "Liebe macht blind" sei dein zweitliebster Song auf der neuen CD. Welches ist dein Lieblingslied?
Ina Müller: "Mr. Big". Im Moment. Am Anfang war es "Drei Männer her". Aber man überhört sich das ja auch schnell. Jetzt ist es also "Mr. Big" und in vier Wochen könnte es auch "Wenn du fliegst" sein. Keine Ahnung. Auf der CD ist so eine Mischung aus lustigen Songs und ernsten Liebesballaden. Am Anfang amüsiert man sich diebisch über die lustigen Songs, aber irgendwann gewinnen die Balladen.
sh:z: Wenn Du Deine beiden Alben - "Weiblich. Ledig. 40." und "Liebe macht taub" - miteinander vergleichst, wie ist das zweite?
Ina Müller: Und da sind wir wieder bei dem Wort Klischee. Jedes Wort, das ich jetzt sagen könnte, wie "erwachsener" oder "mehr Ina", wäre Klischee. Das Album ist einfach das, was dabei rauskommt, wenn sich drei Leute treffen und kreativ austauschen. Mit allem, was sie bewegt.
sh:z: Frank Ramond schreibt Deine Texte - und trifft Dich punktgenau. Wie macht Ihr das?
Ina Müller: Wir haben eine Zusammenarbeit gefunden, die macht so einen Spaß und geht über das Berufliche hinaus. Damit diese Texte entstehen, braucht man einen gleichen Humor und eine ähnliche Art zu denken. Ich muss Frank ja auch kapieren, und wir müssen, wenn er eine Zeile schreibt, beide drüber lachen können.
sh:z: Kannst Du Dir auch vorstellen, eine CD dieser Art auf Platt zu machen?
Ina Müller: Wir haben diesmal überlegt, ob wir zwei, drei plattdeutsche Songs mit auf das Album nehmen. Aber dann haben alle gesagt, "Das ist dann Bauchladen." Dennoch. Ich könnte mir ein ganzes Album auf Platt durchaus vorstellen. Ich finde, dass Plattdeutsch sich extrem schön singen lässt. Was mir ein bisschen auf den Keks geht, ist, dass das jetzt so viele machen. Das hat die Sprache nicht verdient. Ich singe Platt, weil ich es kann. Und zwar beides. Platt sprechen und platt singen. Und weil es ein Teil von mir ist. Aber im Moment ist eben nicht die Zeit dafür.
sh:z: Du bist als Künstlerin national für den Echo nominiert gewesen. Kürzlich wurde Dir die Goldene Schallplatte für Deine erste CD überreicht. Wie fühlt sich das an?
Ina Müller: Ah! Erstmal: Das ich überhaupt auf der Bühne stehe, war nie geplant. Dann fange ich mit dem Kabarett an, mache 15 Jahre Kabarett - und fühle mich auch noch als singende Kabarettistin. Dann kommt eine Plattenfirma. Dann sind die so nett. Dann hast du eine CD. Und dann kommen auf einmal Worte wie "Echo-Nominierung" und "Gold". Diese Worte sind für eine sich in der Kleinkunstszene bewegende Kleinkunstdüse die größten Worte - mit denen ich nie gerechnet hätte. Und dann sitzt du beim Echo, und in dem Moment, wo dein Name fällt, geht so ein Raunen durch die Reihen. Nach dem Motto: "Wer ist denn das?" Also, diese Goldene, das ist so wie wenn man sagt, man möchte einmal im Leben heiraten. Und wer möchte nicht einmal im Leben eine Goldene bekommen? Das ist so ein Knaller. So ein Knaller!
sh:z: Und wo hängt sie?
Ina Müller: Die steht neben der Wohnungstür. Vielleicht lass ich sie da auch. Und wenn einer zu Besuch kommt und fragt, sag ich: "Och, ich hab vergessen, die in den Keller zu bringen." (lacht)
Das zweite Album von Ina Müller "Liebe Macht Taub" erscheint am Freitag, dem 28.März.

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