Kino ohne Grenzen

Das Herrenhaus Grabau bei Bad Oldesloe als Internat: Von hier aus starten die Schüler Ditlev, Ulrik und Kimmie als Verbrecher ins Leben
Das Herrenhaus Grabau bei Bad Oldesloe als Internat: Von hier aus starten die Schüler Ditlev, Ulrik und Kimmie als Verbrecher ins Leben

Jussi Adler-Olsens Thriller „Schändung“ wurde zu einem großen Teil in Schleswig-Holstein gedreht – und feierte Deutschland-Premiere in Flensburg

fju_maj_0203 von
08. Januar 2015, 15:33 Uhr

Regelmäßig stehen die Thriller des dänischen Autors Jussi Adler-Olsen an der Spitze der „Spiegel“-Bestseller-Liste – und bei ihrer Verfilmung spielt Schleswig-Holstein gleich doppelt ganz vorne mit: Der neue Streifen „Schändung“ wurde zu einem Drittel im nördlichsten Bundesland und Hamburg gedreht. Und bereits eine Woche, bevor er bundesweit auf die Leinwände kommt, wurde er im Flensburger „UCI“-Kino vorgestellt. 500 Zuschauer, darunter Vize-Ministerpräsident Robert Habeck, erlebten eine schauerlich-prickelnde Deutschland-Premiere.

Keine Stadt wäre dafür passender, befand Oberbürgermeister Simon Faber – schließlich seien deutsch-dänische Kooperationen in den verschiedensten Lebensbereichen Alltag in der Grenzstadt. Das zweistündige Psycho-Drama ist nicht nur durch seine Drehorte ein binationales Kind. „Zentropa Entertainments Berlin“ fungierte bei „Schändung“ als Ko-Produzent der „Zentropa“-Mutter-Gesellschaft in Kopenhagen. Die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und der Deutsche Filmförderfonds steuerten ebenso Zuschüsse bei wie das Dänische Filminstitut.

Gleich zum Auftakt kommt Schleswig-Holstein ausgiebig vor: Das Herrenhaus Grabau im Kreis Stormarn gibt die Kulisse eines Internats ab, in dem eine Schüler-Clique zum Verbrecher-Trio heranreift. Von den eigenen Eltern auf Abstand gehalten und vom Schulalltag gelangweilt, verschaffen sie sich mit Gewalttaten jeden Sonntag einen Kick. Aufgeklärt werden die Grausamkeiten erst 20 Jahre später. Das „Kommissariat Q“ unter Leitung von Titelheld Carl Mørck (Nikolaj Lie Kaas) muss dafür einen existenziellen Kampf gegen die Kopenhagener Schickeria aufnehmen. Denn zu der gehören die zwei männlichen Mitglieder der einstigen Clique inzwischen. Entsprechend weit reicht deren Einfluss, um die Ermittlungen zu stören. Auf der exakt anderen Seite ist im Prostitutions- und Drogenmilieu Kimmie gelandet – zu Schulzeiten erst Mittäterin und Geliebte, dann verstoßen und ihrerseits von den Jungs geschändet. Aus dieser Verletzung und dem explosiven Gegensatz zwischen ganz oben und unten schöpft das Leinwand-Epos seine Kraft. Tempo bringt der stete Wechsel zwischen den Zeitebenen einst und jetzt. Für schwache Nerven sind die Bilder nichts. Selbst bei denen, die gute haben, hinterlassen sie Beklemmung. Regisseur Mikkel Nørgaard will es so mit der Direktheit der Schläge, Tritte und Stiche. Auch wird es kaum je hell, und trotz der Lösung des Falls gibt es kein Happy End.

Warum „Schändung“ in Dänemark im Herbst dennoch zum meistgesehenen Kino-Film aller Zeiten wurde, konnte ein Experte in der anschließenden Talkrunde einfach erklären: „Das Ungeschminkte schafft für den Zuschauer eine besondere Nähe zu den Figuren“, erklärte Christoph Ott aus der Leitung des Filmverleihers NFP. „Das ist authentischer als Hollywood und kommt deshalb gut an.“ Sarah-Sofie Boussnina, Darstellerin der jugendlichen Variante von Hauptfigur Kimmie, berichtete von einer besonders aufwändigen Vorarbeit, um sich in die nötige Gewaltbereitschaft hineindenken zu können. Sehr hilfreich für dieses intensive Charakterstudium sei der Dreh in Deutschland gewesen: „Hier konnten wir uns besonders konzentrieren, weil wir von Freunden, Familie und Hobbys getrennt waren.“ Das Herrenhaus Altenhof bei Eckernförde und Hamburg-St. Georg dienten als weitere Kulissen.

Daran möchte die deutsche Ko-Produzentin Maria Köpf anknüpfen. Im Mai und Juni, verriet sie, werde Zentropa den dritten Mørck-Film „Erlösung“ aufnehmen. Dafür suchten Scouts gerade erneut Schauplätze in den zwei nördlichsten Bundesländern. Sie kämen in Dänemark gut an, weil sie „ähnlich wie dort und doch einen Tick anders“ seien. Überhaupt hat Köpf die „verwandte Mentalität“ der deutschen und dänischen Teams Appetit auf mehr gemacht. Da die Cineastin 2016 Chefin der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein wird, zeichnet sich auch jenseits von Jussi Adler-Olsen ein engerer filmischer Schulterschluss über die Grenze ab.

Die Deutschland-Premiere nach Flensburg geholt hatten der sh:z und der Filmverleih NFP. Der Erlös kommt der Kinderhilfs-Initiative „Schutzengel“ zugute.

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