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Kunst : Kiel zeigt «Anachronismus in der zeitgenössischen Kunst»

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Es geht um Brutalität in Videospielen, die Erinnerung an die Mauertoten in der DDR oder die existenzielle Frage nach Gott.

Die internationale Ausstellung mit dem sperrig-abstrakten Titel «Old School - Anachronismus in der zeitgenössischen Kunst» ist für den Betrachter in der Kieler Kunsthalle weit mehr als lediglich die Wiederentdeckung und Nutzung alter Kunsttechniken und Materialien, nämlich Sozial- und Zeitkritik.

Die Schau ist bis zum 26. Januar in Kiel als einziger Ausstellungsstation zu sehen. «Alles Menschliche bekommt etwas Anachronistisches», sagt Kunsthallendirektorin Anette Hüsch, die zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Natascha Driever als Kuratorinnen die exquisite Schau mit 38 Werken und Werkserien von zwölf Künstlern aus Europa, den USA und Kanada zusammengestellt hat.

Der Brite David Shrigley, der für den Turner-Preis 2013 nominiert ist, zeigt mit Humor bewegte Strichmännchen-Zeichnungen auf einem Monitor: in «The Artist» zum Beispiel einen Künstler, wie er Strich für Strich ein immer mürrischer werdendes Aktmodell malt. Am Ende verpasst er ihr einfach einen lachenden Mund und geht. «"Woher kommen wir - Und was ist ein Künstler" sind die wesentlichen Fragen der beiden in der Ausstellung gezeigten Filme», erläutert Driever.

Der deutsche Künstler Elger Esser, Schüler des legendären Düsseldorfer Fotografen Bernd Becher, hat aus seinem Schatz von 25 000 Fotodokumenten französische Postkarten aus der Zeit um 1900 bis zu 400-fach vergrößert. Beim Herantreten lösen sich die vermeintlichen Monumentalgemälde in gerasterte Abstraktionen auf. «Was ist ein fotografischer Augenblick und was ist ein Gemälde?», die Frage nach Bild- und Erinnerungsvorstellungen drängen sich auf.

Mit zwei großen Bild-Collagen - teils klassisch gezeichnet, teils gescannt - und einer Skulptur aus Karton vermisst die in Berlin lebende kanadische Künstlerin Larissa Fassler auf ihre Art das «Kottbusser Tor», einen architektonisch widersprüchlich gestalteten Platz und sozialen Brennpunkt in Berlin-Kreuzberg, neu und ganz persönlich. Jeder Schritt entspricht im Modell drei Zentimetern. Eine Botschaft betonen die Ausstellungsmacher: «Individuelle räumliche Orientierung wird zunehmend von elektronischen Navigationssystemen verdrängt.» «Im Gedenken an», so der Titel einer 29-teiligen Druckgrafik von Ulrike Kuschel, wird unspektakulär, aber umso beeindruckender an die Toten der Berliner Mauer erinnert. Die Künstlerin hat alte Jahreskalender aus der DDR von 1961 bis 1989 verwendet. Neben Feiertagen wie Ostersonntag, dem Geburtstag von Ernst Thälmann und alten persönlichen Notizen wie Kohlelieferungen hat sie unter dem jeweiligen Datum die Namen der Mauer-Toten gesetzt.

Beklemmend wirkt auch das Projekt «School's Out» des Slowenen Tadej Pogacar. Er hat Fotografien vom uniformen und von Gruppenzwang geprägten Sportunterricht aus den 1940-1970er Jahren kombiniert mit Textfragmenten oder auch abstrakten Bildern. Ein Foto zeigt eine Masse Schüler, wie jeweils einer über den anderen springt - daneben hat der Künstler mehrere schlingenförmige Knoten gesetzt, die Linienführungen scheinen sich zu entsprechen.

Optisch opulent zieht das farbenfrohe, wandfüllende Arrangement «St. Paul» von Martin Assig in den Bann. Die Bilder, quadratisch über- und nebeneinandergehängt, sind in der bereits in der Antike verwendeten Kunsttechnik «Enkaustik» gestaltet. Dafür werden Farbpigmente in flüssiges Wachs gemischt, der Künstler malt damit und erzielt eine außerordentlich intensive Farbkraft. Assig belässt es aber nicht bei abstrakten oder ornamenthaften Linienführungen. In den Bildern kann der Leser religiöse Aufschreie oder Bekenntnisse entdecken: «Rette mich» oder «Wenn ich sterbe, bin ich nicht tot.»

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erstellt am 25.Sep.2013 | 14:17 Uhr

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