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Mehr als Musik : Kettcars «Ich vs. Wir» trifft mit Wucht

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Beim neuen Kettcar-Album muss man mehrmals hinhören. Dann schlägt es ein. Kaum ein Künstler wagt es derzeit, so politisch zu sein.

shz.de von
erstellt am 17.Okt.2017 | 06:00 Uhr

Ein Beat wie ein Herzschlag. Mehr Sprache als Gesang. Dann kommt die Gänsehaut. «Sommer ’89 ...» ist mehr als ein Lied. Die erste Single vom neuen Album der Hamburger Band Kettcar ist eine Kurzgeschichte, eine Metapher, ein Politikum.

«Ein Song wie gute Literatur», findet Schriftstellerin Juli Zeh. Nach fünf Jahren Pause hat Kettcar mit «Ich vs. Wir» (GHvC) ein Album geschaffen, das politisch ist, wie es kaum ein anderer Musiker wagt - und trotzdem leicht zu hören.

In neun der elf Titel rechnen die Hamburger, bekannt für intelligente Texte, knallhart mit der Gesellschaft ab. «Ich hab meiner Band gesagt: Wenn wir nochmal ein Album machen, dann wird es nicht eine Sekunde gemütlich werden», sagt Sänger Marcus Wiebusch (49) im Interview der Deutschen Presse-Agentur. «Dass wir uns den Themen unserer Zeit stellen und ein dissidentes Album machen.»

Er habe «für mich als Mensch» gespürt, dass er angesichts der politischen Entwicklung derzeit keine «gemütlichen Lieder» über die Liebe schreiben könne. «Zu dem heutigen Zeitpunkt interessiert mich sowas nicht mehr.»

«Ich vs. Wir» ist ein Album über die Themen unserer Zeit. Kettcar beschreiben einen Rechtsruck in der Gesellschaft, nimmt Flüchtlingskrise und Gentrifizierung auf. «Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)» erzählt oberflächlich gesehen die Geschichte eines Fluchthelfers kurz vor dem Mauerfall. Zwischen den Zeilen steckt eine Botschaft, die aktueller nicht sein kann: Dass man über Menschlichkeit nicht verhandeln kann.

«Sommer '89 geht nicht eine Sekunde, nicht mit einem Wort auf unsere aktuelle Flüchtlingskrise ein», sagt Wiebusch. Doch alle spürten, dass es genau darum gehe. Er habe den Song geschrieben, «um alle daran zu erinnern, dass helfen durch Zäune ein zutiefst menschlicher Akt ist». «Menschen kriechen durch einen Zaun - und es macht uns zum Menschen, ihnen zu helfen.»

In «Wagenburg» nehmen Kettcar den ständigen Kampf des Individuums gegen die Gemeinschaft auf. Es geht auch um Pegida, die, so sagt Wiebusch, zwar «Wir sind das Volk» rufen, aber «Ich bin das Volk» meinen. «Mannschaftsaufstellung» geht auf Angriffe auf Flüchtlinge und ihre Unterkünfte ein - und auf ein Deutschland, das so nicht Kettcars «Mannschaft» ist, in dem sie so nicht leben wollen.

Jedes dieser Lieder erfordert Mut. Doch den hat Wiebusch ja bereits bewiesen, als er 2014 mit «Der Tag wird kommen» über Homophobie im Fußball sang. Die wahre Wucht seiner Texte kommt oft beim ersten Hören noch nicht durch. Man möchte sie nachlesen. «Ich versuche jeden Satz zu nageln. Jede Zeile zählt, das ist bei mir nunmal so», sagt der Songschreiber.

Musikalisch haben sich Kettcar - zu denen neben Marcus Wiebusch noch Erik Langer (Gitarre), Reimer Bustorff (Gitarre), Lars Wiebusch (Keybord) und Christian Hake (Schlagzeug) gehören - mit «Ich vs. Wir» nicht groß weiterentwickelt. Es ist robuster Pop-Rock mit starken Drums und Gitarren. Der typische Kettcar-Sound. Doch um musikalische Experimente ging es auch nicht. Kettcar haben viel zu sagen - und das macht zumindest «Sommer '89...» zu einem der wichtigsten Songs und «Ich vs. Wir» zu einem der eindrucksvollsten Alben des Jahres.

Kettcar - Videos zum Album

Label-Website

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