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Kein Bock auf Charlottes Baby

vom

Im Hannover-Tatort hat Ingo Naujoks lange einen Krimi-Schriftsteller gespielt, im echten Leben ist er Schirmherr des NordMordAwards

shz.de von
erstellt am 30.Mai.2013 | 08:05 Uhr

berlin | Vielleicht wäre Ingo Naujoks heute Tatort-Kommissar, wenn er keine Krimis geschrieben hätte. Acht Jahre lang stand der Berliner in Hannover gemeinsam mit Maria Furtwängler für den Tatort vor der Kamera - als Krimiautor Martin Felser. Dann warf Naujoks hin.

Die Figur des neurotischen Schriftstellers, der sich mit der Kommissarin Charlotte Lindholm die Wohnung teilt, war ihm irgendwann nicht mehr interessant genug; "Martin war zu einem besseren Babysitter für das Kind der Kommissarin verkommen", sagt Naujoks. Wickeln, füttern, trösten, mehr war zum Schluss nicht mehr. "Und ich hatte nur noch den immer gleichen Satz: Charlotte, wo gehst du hin?". Dazu kam dieser vielsagende Gesichts ausdruck, den Naujoks aufsetzen kann wie kaum ein zweiter im deutschen Fernsehen: Dann graben sich Verzweiflung und Fassungslosigkeit in sein Gesicht, die Augen blicken leidend - ein leicht verknautschtes Bild des Jammers.

Der Abschied aus dem Hannover-Tatort war gleichbedeutend mit dem Abschied aus der gesamten Reihe: "Da bin ich verbrannt, ich kann nicht in Hannover verschwinden und irgendwo im Ruhrgebiet wieder als Kommissar auftauchen." Schade eigentlich, denn Ingo Naujoks ist ein Charakterkopf des deutschen Films. Aber er ist nicht nur Schauspieler, sondern ein Mann, dessen Meinung gefragt ist. Vor einigen Wochen saß er bei Maybrit Illner in der Talk-Sendung und hat über steigende Mieten diskutiert. Er kennt das Problem, hier in Berlin ist es nicht anders als in Hamburg, München oder Düsseldorf. Auch über die Qualität des deutschen Fernsehens hat Naujoks sich schon oft geäußert: "Es fehlt der Mut zum Außer gewöhnlichen. Sogar die Mörder sehen heute im Film aus wie Geschäftsleute."

Und - nicht zuletzt - kennt er sich mit Kriminalromanen aus: "Eines meiner größten Hobbys." Deshalb hat Naujoks auch nicht lange überlegt, als er gefragt wurde, ob er Schirmherr des Kurzkrimi-Wettbewerbs "NordMordAward" werden wolle: "Ich mache das wirklich gerne und bin echt gespannt." Er will zur Preisverleihung kommen und, wenn möglich, auch eine Lesung geben. "Geil wäre es, wenn ich in den Geschichten richtig interessante neue Charaktere entdecken könnte. Wenn mir der Protagonist gefällt, lese ich immer weiter - egal wie die Geschichte ist." Ein paar Beispiele für gute Krimiautoren nennt Naujoks gleich mit: Philip Kerr, Jörg Juretzka, Sebastian Fitzek.

Martin Felser nennt er nicht, ist ja auch nur ein fiktiver Schriftsteller. Abgeschlossen hat er mit dem Tatort-Charakter trotzdem nicht: "Martin ist schließlich nur verreist, er könnte also wiederkommen." Aber nur, das macht Naujoks deutlich, wenn sich die Rolle wieder mehr dem Krimiautor und weniger dem Babysitter widmet. Charlotte Lindholm würde sich über die Rückkehr ihres Mitbewohners gewiss freuen - und künftig öfter auf die kriminalistischen Ratschläge des Babysitters hören. Ein Manuskript für die Teilnahme am NordMord Award kann übrigens noch bis einschließlich 31. Mai 2013 über das Formular auf der Homepage www.kriminordica.de eingereicht werden.

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