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Pulvermühle : Kaffee, Küchla, Literatur: Ein Gruppe-47-«Klassentreffen»

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Fünf Jahrzehnte nach ihrem letzten Treffen sind Protagonisten der legendären Gruppe 47 wieder zusammengekommen - eine Art Klassentreffen der Nachkriegsliteratur in Oberfranken. Sogar ein wenig Streitlust ist geblieben.

shz.de von
erstellt am 15.Okt.2017 | 20:40 Uhr

Sie sitzen in der milden Oktobersonne, blicken auf Felsen, buntbelaubte Bäume, eine Burg. Sie trinken Kaffee und essen Küchla, eine fränkische Spezialität aus Hefeteig.

Fünf Jahrzehnte nach dem letzten Treffen der legendären Autorenvereinigung Gruppe 47 hat die Stadt Waischenfeld die noch lebenden Mitglieder eingeladen zu einem Literaturfestival. Denn hier im Gasthof «Pulvermühle» wurde vor 50 Jahren Literaturgeschichte geschrieben, als das Ende der Gruppe 47 eingeläutet wurde.

Berühmte Namen sind gekommen - Hans Magnus Enzensberger (87) etwa oder Friedrich Christian Delius (74). Martin Walser (90) indes hatte abgesagt.

Sie lesen aus ihren Werken, aber genießen es auch sichtlich, ins Gespräch zu kommen - in entspannter Atmosphäre an diesem schönen Herbsttag. Und doch - die Sache ist ernst, trotz aller Nostalgie ist ein gewisses Maß an Streitlust geblieben.

Als bei einer Podiumsdiskussion am Sonntagmorgen davon die Rede ist, es habe unter den Gruppe-47-Autoren eine Art politischer Selbstverpflichtung gegeben, widerspricht Büchner-Preisträger Delius energisch: Der Austausch publizistischer und literarischer Texte - das sei der Anfang der Gruppe 47 gewesen. «Bei jeder Lesung ging es um den Text. Die einzige Verpflichtung war, ästhetische Kriterien zu finden, für das, was vorgelesen wurde.» Von Verpflichtungen wolle er nichts hören, «das ist Quatsch». Auch Ingrid Bachér (87) betont: Man sei wegen der Literatur zusammengekommen. «Das war der große Reiz dieser Gruppe für mich.»

Enzensberger sagt, er bedaure bei der Gruppe 47 die Abwesenheit von Exil-Autoren, die vor dem Nazi-Regime geflohen waren: «Das nehme ich der Gruppe ein bisschen übel.» Jürgen Becker, der 1967 in der «Pulvermühle» den letzten Preis der Gruppe 47 gewinnen konnte, versucht, die Motive von Hans Werner Richter, dem Initiator, zu ergründen.

Der 1993 gestorbene Richter habe sich damals mit Menschen seiner Generation nach Diktatur, Krieg und Zusammenbruch gefragt: «Wie machen wir weiter?» Er habe die Zeitgenossen im Boot haben wollen, nicht die Stimmen der Vergangenheit. Jedoch: «Es erscheint im Nachhinein als ungerecht, dass er bei diesem Neuanfang die Exil-Literatur draußen haben wollte.»

Enzensberger sitzt auf einem Podium und erinnert sich: an Intrigen, an einen «Jahrmarkt der Eitelkeiten», daran, wie «amüsant und lustig» es zuweilen zuging - aber auch an seine gemischten Gefühle, als er die Einladung in Händen hielt, im Jahr 2017 nach Waischenfeld zu kommen. Seine Augen leuchten, wenn er mit Hans Christoph Buch und Jürgen Becker Erinnerungen austauscht.

Ein «Veteranentreffen» sei es ja irgendwie, findet Delius. Und auch gegen den Begriff «Klassentreffen» habe er nichts einzuwenden. Er finde gut, dass wieder mehr über die Gruppe 47 gesprochen werde.

Es gibt zwar einen Zeitplan der Veranstalter, doch von Marketing-gerechter Einhaltung eines Programms hält hier in Waischenfeld niemand etwas. «Die Autoren sind keiner Pflicht verpflichtet», sagt Organisatorin Karla Fohrbeck. Sie nimmt es mit Humor, die Gäste auch.

Eine Ausstellungseröffnung verschiebt sich, weil viele Literaten sich lieber in der Kleinstadt tummeln. Von Waischenfeld selbst habe man ja vor 50 Jahren eher wenig mitbekommen, erinnert sich Delius: «Wir kamen von der Autobahn aus Berlin, es war dunkel.»

Wer der Hektik der Frankfurter Buchmesse entfliehen will, ist an diesem Wochenende im ländlichen Waischenfeld genau richtig. Diese Art der Abgeschiedenheit suchte auch einst Richter, als er zu den Treffen der Gruppe einlud, die offiziell ja eigentlich keine Gruppierung war. Wer eine Postkarte von Richter bekam, durfte kommen.

Die Gruppe 47 mit ihren Protagonisten wie Günter Grass, Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann, Martin Walser und Enzensberger galt als wichtigste Intellektuellen-Bühne der Nachkriegszeit.

Doch in der «Pulvermühle» 1967 zeigte sich, dass die Generationenkonflikte unüberbrückbar geworden waren. Draußen protestierten links-gerichtete Studenten aus Erlangen, drinnen zerfiel die Gruppe. Ein von Richter geplantes Treffen im Jahr 1968 im heutigen Tschechien scheiterte, weil dort der Prager Frühling von sowjetischen Truppen niedergeschlagen wurde.

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