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«Die Odyssee» : Jonas Grethlein macht Lust auf Homer

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Die Götter lassen Odysseus auf dem Meer umherirren. Er nimmt es mit dem einäugigen Polyphem, mit der Zauberin Kirke und Sirenen auf. Doch warum faszinieren nach fast 3000 Jahren die Abenteuer noch immer?

Unzweifelhaft ist sie einer der größten Schätze der Weltliteratur: Homers «Odyssee». Kein Kanon, der etwas auf sich hält, kommt um die so lebendig besungenen Irrfahrten des Odysseus herum, dieses von den Göttern geplagten Königs der Insel Ithaka.

Weit bis ins vergangene Jahrhundert hinein gehörte in Europa das griechische Epos - neben Homers «Ilias» - zu den Grundlagen jeder Bildung.

Auch wenn die Lektüre heute vielleicht nicht mehr in der ersten Reihe steht, so bleiben die Mythen des rund 2800 Jahre alten Werks im Alltag gegenwärtig: Man spricht etwa bei verwundenen Wegen noch immer von einer Odyssee, von der Zauberin Kirke stammt das Wort «bezirzen» und auch die Sirenen sind als technisches Alarm-Geheul weiterhin zu vernehmen.

In seinem Buch «Die Odyssee» nähert sich der Heidelberger Altphilologe Jonas Grethlein der homerischen Kunst des Erzählens. Was fesselt noch heute von den Abenteuern des listigen Erfinders des Trojanischen Pferdes, der nach dem Willen der Götter zehn Jahre über die Meere irrt, bevor er wieder in die Arme seiner Frau Penelope und seines Sohnes Telemach fallen darf?

Für Grethlein ist das Faszinierende an der «Odyssee», dass sich die Spannung weniger auf das Was - immerhin wird die Heimkehr des Helden schon während der Lektüre von Wahrsagern vorweggenommen - sondern auf das Wie fokussiert. Hier zieht er augenzwinkernd den Vergleich zu Ian Flemings «James Bond» heran, bei dem auch von vornherein klar ist, dass «007» am Ende jeden Widersacher zur Strecke bringt.

Die packende Frage lautet bei beiden: Wie wird er sich aus den Gefahren befreien? Bei allen Unterschieden zu Homer sieht Grethlein in der Parallele zur antiken Literatur eine Erklärung, warum viele Menschen etwa auch Romanzen und Arztromane lesen: Weil es mitreißend sei, «wie ein von Anfang an absehbares Ende erreicht wird».

Homer beginnt sein Epos mit Odysseus' Sohn Telemach, und es dauert ganze vier Bücher, bis der eigentliche Held überhaupt das erste Mal auftritt. «Dieser Aufschub erhöht die Spannung, die der Leser angesichts der drohenden Hochzeit von Penelope empfindet.» Auf Ithaka hält eine Schar von Buhlern um die Hand seiner Frau an - und so ist von Anfang an klar: Die Zeit drängt für Odysseus. Sein «unstillbares Verlangen nach Heimkehr» treibe die Handlung an, schreibt Grethlein.

Die 12 110 Verse der «Odyssee» nennt der 38-jährige Altphilologe eine «intellektuelle Herausforderung und ästhetisches Vergnügen zugleich». Der Griechisch-Professor steht selbst in einer großen Tradition: An seinem Heidelberger Lehrstuhl ist er einer der Nachfolger von Johann Heinrich Voß, dessen Homer-Übersetzungen vom Ende des 18. Jahrhunderts selbst als klassisch zu bezeichnen sind.

«Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, / Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung.» Generationen von Schülern und Studenten kannten diese ersten Voß'schen Verse der «Odyssee» auswendig - manch einer gar im griechischen Original.

Grethlein findet, dass gerade der episodische Stil Homers - bei dem die Irrfahrten des Helden von verschiedenen Figuren in einzelnen Berichten vorgetragen werden - die Leser so sehr fesselt, «dass sie, dem Hier und Jetzt entrückt, das Gehörte selbst zu erleben scheinen».

Und so ist wohl zu erklären, warum auch heute noch viele der Abenteuer im Gedächtnis hängen geblieben sind. Der einäugige Kyklop Polyphem, den das griechische Schlitzohr erst betrunken macht und dann mit einem Pfahl blendet. Die Sirenen, halb Frau halb Vogel, deren Gesang so betörend ist, dass Schiffe die Klippen zu ihren Füßen ansteuern und daran zerschellen. Odysseus' Geliebte Kirke, die einen Teil seiner Mannschaft in Schweine verwandelt. Oder die beiden Seeungeheuer Skylla und Charybdis, die kaum ein Schiff ungeschunden passieren lassen.

Die «Odyssee» hat wie kaum ein anderes Werk die abendländische Literaturgeschichte beeinflusst. Durch Grethleins Buch wird einem bewusst, warum das so ist. Und es zeigt: Vielleicht ist es einfach (wieder) einmal an der Zeit, selbst zum Homer zu greifen.

- Jonas Grethlein: Die Odyssee. Homer und die Kunst des Erzählens. C.H.Beck, 329 Seiten, 26,95 Euro, ISBN 978-3-406-70817-6.

Verlag über Grethleins «Die Odyssee»

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erstellt am 16.Mai.2017 | 14:30 Uhr

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