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Mundart-Gedichte : «Jetzt kommt dis Berlin mir wieder»

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Wenn vor Gott eigentlich alle Menschen Berliner sind, wie Theodor Fontane liebevoll-ironisch mutmaßte, dann muss es ja auch Gedichte im Berliner Dialekt geben. Und ob es die gibt - und mehr als man denkt, auch von prominenten Autoren.

Wolf Biermann sitzt in einem Café in Tel Aviv und hört die Lebensgeschichte eines vor den Nazis geflohenen Berliners, der seit über einem halben Jahrhundert kein Deutsch mehr gesprochen hat. «Det Komische is: Nu bin ick alt, jetzt kommt dis Berlin mir wieder.»

Er war ein «normalet Berliner Kind», erinnert sich der einstige Schuljunge aus Berlin-Moabit, der ab 1933 in der Schule ohne Freund war und immer «alleene auffer Bank janz hinten jesessen» habe. «Ick hatte wohl Berlin nie verlor'n, ooch nich die Berliner Schnauze.»

Diese Berliner Erinnerungen, die Biermann in Versform im Berliner Dialekt wiedergibt, gehören zu den schönsten Beispielen einer Sammlung von Berliner Mundart-Gedichten seit 1830, die jetzt in der Anderen Bibliothek erschienen sind («Ick kieke, staune, wundre mir - Berlinerische Gedichte von 1830 bis heute»). Obwohl Dialekte bekanntlich mehr von der gesprochenen Sprache leben, als dass sie sich schriftlich wirklich erschließen, macht es doch ein gewisses Vergnügen, diesen literarisch-poetischen Streifzug durch den wohl bekanntesten deutschen Großstadtjargon zu unternehmen.

Eines der berühmtesten Beispiele Berliner Mundartverse ist das aus verschiedenen Quellen überlieferte beziehungsweise übernommene Gedicht «Icke» mit den berühmten Versen: «Ick sitze hier und esse Klops, uff eenmal kloppt's. Ick kieke, staune, wundre mir, uff eenmal jeht se uff, de Tür. Ick jeh' raus und kieke, und wer steht draußen? Icke!» Und zeitgemäßer gibt es da auch «die Ballade von dem zu Wahlkampfzwecken herbeigeeilten Minister, der sich widerwillig eine Currywurst reinzieht, und dem Typen vom Imbiss, der da immer is». Oder die Rolltreppen-Begegnung von Tanja Dückers mit einem Punk am Alex: «Ick liebe dir johlt er plötzlich, ick dich ooch, ruf ich so, leichthin über die Schulter. Echt? vernehm ick noch, dann bin icke in de S-Bahn und er unten verschwunden.»

Neben den zahlreichen Beispielen auf rund 460 Seiten erzählen mehrere lesenswerte Essays die Geschichte der «Berlinerischen Gedichte» über die verschiedenen Epochen seit 1830 bis zur Gegenwart. So erfährt man zum Beispiel, dass im letzten Krieg sogar in den «Feindsendern» BBC und «Radio Moskau» manchmal berlinert wurde «jejen Joebbels und Konsorten».

Der Schriftsteller Hans Christoph Buch beschreibt seine Hassliebe zum Berliner Dialekt, der genau genommen eher ein Großstadtjargon, in diesem Fall eine Metropolensprache, sei, ein schnoddriger Ton, der im Ostteil Berlins nach 1945 noch schlimmer geworden sei. «Das dort gesprochene Deutsch klang wie Grenzhundegebell». Aber schon Fontanes Freund Willibald Alexis habe ja gemeint, dass der Berliner Dialekt «nur im ersten Moment Lächeln erregt, auf die Dauer aber das Ohr beleidigt».

Ausgerechnet das elegante Französisch aber übte übrigens durch die Hugenotten-Einwanderung in Preußen eine nachhaltige Wirkung auf die Berliner Mundartgedichte aus. Ein Lieblingsgedicht von Marcel Reich-Ranicki war «Ick baumle mit de Beene», das in der Vertonung von Friedrich Hollaender zu einem Evergreen der 20er Jahre wurde. Aus dieser Zeit stammt auch Tucholskys berühmtes Gedicht «Mutterns Hände» («Hast uns Stullen jeschnitten un Kaffe jekocht...Wir war'n Sticker acht, sechse sind noch am Leben»).

Besonders populär wurden Berliner Mundartgedichte und Couplets mit philosophischen Anklängen in Heinrich Zilles «Milljöh», dem Berliner Proletariat mit seinen Mietskasernen und Hinterhöfen, zum Beispiel mit dem «Bettelsong» von Jo Mihaly: «Wat is denn das Leben? Asyl und Spital! Jeboren, jestorben, verjessen» oder dem «Stempellied» von dem Operetten- und Schlagerdichter Robert Gilbert («Das gibt's nur einmal»): «Ohne Arbeit, ohne Bleibe, biste null und nischt...Äusserst schnell schafft die Jesellschaft Menschen uff'n Müll.»

Nachdenklich-melancholische Verse stammen auch von Tucholsky, der im schwedischen Exil 1935 in den Tod ging, mit seinem philosophischen Gedicht «Wenn eena dot is, krist'n Schreck. Dann denkste: Ick bin da, un der is weg...Der Rest is Quatsch.» Walter Mehring besingt in seiner «Ode an Berlin» das trotzige Lied und Leid der Exilanten nach ihrem Rauswurf durch die Nazis aus der Heimat: «Nun brillt ihr: Heil? Und looft im braunen Kittel?...Sach ma, Berlin, schämste dir nich? Ick bleibe mang dir mang mit Schnauze, Herz und Breejen! Wat is dein Dank - das is dein Dank?»

Der ungeliebte Preuße wird bei Heinz Pauck beschworen: «Ick bin ein Preuße - mir will keener haben, und wer mir hat, der schiebt mir wieder weg.» Im preußisch knappen Militärton lässt sich auf Berlinerisch sogar philosophieren so wie bei Georg Bötticher, dem Vater von Joachim Ringelnatz, über seinen Unglückstag: «Bett jelegt stark verdriesslich. Lang über Leben nachjedacht... Auch nichts: Nichts rausjekriegt schließlich.» Dazu passt das Gespräch mit einem Berliner (das im Band nicht ausdrücklich zitiert wird), der sich offenbar langweilt und den philosophisch gemeinten Rat erhält: «'Jeh' in dir, Mann!' 'War ick schon - ooch nüscht los.'»

- Ick kieke, staune, wundre mir. Berlinerische Gedichte von 1830 bis heute. Gesammelt und ediert von Thilo Bock, Wilfried Ihrig & Ulrich Janetzki. Die Andere Bibliothek, Berlin, Extradruck von Band 387, 472 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-8477-2018-8.

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erstellt am 27.Jun.2017 | 14:22 Uhr

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