Kafka-Briefe : Jerusalemer Bibliothek zeigt Nachlass von Max Brod

Eine Postkarte von Franz Kafka aus dem Nachlass von Max Brod in der Jerusalemer Nationalbibliothek.
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Eine Postkarte von Franz Kafka aus dem Nachlass von Max Brod in der Jerusalemer Nationalbibliothek.

Franz Kafka gehört heute zu den berühmtesten Autoren der Welt. Zu Lebzeiten war er jedoch fast unbekannt. Die Jerusalemer Nationalbibliothek zeigt nun Werke aus dem Nachlass seines Freundes Max Brod, dem Kafka seinen posthumen Ruhm zu verdanken hat.

shz.de von
09. November 2018, 18:55 Uhr

Im 50. Todesjahr des deutschsprachigen Autors Max Brod (1884 - 1968) zeigt die Jerusalemer Nationalbibliothek bisher unveröffentlichte Handschriften aus seinem wertvollen Nachlass.

Unter den Ausstellungsstücken sind auch Postkarten seines besten Freundes, des jüdischen Schriftstellers Franz Kafka (1883-1924). «Es ist der letzte große deutschsprachige Nachlass in Israel», sagt der deutsche Archivar Stefan Litt der Deutschen Presse-Agentur zur Bedeutung des Kulturschatzes. Die Ausstellung soll am Montag (12.11.) feierlich eröffnet werden.

Nach jahrelangem erbitterten Rechtsstreit hatte Israels Höchstes Gericht vor zwei Jahren entschieden, Brods Nachlass solle an die Jerusalemer Bibliothek gehen. Ein Teil dieses Materials, darunter auch Tagebücher und Korrespondenzen Brods, soll nun nach sorgfältiger Sichtung erstmals der Öffentlichkeit gezeigt werden. Darunter sei etwa ein Dankbrief des deutschen Philosophen Walter Benjamin an Brod, sagt Litt. Benjamin habe Brod und dessen Werk allerdings «nicht leiden können».

Brod war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der bekanntesten Vertreter der Prager deutschsprachigen Literatur. Sein Freund Kafka hatte ihn vor seinem Tod 1924 gebeten, seine Werke zu verbrennen. Brod brachte sie jedoch zur Veröffentlichung und Kafka erlangte posthum Weltruhm. «Als die beiden gelebt haben, kannte kein Mensch Kafka, Brod kannten alle», sagt Litt. «Das Bild hat sich im Laufe der Jahre durch seine Aktivitäten zugunsten Kafkas komplett gewandelt.»

Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten 1939 aus Prag nahm Brod in einem Koffer die Werke seines Freundes mit ins damalige Palästina. Nach Brods Tod 1968 ging der Nachlass an seine ehemalige Sekretärin Esther Hoffe. Sie verkaufte einen Teil der Texte, darunter das Roman-Manuskript «Der Prozess», für etwa zwei Millionen Dollar. Einen anderen Teil bewahrte sie in Safes in Tel Aviv und der Schweiz auf. Nach ihrem Tod vererbte sie den Kulturschatz an ihre Töchter, die inzwischen beide gestorben sind.

Die Tochter Eva Hoffe hatte zwar 2016 den Gerichtsstreit gegen die Nationalbibliothek in höchster Instanz verloren, jedoch nach Angaben Litts die Herausgabe von Teilen des Nachlasses weiter blockiert. Sie sei am 4. August dieses Jahres verstorben.

Nach Eva Hoffes Tod habe man im September auch erstmals Zugang zu ihrer Wohnung in Tel Aviv erhalten, sagt Litt. Man habe Material in rund 60 Kartons gepackt und später sortiert. Es handele sich unter anderem um Bücher aus Brods Privatbibliothek, teilweise mit Widmungen von anderen Autoren wie Martin Buber und Franz Rosenzweig.

Die wertvollsten Teile des Nachlasses von Max Brod, darunter auch Kafka-Briefe, lagern jedoch heute noch in Banksafes in Zürich, wie Litt sagt. Die Banken warteten darauf, dass ein Schweizer Gericht das Jerusalemer Urteil bestätige. Es gebe jedoch nichts von Kafka, das noch unveröffentlicht sei, betont er. Das Besondere an den Manuskripten sei die «Aura» des Handschriftlichen.

Von Brods riesigem Archiv erhoffe man sich viele neue Erkenntnisse über ihn und seinen Bekanntenkreis, sagt Litt. «Das kann man noch gar nicht abschätzen, was daraus erwachsen wird, das ist wirklich immens.»

Brod sei «heute bekannt als großer Netzwerker und großer Retter von Kafkas Werk, aber für sein eigenes Werk nicht mehr so», sagt Litt. «Kafka ist dagegen unter die Top 10 der Weltliteratur aufgerückt.»

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