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Biografie über Astrid Lindgren : Jenseits von Bullerbü

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Drei Dinge, die jeder Deutsche über Schweden weiß: Die Häuser dort sind rot, die Menschen glücklich und es ist immer Sommer. Ein Klischee, natürlich, aber ein Bild, das sich bis heute gut verkauft: Schweden ist Bullerbü. Vieles von dem, was die Deutschen über das skandinavische Land erzählen können, stammt aus den Geschichten von Astrid Lindgren (1907 - 2002). Helle Geschichten sind das, mit frechen Kindern in schöner Landschaft und meistens klingen sie so, als würde Schwedens bekannteste Autorin aus ihrer eigenen Kindheit berichten. Ein beneidenswertes Leben.

Auch Birgit Dankert kennt dieses Image, als emeritierte Professorin für Bibliothekswissenschaft und gefragte Fachfrau für Kinderliteratur hat sie sich viel mit Astrid Lindgren beschäftigt – die Glücksburgerin weiß, wie schief das öffentliche Bild von der Autorin ist. Vor knapp zwei Jahren beschloss Dankert deshalb, eine Biografie über die berühmteste Kinderbuchautorin der Welt zu schreiben, die sich nicht vor der Lebensleistung verbeugt, sondern Mythos und Mensch voneinander trennt. „Astrid Lindgren war nicht die glückliche Frau, als die sie immer dargestellt wird, und es ist nicht ihr Leben, von dem sie in ihren Büchern erzählt.“ Das klingt hart und zunächst mehr nach Boulevard denn nach Biografie. Aber in Wirklichkeit ist „Eine lebenslange Kindheit“, das im Lambert Schneider Verlag erschienen ist, eher eine Verteidigungsschrift für Astrid Lindgren, ein Plädoyer für ihr Recht auf eine eigene Persönlichkeit jenseits des literarischen Ruhms, auf ein ganz normales Leben zwischen Zufriedenheit und Zweifel also.

Warten auf den Durchbruch

Astrid Lindgren, das belegt Dankert mit ihrer Biografie, war eine Frau mit einem außergewöhnlichen literarischen Talent, die lange brauchte, bis sie zu sich selbst und ihrer eigenen Sprache fand. „Ich denke, im Jahr 2013 ist die Zeit reif für eine kritische Würdigung ihres Lebens“, sagt Dankert. Sie schaut hinter die offiziellen biografischen Fakten; das ist bei Lindgren offensichtlich nicht leicht, weil die Autorin selbst kaum über die schwierigen Phasen ihres Lebens gesprochen hat: Die problematische Beziehung zu ihrem Sohn Lars etwa, der einer Affäre mit einem älteren Mann entstammte, und später – ebenso wie Lindgrens Ehemann Sture – schwer alkoholkrank wurde und schließlich noch vor seiner Mutter starb. Oder die Geduld, die sie aufbringen musste, bis ihr endlich der literarische Durchbruch gelang. „Astrid Lindgren hat Jahrzehnte gebraucht, bis sie ihren besonderen Stil entwickelt hatte“, sagt Dankert. Im November 1945 hat sie ihn endgültig gefunden, das Jahr, in dem Pippi Langstrumpf erscheint. Schon einige Monate zuvor aber hat sie ihr Schlüsselerlebnis als Autorin. Mit der Geschichte „Britt-Mari erleichtert ihr Herz“ belegt sie den zweiten Platz eines Literaturwettbewerbs. „Mehr habe ich mich wohl nie gefreut als an jenem späten Herbstabend des Jahres 1944“, erinnert sich Lindgren später – es folgt das produktivste Jahrzehnt ihres Lebens und der Beginn einer einzigartigen Karriere.

Und doch hatte diese Frau ihre dunklen Seiten. „Sie litt unter Phasen der Schwermut und Depression, die sich im Alter verstärkten“, sagt Dankert. Gegen die Schwermut half ihr die Rolle, mit der sie heute auf der ganzen Welt in Verbindung gebracht wird: „Astrid Lindgren schuf ihr Image als gütige Kinderfreundin“, sagt Dankert, die erfreulich unverblümt die wirkungsvolle Selbstvermarktung der Schwedin analysiert. Und die Lindgren-Expertin nennt viele Quellen, um ihre Thesen zu stützen.

Nicht jedem wird die Entzauberung von Lindgrens Bullerbü-Biografie gefallen, das weiß auch Dankert. Sie spricht von Gerechtigkeit der Person Astrid Lindgren gegenüber. Und um diesem großen Anspruch auch selbst gerecht zu werden, betont sie immer wieder die Bedeutung der Kinderbuch-Autorin: „Über allem steht ihre herausragende literarische Qualität.“



Birgit Dankert: Astrid Lindgren: Eine lebenslange Kindheit, Lambert Schneider Verlag, 320 Seiten, 24,90 Euro. ISBN: 978-3650255266

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