Kehlmann klatscht : Intensives Theaterstück «Heilig Abend» begeistert

Michele Cuciuffo (Thomas) und Sophie von Kessel (Judith) spielen in «Heilig Abend».  /Residenztheater München/dpa
Michele Cuciuffo (Thomas) und Sophie von Kessel (Judith) spielen in «Heilig Abend».  /Residenztheater München/dpa

Einen Monat nach Weihnachten widmet sich das Münchner Residenztheater «Heilig Abend». Doch das gleichnamige Stück des erfolgreichen Schriftstellers Daniel Kehlmann ist alles andere als besinnlich. Der Autor ist bei der Premiere selbst vor Ort.

shz.de von
27. Januar 2018, 13:26 Uhr

Am Ende steht der Verfasser höchst persönlich auf der Bühne und applaudiert. Es ist kein geringerer als Bestsellerautor Daniel Kehlmann («Tyll», «Die Vermessung der Welt»).

Er hat ein Theaterstück geschrieben, das in Echtzeit gespielt wird - wie er es immer schon wollte, bekundet der 43-Jährige. Weder Situation noch Raum könnten verlassen werden, «eine Reduktion auf die Grundsubstanz des Dramatischen - den Konflikt zwischen zwei Menschen», wird er im Begleitheft zitiert. «Heilig Abend - Ein Stück für zwei Schauspieler und eine Uhr» feiert am Freitag Premiere am Münchner Residenztheater.

Die beiden Figuren sind Polizist Thomas und Philosophie-Professorin Judith, eindrucksvoll verkörpert von Michele Cuciuffo und Sophie von Kessel. Sie soll einen Anschlag geplant haben, wird von der Polizei bei einer Taxifahrt gestoppt und in einem Verhörraum mit Handschellen ans Abflussrohr eines Waschbeckens gefesselt. Er weiß alles über sie: dass sie heimlich raucht, dass ihre Eltern einen Schäferhund haben, dass ihr inzwischen geschiedener Mann Affären mit Studentinnen hatte.

«Seien Sie präzise», sagt Thomas immer wieder, bringt sie damit ruckzuck zur Weißlut. Während er arrogant lächelt und ihre Fragen ignoriert, schreit sich Judith in Rage - kommt aber nicht umhin, zu antworten. Über der Bühne leuchtet in grellen, weißen Ziffern die Digitalanzeige einer Uhr.

Zu Beginn ist es 22.30 Uhr. Um Mitternacht soll die Bombe explodieren. Eine Hommage an den Film «High Noon», den Kehlmann als perfekt bezeichnet - «und zwar deshalb, weil er in Echtzeit stattfindet, weil ihn ihm die erzählte Zeit und die Zeit, von deren Vergehen erzählt wird, ganz und gar identisch sind».

90 Minuten liefern sich Polizist und Professorin ein Wortgefecht über Gut und Böse, Richtig und Falsch. Es geht um Terrorismus, Flüchtlinge und den Überwachungsstaat. «Wenn Sie wüssten, was wir herausfinden, wenn wir uns für jemanden interessieren», sagt Thomas kühl. Kehlmanns Antrieb war auch die Verblüffung über die Veröffentlichungen Edward Snowdens zur Arbeit - und Willkür - der Geheimdienste. Als der Polizist Judith ihre Rechte vorträgt - abgelesen von einem kleinen Zettel - und gerade bei «Alles was Sie sagen, kann gegen Sie verwendet werden» ist, zerreißt er die Rechte symbolisch in Fetzen.

Es geht aber auch um wesentlich existenziellere Fragen - etwa wer für Hunger und Armut in der Welt verantwortlich ist. Mal referiert Judith über Uranabbau in Niger, mal über den Nutzen der Dschihadisten für den Rechtsstaat, der die Terroristen als Begründung für sein abwehrendes Handeln nutzt. «Unter unserer Glasglocke herrscht Menschlichkeit, draußen herrscht Chaos», sagt sie. Obwohl es immer wieder auch komische Momente gibt, stimmen diese Szenen nachdenklich.

Zwischendurch eskaliert das Ganze in körperlicher Gewalt. Er boxt ihr in den Bauch, sie schlägt um sich. Die beiden Schauspieler geben auf der Bühne alles, so dass von Kessel am Ende beim Applaus und den «Bravo»-Rufen aus dem Publikum sichtlich erleichtert Tränen in den Augen hat. Als Cuciuffo während des Stücks ein Telefon samt Steckdose aus der Wand reißt und es energisch zu Boden werfen will, fliegt der Apparat sogar - aus Versehen - in die erste Zuschauerreihe.

Regisseur Thomas Birkmeir inszeniert «Heilig Abend» auf einer schlicht gehaltenen Bühne: weiße Decke, weißer Grund, milchige Folien als Wände des spitz zulaufenden Raumausschnittes. Die Figuren in schwarz-grau (sie) und schwarz-olive (er) heben sich da gut ab.

Mit der Zeit kehrt sich deren Verhältnis um: Mit ihren Fragen bringt Judith Thomas ins Grübeln. Gibt es die Bombe wirklich? Und hat Judith sie gebaut oder ihr Ex-Mann, der im Nebenraum verhört wird? Deutlich wird das auch durch die Anordnung auf der Bühne: Saß anfangs sie auf dem Stuhl, während er hinter ihr stand, wechseln sie die Positionen.

Nach anderthalb Stunden ist Schluss. Ein Schuss ertönt. Das Licht ist da schon aus. Was passiert ist, erfährt der Zuschauer nicht. Wer Recht hat, bleibt offen. «Es darf in so einer Situation, glaube ich, nicht einen eindeutigen Gewinner oder Verlierer geben», hatte Kehlmann dem Deutschlandfunk Kultur gesagt zur Uraufführung 2017 in Wien - übrigens auch gut einen Monat nach Heiligabend. Oder mit den Worten von Thomas formuliert: «Wahrheit ist ein komplexer Begriff.»

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