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Sy Montgomery : Intelligenz in acht Armen - «Rendezvous mit einem Oktopus»

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Die amerikanische Naturforscherin Sy Montgomery lädt zu einem «Rendezvous mit einem Oktopus» ein. Und das wird für jeden Leser zu einer vergnüglichen und unvergesslichen Reise in die bislang unerforschte Seele der Tintenfische.

shz.de von
erstellt am 10.Okt.2017 | 12:42 Uhr

Kann man mit einem Oktopus befreundet sein? Man kann. Nur ist diese Beziehung stets von kurzer Dauer. Im Schnitt lediglich zwei, drei oder vier Jahre.

Viel länger leben diese hochintelligenten Bewohner der Meere nicht. Und die allermeisten werden nicht einmal erwachsen - auch nicht im Schutz eines Aquariums.

Dort wie auch im natürlichen Umfeld der außergewöhnlichen Kreaturen, die gleich drei Herzen besitzen, hat die US-amerikanische Naturforscherin Sy Montgomery nicht nur ein Rendezvous mit ihnen. Seit ihrem ersten Treffen mit einem Tintenfisch ist sie verzaubert - von dessen Intelligenz, Freundlichkeit und Geschicklichkeit.

«Rendezvous mit einem Oktopus» heißt die deutsche Ausgabe ihres «New-York-Times»-Bestsellers, in dem sie ihre Erlebnisse und vor allem Erkenntnisse niederschrieb. Der Titel des Originals «The Soul of an Oktopus» trifft es wohl noch besser, denn nach allem, was Montgomery herausgefunden hat, müssen Oktopoden eine Seele haben - so seltsam das auch klingen mag.

Die erste Liebe der in New Hampshire lebenden Autorin hieß Athena, ein Tintenfischweibchen aus dem New England Aquarium in Boston - genauer gesagt: ein Pazifischer Riesenkrake. Und mit Athena beginnt Montgomery ihr faktenreiches Sachbuch, das so unterhaltsam geschrieben ist wie ein Roman und so spannend wie ein Krimi.

Schon auf dem Weg zu Athena erfährt der Leser, dass diese Spezies ein Tier ist, «das über Gift verfügt wie eine Schlange, über einen Schnabel wie ein Papagei und über Tinte wie ein altmodischer Füllfederhalter. Er kann so viel wiegen wie ein Mensch, sich bis zur Größe eines Autos ausstrecken und dennoch mit seinem schlabbrigen, knochenlosen Körper durch ein Loch mit dem Durchmesser einer Orange zwängen. Er kann Farbe und Form verändern. Er kann mit der Haut schmecken. (...) Ein Pazifischer Riesenkrake, die größte aller etwa 250 Oktopus-Arten, kann einen Menschen leicht überwältigen. Bei einem großen Männchen kann ein einzelner Saugnapf mit einem Durchmesser von 7,5 Zentimetern 15 Kilo anheben, und ein Pazifischer Riesenkrake besitzt 1600 davon.»

Das ist nur ein Bruchteil jener Informationen, die den Experten bereits bekannt sind. Montgomery aber wird im Laufe ihrer monatelangen Forschung zu Erkenntnissen gelangen, die bis dato nur wenigen Eingeweihten vertraut waren oder überhaupt noch nie ausgesprochen und wohl auch nicht niedergeschrieben wurden. Und sie basieren auf dem tiefen Wunsch der Autorin, Athena und ihre Artgenossen nicht nur als wissenschaftliche Objekte zu studieren, sondern persönlich kennenzulernen. Ja, sie wollte zu den Tieren eine Beziehung aufbauen, wie man sie zwischen Mensch und Hund oder Katze kennt. Und wie der Leser schon sehr bald merken wird, ist ihr das mehrfach und intensiv gelungen.

Athena habe sie zu einer neuen Art des Denkens über das Denken geführt, resümiert Montgomery, «zu einer neuen Art mir vorzustellen, wie andere Denkweisen aussehen könnten». Drei Fünftel der Neuronen eines Oktopus‘ sitzen in ihren acht Armen, nicht im Gehirn. Jeder einzelne Arm ist eine Art Multitasking-Talent, der unabhängig von den anderen saugen, schmecken, festhalten und sogar liebkosen kann. Ein Großteil ihrer Intelligenz sitzt folglich in den Armen der Tiere. Das erkennt die Naturforscherin auch in ihren Begegnungen mit Athenas Nachfolgerinnen Octavia und Kali, zu denen sie ebenfalls eine tiefe und freundschaftliche Beziehung aufbauen kann.

Sie wird von den Tieren erkannt - auch (wie bei Octavia) nach wochenlanger Trennung. Sie wird von ihnen angenommen, (wie es scheint, sehnsüchtig) erwartet oder auch ausgetrickst. Es sei für manchen Wissenschaftler eine durchaus befremdliche Vorstellung, dass Tintenfische Gedanken, Gefühle und eine Persönlichkeit haben. Selbst die bekannte Schimpansen-Expertin Jane Goodall habe sich davor gescheut, «menschliche Empfindungen in ihre Studienobjekte hineinzuprojizieren».

Doch beide Frauen und viele andere Forscher kamen und kommen nicht umhin anzuerkennen, dass die Gefühlswelt mancher Tiere sich nicht nur anders äußert, sondern überhaupt vorhanden ist. Die Erfahrung mit den Tintenfischen habe sie inspiriert, die Welt so zu begreifen, wie sie sie noch nie gesehen habe - «als eine Welt, die fast nur aus Wasser besteht und die ich kaum kannte», schreibt Montgomery, die selbst noch tauchen lernte, um Tintenfische im Meer zu beobachten und zu «kontaktieren». Peter Wohlleben («Das geheime Leben der Bäume») hat ganz sicher recht, wenn er meint: «Wer dieses Buch gelesen hat, versteht die Seele der Ozeane.»

Genau das macht die vorliegende Lektüre zu etwas Besonderem: Montgomery sieht den Gesamtzusammenhang zwischen Mensch und Natur. Sie vergleicht ihr spezielles Untersuchungsobjekt mit anderen Tieren. Und sie fügt den physischen Eigenschaften der Oktopoden psychische hinzu. Sie stellt die zu Unrecht als schaurige See-Ungeheuer verteufelten Tieren als liebenswerte intelligente Wesen dar, die neugierig, verspielt, schlau und vielseitig begabt sind. Man kann dem, was die amerikanische Schriftstellerin Donna Leon, die das Nachwort zu diesem Werk geschrieben hat, nichts mehr hinzufügen, wenn sie meint: «Fantastische Tiere. Fantastisches Buch.»

- Sy Montgomery: Rendezvous mit einem Oktopus, Mare Verlag, Hamburg, 336 Seite, 28,00 Euro, ISBN 978-3-8664-8265-4.

Rendezvous mit einem Oktopus

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