Festival in Scheessel : Hurricane: Taktische Spielchen gegen die WM-Konkurrenz

Lieblinge des Feuilletons: Arcade Fire.
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Lieblinge des Feuilletons: Arcade Fire.

Trotz des WM-Spiels der deutschen Elf stand in Scheeßel die Musik im Vordergrund. Große Bands wie Bad Religion, Tocotronic oder Fettes Brot begeisterten vor ausverkaufter Kulisse.

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23. Juni 2014, 09:47 Uhr

Scheeßel | Die Macher des Hurricane-Festivals hatten die richtige Ahnung. Auch wenn das WM-Spiel der Deutschen gegen Ghana auf dem Festivalgelände nicht gezeigt wurde, war es natürlich das Thema am Samstag. Kurz vor 21 Uhr strömten Tausende Menschen in Ermangelung eines Public Viewings zurück auf die Zeltplätze, um auf Laptops und kleinen Fernsehern das Spiel zu verfolgen. Das Brummen von Hunderten Diesel-Generatoren stieg über Scheeßel auf. Der Veranstalter FKP Scorpio hatte das Programm, auch wenn das offiziell niemand bestätigen würde, auf die Konkurrenz aus Brasilien abgestimmt. Die wichtigsten Namen des Line-Ups standen am Freitag und Sonntag auf der Bühne: Arcade Fire, Elbow, Bad Religion, Tocotronic, Fettes Brot, The Black Keys und Franz Ferdinand mussten nicht gegen die deutschen Fußballer antreten.

Insgesamt war das Programm ohnehin nicht so spektakulär wie in den Vorjahren, was die rund 78.000 Fans, die bis Sonntagabend beim 18. Hurricane feierten, nicht sonderlich störte. Das Festival war ausverkauft – wie immer eigentlich.

Für Kontraste sorgten schon am späten Freitagabend der Deutschamerikaner Nenjamin Griffey alias Casper und die zeitgleich spielenden Dandys von Arcade Fire. „Ey, ich will euch alle springen sehen da hinten“, krächzte der 31-Jährige mit der Reibeisenstimme, der sich innerhalb der Rapszene geradezu einen Intellektuellenstatus erarbeitet hat. Das Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne stand im Mittelpunkt der des Auftritts von Arcade Fire. Die Lieblinge des Feuilletons lassen Akkordeon- und Orgelklänge erklingen, schicken einen glitzernden Robotermann in die Menge und wirken mit ihrem versponnenen Artrock fast ein wenig verloren vor den Massen.

Einen ähnlichen Kontrast bieten Bosse und Lykke Li („I follow Rivers“) am Sonnabend auf der etwas intimeren Red Stage. Nach dem burschikosen Auftritt des Braunschweiger Sängers, der zu Titeln wie „So oder so“ unbekümmerte Lebensfreude verbreitet, wirkt die schwedische Sängerin Lykke Li wie ein depressives Gegenmittel.

Wie eine Pop-Elfe steht sie im Bühnennebel und lamentiert mit brüchiger Stimme über verflossene Beziehungen. Dabei wirkt sie wie eine Kreuzung aus der frühen Kate Bush und der reiferen Marianne Faithful.

Neben dem Treiben auf den drei Open-Air-Bühnen und dem „White Stage“-Zelt ist das soziale Miteinander drumherum wichtig. Auf den Zeltplätzen sitzen die Menschen zusammen oder ducken sich bei den wenigen Regenschauern unter die Planen und Pavillons. Und am Sonnabend ab 21 Uhr hockten sie in großen Trauben zusammen, um das Spiel der deutschen Elf zu schauen. Aber nicht jeder Festivalgeschädigte schaffte es dabei durch die ereignislose erste Halbzeit, ohne im Sitzen einzuschlafen.

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