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Fantasy-Boom in Deutschland und SH : Hochkonjunktur für Drachen und Feen

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der letzte Teil der Hobbit-Film-Trilogie steht vor der Weltpremiere. Die Serie Game of Thrones zieht reihenweise Fans in den Bann. Warum Fantasy in Film und Literatur immer erfolgreicher wird.

shz.de von
erstellt am 27.Nov.2014 | 16:11 Uhr

Mittelerde | Drachen, Feen und andere mystische Figuren haben Hochkonjunktur: Fantasy ist die beliebteste unterhaltende Gattung des neuen Jahrtausends. Ihr Durchbruch im Kino erfolgte mit der Harry-Potter-Reihe und den beiden Trilogien von Peter Jackson, „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“.

Als beste Fernsehserie überhaupt gilt im Moment „Das Lied von Feuer und Eis“ („Game of Thrones“); die gleichnamige Romanserie von George R.R. Martin bricht alle Verkaufsrekorde, vom Dauererfolg der Tolkien-Bücher und der Scheibenwelt-Romane von Terry Pratchett ganz zu schweigen. Viele Computerspiele haben eine Fantasy-Welt als Handlungshintergrund.

Dabei ist Fantasy eine verhältnismäßig junge Gattung. Seit dem frühen 20. Jahrhundert, mit Romanen des Tarzan-Erfinders Edgar Rice Burroughs, Erzählungen des Conan-Schöpfers Robert E. Howard, den Mittelerde-Romanen von John R.R. Tolkien entsteht über lange Jahrzehnte eine eher kleine Zahl von Texten, aus denen sich die Gattung konstituiert. Sie entwickelt sich zum größten Teil in einer Nische der Science Fiction. Tolkiens Bücher entwickeln sich – zur Überraschung ihres Autors – zu Kultbüchern der Hippiekultur und werden zu weltweiten Verkaufsschlagern. In Deutschland versuchen Groschenheftverlage – unter anderem mit den ersten Romanen von Wolfgang Hohlbein – in den siebziger und achtziger Jahren mit noch bescheidenem Erfolg Fantasy heimisch zu machen. Michael Endes „Unendliche Geschichte“ macht ihr kommerzielles Potential deutlich. Erst unmittelbar vor der Jahrtausendwende erlebt Fantasy den kommerziellen Durchbruch. Sie hat heute an Beliebtheit ihre einstige Muttergattung, die Science Fiction, längst hinter sich gelassen. Mittlerweile werden die Bücher und Filme der „Tribute von Panem“-Trilogie, die klassische Stoffe der Science Fiction und Dystopie darstellen, unter dem Etikett Fantasy vermarktet.

Was aber ist Fantasy? Als Faustregel gilt, dass in ihr eine eigenständige Welt, eine Anderswelt, entworfen wird, die von unserer Welt getrennt ist und nach Bedingungen funktionieren, die für unsere Welt nicht gelten: in ihnen gibt es Magie. Die Welten der Science Fiction setzen dagegen unsere Naturgesetze voraus. Aus dieser Faustregel ergibt sich aber auch, dass die Verwandtschaft mit anderen unterhaltenden Gattungen groß ist: Die neueren Vampir-Sagas entwerfen ganze Parallelwelten und nähern sich damit der Fantasy immer weiter an. Die „Feuer und Eis“-Reihe dagegen unterscheidet sich eigentlich nur durch die völlig erfundene Welt von den historischen Romanen.

Die literarische Qualität der Fantasy lässt sich nicht über einen Leisten schlagen. Wer der phantastischen Literatur grundsätzlich keinen Wert zugesteht, wird sie ablehnen. Akzeptiert man sie aber als eine legitime Gattung, wird man eine breite Palette von herausragenden bis trivial schlechten Beispielen und Dutzendware finden. Tolkien, Martin, Pratchett haben sich als Klassiker des Genres zu Recht durchgesetzt.

Aber auch deutsche Autoren können sich vor der angloamerikanischen Konkurrenz behaupten: die wunderbaren Zamonienromane von Walter Moers; sprach- und bildgewaltig sind die großartigen „Sardor“-Romane von Thomas Ziegler, einem der besten deutschen SF-Autoren; originell und tiefgründig sind die Bücher von Tobias O. Meißner; zu den schönsten und besten Romanen zählen die von Oliver Plaschka; einen hohen handwerklichen Standard haben die von Michael Peinkofer und Christoph Hardebusch.

Fantasy war lange eine ebenso hartnäckig von ihren Fans geliebte wie von den Kritikern verteufelte Gattung mit schlechtem Ruf. Ihre Vorliebe für Magie und archaische Königreiche galt als reaktionär, ihr Entwurf anderer Welten als Eskapismus. Fans der Fantasy flüchten vor einem erbärmlichen Leben in die Fantasie, so der Vorwurf. Nach einem beliebten Klischee gilt der Erfolg der Fantasy als Krisensymptom. Es gibt jedoch keinen Beleg für eine solche starke Behauptung. Immerhin ist Fantasy als Gattung in den 1920er Jahren zuerst in den USA, einer Demokratie, aufgekommen, nicht aber in den gleichzeitigen europäischen Diktaturen. In Deutschland hat sich die Gattung erst nach 1968 etabliert. Fantasy ist so gesehen Signal einer gesellschaftlichen Liberalisierung: Sie wendet sich gegen die Verpflichtung auf Realismus und setzt auf die Freiheit der Phantasie. Ihre Phantasievölker sind Repräsentanten eines Fremden, das nicht mehr Negativfolie ist. Ihre Welten halten unserer Wirklichkeit und unserem Alltag einen alternativen Spiegel vor. Sie können Modelle des Nachdenkens über unsere Welt und den Menschen sein.

Der Autor Hans-Edwin Friedrich ist Professor am Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
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