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Vom Schlager- zum Rockstar : Heino im Interview: „Ich habe keine Freunde“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Seit 50 Jahren macht Heino Musik – und spaltet die Nation. Im Interview spricht er über seinen Imagewandel und die Beziehung zu Kollegen.

shz.de von
erstellt am 10.Sep.2015 | 08:48 Uhr

Flensburg | Verspottet, belächelt und beschimpft – aber vor allem: Kult und extrem erfolgreich. All das ist Heino, der seit 50 Jahren auf der Bühne steht. Früher deutsche Schlager, heute Rockmusik mit einem Augenzwinkern. 50 Millionen Tonträger hat er bisher verkauft. Doch die Popularität hat ihren Preis: Zeit für Freundschaften blieb Heino nicht, wie er im Interview erzählt. Warum kann der Mann trotzdem nicht von der Arbeit lassen? Und wie reagiert Frau Hannelore auf Groupies, die Dessous auf die Bühne werfen?

Sie haben einen extremen Imagewandel gemacht: Vom Volksmusikanten zum Rocker. Was hat sie dazu bewegt?

Ich habe in den letzten Jahren gemerkt, dass immer mehr junge Menschen zu meinen Konzerten kommen. Einige haben mir gesagt: Mensch Heino, sing doch mal was für uns, du hast so eine tolle Stimme. Dann habe ich mir gedacht: Jetzt mach ich mal was für junge Leute, und habe mich kundig gemacht, was die so hören. Das waren Rammstein, die Ärzte, Grönemeyer, Westernhagen und wie sie alle heißen.

Sie wollten Rocker werden. Wie hat Ihre Plattenfirma reagiert?

Die Schallplattenfirma fand die Idee toll, fragte aber: Wer soll das kaufen? Das konnte ich der Produktmanagerin nicht sagen. Ich wusste es ja selbst nicht. Ich sagte dann, wenn ein 75-jähriger Mensch, der fünfzig Jahre lang Volksmusik gesungen hat, jetzt Rockmusik singt, wird das einen Medienaufschlag geben. Eine andere Plattenfirma war dann sofort begeistert.

Fühlen Sie sich jetzt wie ein Rock ’n’ Roller?

Im Grunde genommen war ich vorher schon ein Rock ’n’ Roller. Zu meiner damaligen Zeit – Ende der 50er Jahre – waren Elvis Presley und Bill Haley so die bekanntesten überhaupt. Aber als ich angefangen habe, Volksmusik zu machen, war das erstmal eine Trotzreaktion von mir.

Volksmusik aus Trotz?

Damals gab es nur englische Musik im Radio. Nur die Nachrichten waren auf Deutsch. Das hat mich gestört. Und dann habe ich mir das Volkslied ausgedacht, mein erstes Lied gemacht und ein halbes Jahr später einen Zehn-Jahres-Vertrag bekommen – bei einer englischen Firma, bei der auch die Beatles waren. So habe ich das Volkslied wieder populär gemacht, um nicht zu sagen: Ich habe es gerettet, sonst würde heute keiner mehr ein Volkslied singen.

Als Volksmusiker wurden Sie damals teils hart kritisiert ...

In den 60er Jahren hat man gesagt: Der ist blond, singt Volksmusiklieder und züchtet Schäferhunde. Man hat sofort gedacht: Das muss ein Rechter sein. Ich war aber kein Rechter. Ich wollte nur Volksmusik machen. Es ist logisch, dass man Neider hat.

Hat Sie die Kritik getroffen?

Ach, wissen Sie, das war alles die 68er-Fraktion. Ich habe nie mit Steinen geschmissen, ich habe nie Polizisten verprügelt. Also, das war nicht meine Welt. Meine Welt war es, Musik zu machen. Ich bin auch von Kollegen beschimpft und belächelt worden. Aber da ich bei einer englischen Firma unter Vertrag war und einen schon für damalige Verhältnisse ungewöhnlich langen Vertrag hatte, hat mich das nicht gestört. Was stört das eine alte deutsche Eiche, wenn sich der Hund dran kratzt oder die Sau dran pinkelt.

Wie erklären Sie sich trotz der Kritik Ihren Erfolg?

Ich habe in meiner Volksmusik-Karriere über 50 Millionen Tonträger verkauft – die habe ich ja nicht verschenkt. Wenn man fünfzig Jahre unterwegs ist, sagen sich die Leute auch irgendwann: Der ist ja gar nicht so, wie der immer beschrieben worden ist, der ist ja ganz anders, das ist ja ein ganz Netter. Ich habe mich nie unterkriegen lassen. Ich hab weiter gesungen und bin heute froh, dass ich alles so gemacht habe, wie ich es gemacht habe.

Ihr Publikum ist nun deutlich jünger geworden ...

Ich habe in den letzten zwei Jahren ungefähr über hundert Rockkonzerte gemacht, auf die junge Leute gehen und mir zujubeln. Früher habe ich Blumen und Pralinen bei den Konzerten bekommen, heute bekomme ich Dessous zugeschmissen. Also etwas Besseres kann mir mit bald 77 Jahren doch gar nicht passieren.

Ist Ihre Frau Hannelore nicht eifersüchtig wegen der Groupies?

Nein, um Gottes willen, das nicht. Wir verstehen ja das Business. Hannelore ist ja auch schon 36 Jahre an meiner Seite.

Was sagt eigentlich Ihre Frau dazu, dass Sie noch auf der Bühne stehen?

Ja, die Hannelore wundert sich schon auch. Ich wollte vor Jahren ja schon mal aufhören mit den Tourneen. Aber wenn einer fünfzig Jahre lang immer Musik macht und von heute auf morgen nichts mehr zu tun hat, läuft er planlos durch die Gegend. So war das auch bei mir. Ich dachte mir: Warum hörst du denn überhaupt auf? Ich stand ja noch voll im Saft. Dann hat die Hannelore gesagt: Heino, gehe lieber wieder arbeiten, da bist du glücklich.

Ein Leben als Rentner ist also nicht vorstellbar?

Wenn einer so wie ich fünfzig Jahre lang Erfolg hat und Rundfunk, Fernsehen und Tourneen macht, der hat ja keine Freunde. Ich konnte ja keine Freundschaften pflegen. Selbst in der Branche habe ich keine Freundschaften gepflegt, weil im Grunde genommen alle mit mir gar nichts zu tun haben wollten. Ich war ja für die ein Zickendraht. Das waren ja die richtigen Musiker, und der macht ja nur Volksmusik. Ich konnte ja auch Zuhause keine Freundschaften pflegen, weil ich immer unterwegs war. Ich war nie arbeitslos.

Im Herbst steht die nächste Tour an. Ist Ihnen schon bange, weil es überall am Rücken zieht?

Nein, bei mir zieht es noch nirgendwo. Das ist ja das Problem, da staunt selbst die Hannelore. Ich bin noch sehr fit.

Was kann man musikalisch von der Tournee erwarten?

Ich will beweisen, dass man Rockmusik auch harmonisch machen kann. Ich habe eine elfköpfige Band auf der Bühne – drei Sänger und acht Musiker, mit vier Bläsern – das geht harmonisch richtig schön ab. Ich freue mich darauf, vor den jüngeren Leuten Rockmusik zu performen, die richtig abgeht und bei der trotzdem die Instrumente eine Harmonie bilden.

Wie lange wollen Sie denn noch auf der Bühne stehen?

Das kann ich nicht bestimmen. Solange der liebe Gott nicht dazwischenhaut, werde ich singen. Solange der liebe Gott mich lässt. Da habe ich keinen Einfluss darauf.

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