Von Fallada bis Brecht : Hans Magnus Enzensberger über «99 Überlebenskünstler»

Hans Magnus Enzensberger beleuchtet Glücksfälle, Strategien der Anpassung und Tarnung und taktisches Geschick von Literaten im vergangenen «Jahrhundert der Gewalt».
Hans Magnus Enzensberger beleuchtet Glücksfälle, Strategien der Anpassung und Tarnung und taktisches Geschick von Literaten im vergangenen «Jahrhundert der Gewalt».

Wie überlebt man schlimme Zeiten und Verhältnisse auch als Künstler? Hans Magnus Enzensberger zeigt das am Beispiel von 99 Schriftstellern, die das vergangene «Jahrhundert der Gewalt» überstanden haben.

shz.de von
19. Juni 2018, 14:24 Uhr

Hans Magnus Enzensberger, Jahrgang 1929 und einer der prominenten Mitglieder der legendären Schriftstellervereinigung Gruppe 47, hat einen ebenso ehrgeizigen wie abenteuerlich erscheinenden literarischen Versuch unternommen.

Am Beispiel von 99 Kurzporträts beleuchtet er Glücksfälle, Strategien der Anpassung und Tarnung, taktisches Geschick oder standfesten Glauben an sich selbst, mit denen die Schriftsteller Gefängnis, Lager und Terror im vergangenen «Jahrhundert der Gewalt» entrinnen konnten. «99 Überlebenskünstler» heißt sein neues Buch mit «literarischen Vignetten aus dem 20. Jahrhundert» (Suhrkamp Verlag).

Die Spannweite dieses anmaßend erscheinenden Projekts, 99 Künstlerschicksale auf 366 Seiten zu skizzieren und ihnen dabei halbwegs gerecht werden zu wollen, reicht von Gerhart Hauptmann, Knut Hamsun und Hans Fallada über Erich Kästner und Bertolt Brecht bis Anna Seghers und Imre Kertész. Es ist ein Parforceritt im Minutentakt durch die Literaturgeschichte in knappen Porträts, die einige Grundkenntnisse des Lesers über den jeweiligen Autor voraussetzen.

Für Enzensberger sind die Beispiele von Anpassung, glücklichen Zufällen, Kompromissen und mehrdeutigen Entscheidungen nicht nur Fälle von gestern, sondern vielleicht auch Beispiele, aus denen man lernen kann. «Es kommen härtere Tage», zitiert er Ingeborg Bachmann von 1958, mit der Enzensberger nach eigener Aussage 1959 «ein gemeinsames Jahr» in Rom verbracht hat. «Für den Fall, daß sie recht behält, könnte ein Training in der Kunst des Überlebens von Nutzen sein», denn «je größer das historische Übel, desto verlockender scheint das kleinere».

Zum Beispiel Brecht, der nach Meinung Enzensbergers «unerhört intelligent» war, «eine Eigenschaft, die er nicht mit allen Dichtern teilte». Die Diktaturen in Deutschland, in Italien und in Spanien und deren katastrophale Folgen habe er kommen sehen. «Weniger einsichtig war er, was die Parteiherrschaft in der Sowjetunion angeht», vermied es aber, in die KPD einzutreten. «Erst in seinen letzten Tagen, den Tod vor Augen hat er mit Stalin, dem 'verdienten Mörder des Volkes', abgerechnet.» Und Brechts Lavieren in der DDR und mit der dogmatischen SED-Kulturpolitik ist noch ein Kapitel für sich, möchte man hinzufügen.

Brecht hatte es ja auch mit Johannes R. Becher zu tun, dem ersten Kulturminister der jungen DDR und Textdichter der DDR-Nationalhymne («Auferstanden aus Ruinen»), deren Textzeilen später nicht mehr mitgesungen werden durften («Deutschland einig Vaterland»). «Er wäre ja so gerne ein Dichter geworden, doch das hat nie so richtig geklappt», schreibt Enzensberger über ihn. Aber «ungewöhnlich genug, ein Minister, der so viel liest, noch dazu mitten im Stalinismus». Aber Bücher lesende Politiker wurden (und werden) ja auch in der Bundesrepublik nicht gerade haufenweise angetroffen.

Zum «Bohemien, Kommunarden und Konvertiten» Becher fallen Enzensberger einige Spitzen und Zitate ein, was ihm keineswegs bei allen Porträtskizzen in dem Buch gelingt (manche scheinen gar lustlose Pflichtübungen zu sein). «Wenn ich Quatschkopf meine, sage ich Becher», zitiert Enzensberger den «Alexanderplatz»-Autor Alfred Döblin. Er verschweigt auch nicht Bechers Stalin-Hymne mit der Zeile «Und durch den Schwarzwald wandert seine Güte,/Und winkt zu sich heran ein scheues Reh». Dazu konnte der SED-Chef Walter Ulbricht in seiner Trauerrede nur noch sagen, Becher sei «der größte deutsche Dichter der neuesten Zeit».

Prägnant und schmerzhaft-berührend ist Enzensbergers Erinnerung an den ungarischen Literaturnobelpreisträger Imre Kertész, einen Wanderer zwischen Budapest und Berlin nach dem Fall der Mauer. Für ihn war Schreiben die einzig mögliche Antwort auf die Frage, wie man nach dem Überleben überleben soll. «Nie ist der große Mord so dargestellt worden, als verzweifelter Versuch, ihn zu verstehen, wie im 'Roman eines Schicksallosen'. Ein Kind wird gefangen und verschleppt», in ein Konzentrationslager.

Nach dem Sturz des kommunistisch-stalinistischen Regimes in seinem Land, das sich 1956 im Ungarn-Aufstand vergeblich gegen die sowjetischen Besatzer aufzulehnen versuchte, hörte der Schriftsteller seinen Landsleuten aufmerksam zu. «Ihre Geschichten waren voller Lügen. Eine Gesellschaft voller Denunzianten ändert sich nicht von einem Tag auf den anderen.» Das war wohl auch in Deutschland nach 1945 und 1989 nicht viel anders. «Ich wundere mich darüber, daß er es so lange unter uns ausgehalten hat», meint Enzensberger über den Nobelpreisträger.

Erinnerungen an die frühen Jahre der provisorischen Hauptstadt Bonn am Rhein und ihre Akteure ruft eine Lektüre von Wolfgang Koeppens 50er-Jahre-Roman «Das Treibhaus» wach. Und dem Leser kommt manches wohl bekannt vor. «Viele Wege führten zur Hauptstadt», heißt es da. «Sie kamen alle, Abgeordnete, Politiker, Beamte, Journalisten, Parteibüffel und Parteigründer, die Interessenvertreter im Dutzend... die Bestecher und die Bestochenen, Fuchs, Wolf und Schaf der Geheimdienste.» Koeppen kündigte noch andere Romanprojekte an, wie Enzensberger schreibt, aus denen allerdings nichts wurde, wie zum Beispiel «In Staub mit allen Freunden Brandenburgs» in Anlehnung an das Prinz-von-Homburg-Zitat «In Staub mit allen Feinden Brandenburgs».

- Hans Magnus Enzensberger: 99 Überlebenskünstler. Literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert, Suhrkamp Verlag, Berlin, 366 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-518-42788-0.

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