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Elite-Schule in Istanbul : Gymnasium in der Türkei dementiert Weihnachtsverbot

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Das Weihnachtskonzert - abgesagt. Und über Weihnachten soll an einer Schule in Istanbul auch nicht mehr geredet werden.

shz.de von
erstellt am 18.Dez.2016 | 17:52 Uhr

Kiel | Das traditionelle Weihnachtssingen im deutschen Generalkonsulat ist ein Highlight des deutschen Chors am Istanbul Lisesi. Auch dieses Jahr haben die türkischen Schüler der Elite-Schule wieder wochenlang für das Konzert geprobt. Doch kurz vor dem Konzert sagte die türkische Schulleitung nicht nur die Teilnahme des Chors an der Aufführung ab, sie verbannte Weihnachten gleich ganz von dem Gymnasium - das den deutschen Steuerzahler jedes Jahr Millionen Euro kostet. Das Gymnasium dementierte am Sonntagabend, dass die türkische Schulleitung ein Weihnachtsverbot erlassen habe.

Das entspreche nicht der Wahrheit, hieß es in einer am Sonntagabend auf der Homepage der Schule veröffentlichten Mitteilung. Allerdings hätten die deutschen Lehrer im Unterricht „vor allem in den letzten Wochen Texte über Weihnachten und das Christentum auf eine Weise behandelt, die nicht im Lehrplan vorgesehen ist“. Sie hätten dabei Aussagen getroffen, „die von außen betrachtet den Weg für Manipulationen freimachen“.

Daraufhin habe die türkische Schulleitung „unverzüglich“ ein Treffen mit der Leitung der deutschen Abteilung einberufen, heiß es weiter. Dabei seien die deutschen Lehrer aufgefordert worden, solche „Gerüchte“ nicht zu befördern und im Sinne der „Zusammenarbeit der beiden Länder“ Sensibilität zu zeigen.

In einer E-Mail, die die Leitung der deutschen Abteilung des Istanbul Lisesi an das Kollegium schickte und die der dpa vorliegt, hieß es: „Es gilt nach Mitteilung der türkischen Schulleitung eben, dass ab sofort nichts mehr über Weihnachtsbräuche und über das christliche Fest im Unterricht mitgeteilt, erarbeitet sowie gesungen wird.“ Zu der Absage der Teilnahme des deutschen Chors des Istanbul Lisesi am Weihnachtskonzert im deutschen Generalkonsulat hieß es in der Stellungnahme der Schule, das sei nicht auf die türkische Schulleitung zurückgegangen. „Das betreffende Konzert wurde von den verantwortlichen deutschen Lehrern aus einem auch für uns nicht nachvollziehbaren Grund abgesagt.“ Aus dem deutschen Kollegium war dieser Darstellung schon zuvor widersprochen worden.

In der Mitteilung der Schule wurde die Berichterstattung als „Provokation“ bezeichnet. „Es ist zu hinterfragen, wem diese Provokation dient. Es ist offensichtlich, dass dies den türkisch-deutschen Beziehungen nicht dient.“

Im Auswärtigen Amt stieß das Weihnachts-Verbot auf Unverständnis. „Wir verstehen die überraschende Entscheidung der Leitung des Istanbul Lisesi nicht“, hieß es am Sonntag aus dem Auswärtigen Amt in Berlin. „Es ist sehr schade, dass die gute Tradition des vorweihnachtlichen interkulturellen Austausches an einer Schule mit langer deutsch-türkischer Tradition in diesem Jahr ausgesetzt wurde. Wir nehmen das natürlich mit unseren türkischen Gesprächspartnern auf.“

Die Türkei hat im deutschen Auslandsschulwesen eine Sonderrolle: Auf Basis des Kulturabkommens zwischen beiden Ländern unterrichten bis zu 80 deutsche Lehrer an bestimmten türkischen Schulen. Alleine 35 davon arbeiten am Istanbul Lisesi, einem der besten Gymnasien des Landes, das zugleich eine anerkannte deutsche Auslandsschule ist. Was kaum bekannt ist: Diese Lehrer werden nicht nur von Deutschland entsandt, sondern auch bezahlt, wofür jedes Jahr ein Millionenbetrag fällig wird. Das Sagen hat an diesen Schulen dennoch die türkische Schulleitung - beziehungsweise das Bildungsministerium in Ankara.

Das Schild der Lisesi Schule in Istanbul. Neuerdings gilt an der berühmten Elite-Schule: Weihnachten ist verboten.
Das Schild der Lisesi Schule in Istanbul. Neuerdings gilt an der berühmten Elite-Schule: Weihnachten ist verboten. Foto: Linda Say,dpa
 

Die Mail stellt einen Verstoß gegen eben jenes Kulturabkommen dar, das der Türkei gratis und frei Haus deutsche Fachkräfte für ihre Elite-Schulen liefert: Die Vermittlung deutscher Kultur ist demnach Teil des Abkommens - und übrigens auch der Leitlinien, die die Schule sich selber gegeben hat.

„Wir haben viele Schüler, die der Regierung sehr, sehr kritisch gegenüberstehen“, heißt es aus der Lehrerschaft. „Aber der Anteil der AKP-treuen Schüler wird größer, das muss man ganz klar sagen.“ Im vergangenen Schuljahr wurde ein türkischer Lehrer zwangsversetzt, nachdem ihn Schüler angeschwärzt hatten - weil er sich ihrer Meinung nach kritisch über den Propheten Mohammed geäußert hatte.

Absolventen drehten Schulleiter Hikmet Konar - den die AKP-Regierung 2015 eingesetzt hat - bei der Abiturfeier im vergangenen Sommer daraufhin demonstrativ den Rücken zu. „Wir wollten unsere Unzufriedenheit darüber zeigen, dass er unsere Schule in eine Richtung führt, die uns nicht gefällt: zu religiös, zu konservativ und zu nah an der Regierung“, sagt einer der Absolventen.

Bei derselben Feier bat Konar den deutschen Generalkonsul Georg Birgelen, auf seine traditionelle Ansprache an die Abiturienten zu verzichten - kurz davor war es wegen der Armenier-Resolution des Bundestages zur Krise zwischen Ankara und Berlin gekommen. Birgelen verließ die Festveranstaltung am Istanbul Lisesi aus Protest.

Die deutschen Lehrer sind zunehmend verunsichert. „Einige fragen sich: Was ist eigentlich unser Auftrag hier, und wie können wir den realisieren, ohne Probleme zu bekommen?“, heißt es aus dem Kollegium. „Wir sind ja auch Kulturvermittler hier.“ Niemand bezweifelt, dass die Entsendung deutscher Lehrer viel Gutes im deutsch-türkischen Verhältnis bewirkt hat: Ganzen Generationen hochgebildeter Türken, die die geistige Elite des Landes prägten, wurde auch deutsche Kultur nähergebracht. Tausende Absolventen studierten in Deutschland.

Angesichts der Entwicklungen in der Türkei fragen Kritiker aber, wie sinnvoll das Konzept heute noch ist und was die deutschen Lehrer noch bewirken können. Das gilt erst recht, wenn deutsche Kultur im Unterricht womöglich gar nicht mehr gewünscht wird - wie nun beim Thema Weihnachten. Die Grünen fordern bereits Konsequenzen.

„Ein Verbot des Themas Weihnachten an Schulen ist nicht hinnehmbar, erst recht, wenn sie von Deutschland mit finanziert werden“, sagte der außenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Omid Nouripour.„Die Bundesregierung muss dies Ankara gegenüber eindeutig klarmachen. Wenn die türkische Regierung darauf nicht eingeht, dann muss die Finanzierung für die Schule eingestellt werden.“

Erdogan und die „religiöse Generation“

Erdogan hat bereits vor Jahren erklärt, eine „religiöse Generation“ heranziehen zu wollen. 2015 verlieh seine Regierung mehreren Schulen - darunter auch solchen mit deutschen Lehrern wie dem Istanbul Lisesi - den Status von „Projektschulen“. Offizielles Ziel ist es, „die Qualität im Bildungs- und Erziehungswesen zu steigern“. An diesen Schulen können einheimische Lehrer und Direktoren seitdem direkt von der AKP-Regierung ernannt werden. Früher wurden sie durch ein rigoroses Auswahlverfahren bestimmt. Mitarbeiter können außerdem wesentlich leichter als bislang wegversetzt werden.

Das bekam auch der türkische Lehrer Mustafa Turgut zu spüren: Er musste das Cagaoglu Lisesi in Istanbul verlassen, wo ebenfalls Deutsche arbeiten. Viele der Projektschulen seien Einrichtungen gewesen, „die sich der Politik der AKP lange erfolgreich widersetzt haben und an denen es starke Verbindungen zu westlichen Ländern gibt“, sagt der Lehrer, der der regierungskritischen Bildungsgewerkschaft Egitim-Sen angehört. „Mit dieser neuen Regelung kann die Regierung sich über den Willen von alteingesessenen Lehrern, Schülern und ihren Eltern einfach hinwegsetzen.“

Am Cagaoglu Lisesi färben die immer schlechteren Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland auch auf das Verhältnis zwischen den Lehrern ab: Manche türkischen Lehrer äußern sich abfällig über die deutschen Kollegen, andere hinterfragen die „Nützlichkeit“ von „so viel Deutschunterricht“. Eltern, die mit Journalisten reden, werden zum Schuldirektor einbestellt und davor gewarnt, die Schule „öffentlich schlecht zu machen“.

Verzweiflung und Angst

Viele Eltern sind verzweifelt. „Ich habe Angst, dass die Lehrer und der Direktor gegen mein Kind handeln, wenn ich mich auflehne“, sagt eine Mutter. „Ich will nur noch, dass mein Kind den Abschluss macht und dann möglichst im Ausland studiert.“ Eltern, die im öffentlichen Dienst tätig seien, trauten sich ohnehin nicht, ihre Stimme zu erheben. „Alle haben doch Angst um ihren Job. Wer verpfiffen wird, wird doch ganz schnell einfach gekündigt“, sagt die Mutter.

Die Linie der AKP ist überall sichtbar. So verbot die Schulleitung des Kadiköy Anadolu Lisesi - auch das inzwischen eine Projektschule - die Aufführung des Musicals „Mamma Mia“. Der Grund: Dort sucht ein nichtehelich geborenes Mädchen nach seinem Vater, was nicht mit „türkischen Familienwerten“ vereinbar sei. In vielen Projektschulen wurden Veranstaltungen mit jahrelanger Tradition verboten.

Die Stundenzahl von Fächern wie Kunst, Musik, Philosophie und Sport seien im Lehrplan generell reduziert worden, kritisiert ein anderer Lehrer und Gewerkschafter. „Das Bildungssystem in der Türkei wird regelrecht ins Mittelalter zurückgeworfen. Die Türkei entfernt sich so von Wissenschaft, Aufklärung und Demokratie“, sagt er. „Die AKP-Führung will ein Volk, das gehorcht und keine Fragen stellt.“

Reaktionen von deutschen Politikern

Innenstaatssekretär Günter Krings (CDU) zweifelte am Sinn der deutschen Unterstützung für das Istanbul Lisesi. „Das zeigt für mich, dass es dort offenbar kein Interesse an einem offenen kulturellen Austausch mehr gibt“, sagte Krings der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“ (Montag). „Deshalb muss man sich fragen, welchen Sinn eine solche deutsch-türkische Schule dann noch hat.“

CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sprach von einem Verstoß gegen die Religionsfreiheit. Das Vorgehen sei „ein erneuter Beweis, dass die Erdogan-Türkei alle Brücken nach Europa abreißt“, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Die Grünen forderten Konsequenzen. „Ein Verbot des Themas Weihnachten an Schulen ist nicht hinnehmbar, erst recht, wenn sie von Deutschland mitfinanziert werden“, sagte der außenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Omid Nouripour, der Deutschen Presse-Agentur in Istanbul. „Die Bundesregierung muss dies Ankara gegenüber eindeutig klarmachen. Wenn die türkische Regierung darauf nicht eingeht, dann muss die Finanzierung für die Schule eingestellt werden.“ Nouripour kündigte eine Anfrage an die Bundesregierung zu dem Thema an.

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