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150. Geburtstag des Komponisten : Gustav Jenner: Sylter, Brahms-Schüler, Herzensbrecher

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Heute wäre der Komponist Gustav Jenner 150 Jahre alt geworden. Auf seiner Geburtsinsel ist er in Vergessenheit geraten.

Keitum | Die Marburger haben sich wirklich ins Zeug gelegt. Anlässlich des 150. Geburtstags von Gustav Jenner, der vor 120 Jahren Universitätsmusikdirektor in der heutigen Kreisstadt in Hessen wurde, fanden zahlreiche Konzerte statt, in denen seine Kompositionen gespielt wurden. Manch eine davon wurde zu diesem Jubiläum erstmals öffentlich aufgeführt, weil sie erst vor kurzem im hessischen Musikarchiv entdeckt wurden.

Auf Sylt, wo Jenner am 3. Dezember 1865 in Keitum zur Welt kam, ist der einzige Kompositionsschüler von Johannes Brahms mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Hier ist das Leben seines Vaters Andreas Jenner, der auf Sylt als Arzt wirkte und in eine bekannte Keitumer Familie einheiratete, erheblich besser dokumentiert. Es gibt kaum eine Veröffentlichung über Sylt, in der seine Verhaltensmaßregel im Umgang mit dem Meer – „unter allen Umständen bade man ohne Kleider“ –  nicht zitiert wird.

Die Familie lebt längst nicht mehr auf der Insel, da wird der Vater in Lübeck der Vergewaltigung angeklagt, er hat sich in seiner Praxis immer wieder an Frauen vergangen. Der Haftstrafe entzieht sich der Chirurg  mit einem spektakulären Suizid. In einem Brief, den der Dichter Klaus Groth 1888 an Johannes Brahms schreibt, ist der Vorfall beschrieben: „Als nach langen empörenden Verhandlungen, Verhören die Geschworenen mit dem Urtheilsspruch ,Schuld‘ in den Gerichtssaal traten, woraufhin er zu einer Anzahl Jahren Zuchthausstrafe verurtheilt worden wäre, durchschnitt er sich kühn und geschickt die große Halsader und war in einer Minute eine Leiche.“

Der Tod des Vaters, als Gustav Jenner gerade 19 Jahre alt ist, ist vermutlich die größte Erschütterung in seinem Leben. Aber auch Gustav hinterlässt gebrochene Herzen. Seine Cousine Hedwig Bleicken hat in ihren Lebenserinnerungen notiert: „Es war für mich das Entscheidende, dass mein Vetter Gustav Jenner sehr viel zu uns ins Haus kam, er war der Sohn von meines Vaters Schwester, die durch ihren Mann ein sehr schweres Leben hinter sich hatte. Er war Musiker und später ein Schüler von Brahms. Sehr bald wussten wir, dass wir uns liebten und verlobten uns. Meiner Natur nach war diese Liebe eine unbedingte und sehr leidenschaftliche. Mein Vetter ging dann den Winter über nach Wien zu Brahms, da kamen andere Eindrücke. Seine Liebe erkaltete und nach einigen Jahren qualvollen Hinausschiebens löste er die Verlobung.“ Hedwig stirbt 1961 unverheiratet.

Gustav Jenner ist 23, als er nach Wien geht. Hier lernt er Julie kennen, die Tochter des Fabrikanten Carl Christian Hochstetter, der zu den Mitbegründern der chemischen Großindustrie in Österreich gehört. Sieben Jahre später sind die beiden verheiratet und ziehen nach Marburg, wo Jenner durch die Empfehlung von Brahms Musikdirektor wird und Dirigent des Akademischen Konzertvereins.

Der einzige erhaltene Brief von Jenner an seine Frau ist datiert mit „Westerland, am 2. August 1910“. Eine Erbschaftssache führt Jenner auf die Insel und er berichtet ihr von der Reise auf seine Geburtsinsel: „Morgen, Sonntag, werden wir bei den Vettern Kaffee trinken; ich wollte, du könntest uns sehen; für die Kinder ist es ja sehr belustigend, diese so völlig anders gearteten und sich gebenden Menschen zu beobachten, die doch für mich einen Hauch aus einer nahezu versunkenen Welt herübertragen, die nicht die meine war. Merkwürdig ist, wie mir manches in mir selbst klarer und verständlicher wird, wenn ich das Fühlen dieser Menschen als im Grunde mein eigenes erkenne. Dann sehe ich, daß ich doch kein Sauerling geworden bin, wenn ich eben auch so scheine, und daß ich im Grunde doch nur treu geblieben bin in dem, was meine innerste Natur ausmacht. Dieser conservative Zug ist das wertvollste, was ich habe; er ist wie eine Wurzel, die im Sturme festhält. Aus ihr wächst auch meine Kunst, die keine angelernte ist. Innigste Küsse.“

In den 25 Marburger Jahren, Jenner stirbt bereits 1920 mit nur 54 Jahren, entstehen zahlreiche Kompositionen. Zu seinem Schaffen gehören zum einen insgesamt zehn Werke mit Opuszahl, die zu Lebzeiten Jenners im Druck erschienen. Zum anderen umfasst das Œuvre über 150 Lieder, diverse Chorwerke sowie Instrumentalwerke für verschiedene Besetzungen.

Viele seiner Liedkompositionen sind mit Texten von Klaus Groth und Theodor Storm versehen, mit denen Jenner befreundet ist. Klaus Groth ist auch derjenige, der anfänglich für den jungen Mann Geld bei Freunden sammelt, damit Gustav Jenner studieren kann. Und er bittet Johannes Brahms, sich seines „Schützlings“ anzunehmen.

Wer heute Jenners Musik hören möchte, dem sei die  CD „Letztes Glück – Brahms und seine Freunde“ mit dem Kammerchor Berlin unter der Leitung von Stefan Rauh empfohlen. Oder die Einspielung des Marburger Bachchores „Romantische Chormusik – Robert Schumann und Gustav Jenner“. Hier finden sich elf Lieder von Jenner und – passend zur Jahreszeit – auch sein Lied „Ist der Winter angekommen“.

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erstellt am 03.Dez.2015 | 10:11 Uhr

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