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Gericht : Graffiti-Sprayer Naegeli entgeht vorerst Strafe

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Die auf Hauswände gesprühten Strichmännchen von Harald Naegeli sind so etwas wie Graffiti-Urgestein. In den 70ern wurde er deshalb in Zürich zuerst verfolgt, dann gefeiert. Jetzt steht er erneut vor Gericht.

shz.de von
erstellt am 04.Okt.2017 | 15:24 Uhr

Einer der Urväter der Graffiti-Kunst, der Schweizer Harald Naegeli, ist einer neuen Verurteilung wegen Sachbeschädigung zunächst entgangen.

Er hatte nach jahrelanger Abstinenz 2012 und 2013 in Zürich wieder zum Spray gegriffen, um Ufermauern und Treppenaufgänge mit seinen Fantasiewesen zu verzieren. Stadt- und Kantonsbehörden zeigten ihn an. Das Bezirksgericht in Zürich rief die Kläger nun auf, sich gütlich mit dem 77-Jährigen zu einigen, wie eine Gerichtssprecherin am Mittwoch sagte. Eine Frist wurde nicht gesetzt.

Falls eine Einigung zustande kommt, kommt Naegeli um eine beträchtliche Zahlung herum. Die Anklage hatte 189 000 Franken (rund 165 000 Euro) Geldstrafe beantragt, plus 10 000 Franken Buße.

«Ich kann nicht eigentlich zufrieden sein», schrieb Naegeli anschließend auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur per Email. Es gehe ihm nicht um einen glimpflichen Ausgang, sondern um eine Neuinterpretation des Begriffs «Sachbeschädigung». Diese sei als Zerstörung und Beschädigung definiert, aber das treffe auf Kunst wohl kaum zu. «Genau vor der Kulturfrage drückt sich der Staat, und da ist ein Freispruch natürlich viel bequemer.»

Das Bezirksgericht verwarf vier Delikte, die der Kanton geltend gemacht hatte, wegen Verjährung. Der Aufruf zur gütlichen Einigung betrifft eine Parallelklage der Stadt Zürich. Naegeli hatte wie früher Strichmännchen und Wasserwesen an Wände gesprüht, ähnlich wie die, die ihn in den 70er Jahren erst berüchtigt, dann berühmt gemacht hatten. Naegeli verteidigt seine Spray-Bilder als Kunst.

«J'accuse!» («Ich klage an») - mit diesem französischen Zitat des Schriftstellers Émile Zola verteidigte Naegeli sich vor Gericht, wie die Sprecherin sagte. Zola hatte damit 1898 in einem offenen Brief die Hintergründe der Dreyfus-Affäre ans Licht bringen wollen. «Ich klage an, dass Sie Kunstwerke von wem auch immer, Kunstwerke überhaupt vernichten, zerstören, unsichtbar und unbrauchbar machen und obendrein noch als kriminell bezeichnen, statt diese zu schützen und zu bewahren, wie es das Gebot der Kultur ist», sagte Naegeli laut vorab verteilter schriftlicher Schlussbemerkung vor Gericht.

Naegeli war in den 70ern zunächst anonym als «Sprayer von Zürich» bekannt geworden. Viele Züricher fanden die Bilder lustig, die Polizei fahndete aber nach dem Mann, der ihrer Ansicht nach die Stadt verschandelte. Sie schnappte ihn schließlich, aber Naegeli flüchtete vor der Verurteilung nach Deutschland. Dort wurde er als Künstler gefeiert. Er stellte sich der Polizei erst drei Jahre später, in Begleitung des deutschen Aktionskünstlers Joseph Beuys. Die mehrmonatige Haftstrafe saß er schließlich ab.

Auch die Stadt Zürich feierte ihren berühmten Sohn später: Sie ließ zum Beispiel eines seiner Werke, ein Wasserwesen am Gebäude des deutschen Seminars der Universität, restaurieren. Dennoch könne sich auch ein Künstler nicht alles erlauben, argumentierten die Kläger. Niemand habe ihm um die neuen Graffitis gebeten.

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