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"Gott der geschwungenen Linie"

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erstellt am 02.Aug.2013 | 03:59 Uhr

Karlsruhe | "Es kommt eine gewaltige Schaffensexplosion." Der als großspurig bekannte Designer Luigi Colani ist auch vor seinem heutigen 85. Geburtstag nicht zu bremsen. "Ich habe Professuren in Moskau, Südamerika und mehrere in China", erzählt er. Im Reich der Mitte sollen demnächst Schnellzüge und Schiffe nach seinen Entwürfen entstehen. "Und in Venedig ist eine große Ausstellung geplant." Was davon umgesetzt wird, ist offen, denn damit hatte Colani schon immer seine Probleme. Oft blieb es bei einer Zeichnung oder einem Prototypen.

Der umstrittene Designer, der in Berlin geboren wurde, schuf allerdings durchaus Aufsehenerregendes: Zu den bekanntesten Werken zählt die Spiegelreflexkamera Canon T-90, die bis heute das gerundete Design der Marke prägt. Sein aerodynamischer Truck, der von der Seite einem menschlichen Profil ähnelt, wird von einer Firma für Werbezwecke eingesetzt. Die Polizei in Hamburg trägt seit 2002 Uniformen nach Colani-Entwürfen, die Musiker Prince und Lenny Kravitz spielen auf seinem "Pegasus"-Klavier. Die Palette zeigt: Es gibt kaum etwas, was der Designer nicht in Form gebracht hätte - vom Katzenklo über Möbel bis zum Roboter.

Besonders angetan haben es ihm Flugzeuge und Autos. Nicht von ungefähr, studierte der Sohn eines Schweizer Filmarchitekten nach seinem Kunststudium in Berlin doch noch Aerodynamik in Paris. Seine Entwürfe für Flugzeuge und Raumgleiter bestechen oft auch in ihren Details. So wurde seine Idee eines erhöhten Cockpits in Kampfflugzeugen von russischen Herstellern aufgenommen.

Colanis Inspiration ist die Natur: "Auf einem Quadratmeter Gartenboden finden Sie die ganze Welt der Höchsttechnologie, der Mechanismen, der Mechatronik, die feinsten konstruktiven Faserstränge, Hohlkörper, Rispen, Dolden, Knollen. Für Peter Weibel, Leiter des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM), gehört Colani zu den Wegbereitern des Biomorphismus. Mit dem Nachempfinden natürlicher Formen habe er seinen Kreationen Dynamik eingehaucht. "Nicht umsonst wird er als Gott der geschwungenen Linie bezeichnet." Zudem wolle Colani, der ein Designstudio in Karlsruhe hat, mit seinen Entwicklungen immer auch die Natur schützen. "Er ist mehr als ein Designer, er ist auch Ökologe."

Colani sucht gern Streit. Kaum ein Kollege kommt bei ihm ungeschoren davon. So fordert er schon mal Berufsverbot für 95 Prozent der Designer oder bezeichnet die Elbphilharmonie in Hamburg als "viel zu kühl und langweilig". "Mit dieser Art des Auftretens hat er sich sehr geschadet und viele Feinde gemacht", sagt Weibel. Deshalb erfahre er auch nicht die Würdigung, die ihm eigentlich gebühre.

Jetzt hat er nach eigenen Angaben alle seine Werke nach Italien verfrachtet. Dort wolle ein Mäzen auf der Venedig-Insel Murano ein eigenes Museum für ihn bauen, erzählt er. "Er liegt auf Knien vor mir, ich muss nur noch Ja sagen."

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