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Nach der Schockstarre : Gisbert zu Knyphausens glanzvoller Neustart

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Was macht eigentlich Gisbert zu Knyphausen? Die Frage wurde oft gestellt in den vergangenen Jahren. Es gab einen traurigen Grund für die Karrierepause. Doch nun meldet sich der als Liedermacher-Talent gestartete Musiker zurück - mit einem opulenten Popalbum.

shz.de von
erstellt am 27.Okt.2017 | 10:05 Uhr

Er hat seine Fans auf die Folter gespannt. Jahrelang gab es keine neuen Lieder von einem der besten und erfolgreichsten deutschen Songschreiber - doch bei Gisbert zu Knyphausen steckte weder Sattheit noch Schreibblockade dahinter.

Die Karrierepause war für diesen aus dem Rheingau stammenden, jetzt in Berlin lebenden Musiker nötig, um nach einem privaten und beruflichen Schock einen kreativen Neustart hinzukriegen.

Sein drittes Studioalbum unter eigenem Namen seit 2008 gibt Knyphausen nun Recht: «Das Licht dieser Welt» steht am Ende eines intensiven Reifeprozesses - und ist ein künstlerischer Triumph. Die zugleich schwerelos und tiefgründig daherkommende, opulent und kristallklar produzierte Platte enthält zwölf neue Stücke, darunter erstmals zwei auf Englisch und am Schluss ein wunderbar atmosphärisches Instrumental mit dem augenzwinkernden Titel «Carla Bruno». Der 38-Jährige hat seine Kunst abermals verfeinert, sanfte Melancholie, Schnoddrigkeit und vorsichtigen Optimismus in Texte ohne jeden Kitsch-Ballast zu gießen.

Das Schlüsselerlebnis für die langen Jahre im Songwriter-Exil lässt sich auf den 10. Oktober 2012 datieren. An diesem Tag starb Nils Koppruch, unter anderem Frontmann der Hamburger Indie-Truppe Fink - und ein enger Freund. Unter dem Bandnamen Kid Kopphausen hatten die beiden gerade ein gemeinsames Album veröffentlicht. Für Koppruch stand der große Durchbruch in der deutschen Popszene bevor. Knyphausen wollte nach den Erfolgen seiner ersten beiden Soloplatten (inklusive Charts-Rang 12 für «Hurra! Hurra! So nicht» von 2010) eine neue, rockigere Richtung einschlagen.

«Das war eine Art Schockstarre, in die ich da geraten bin», sagt Gisbert zu Knyphausen im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. «Wenn so eine Band losgeht und so viel Spaß macht, und dann passiert so etwas - dann hat man das Gefühl, gegen die Wand zu laufen und zu Boden zu gehen.» Nach Koppruchs Tod habe er eine Zeitlang kaum seine Gitarre anfassen können, ohne zutiefst niedergeschlagen zu sein. Seine Konsequenz: «Ich musste mich sammeln und aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Ich hatte in dieser Zeit zwar Songideen, wollte aber nicht immer nur traurige Lieder schreiben.»

Dem gestorbenen Freund erweist Knyphausen nun bewegend Reverenz - mit Liedern, die quasi eine Brücke bilden. Der für «Kid Kopphausen I» geschriebene, damals verworfene Song «Niemand» habe «jetzt den prominenten Platz des Eröffnungsstücks bekommen», sagt er. «Etwas Besseres als den Tod finden wir überall» war ein Koppruch-Fragment - «dieses Lied habe ich mir nochmal vorgenommen, es leicht ergänzt und abgeändert, so dass es nun für mich funktioniert. Es gibt sogar einen Schnipsel mit Nils' Gesang am Ende. Das war ein schöner Weg, den Kreis zu schließen.»

In anderen Stücken geht es um schwere Themen wie Einsamkeit («Sonnige Grüße aus Khao Lak, Thailand») und nahen Tod («Kommen und gehen») - aber auch um die Leichtigkeit des Seins. Sensibel schildert Knyphausen ganz unterschiedliche Begriffe von Freiheit («Unter dem hellblauen Himmel») oder das Glück über ein Kind («Das Licht dieser Welt»). Auch ein angenehm klischeefreies Liebeslied ist auf der Platte zu finden: «Dich zu lieben ist einfach» handelt von seiner Lebensgefährtin, die ihn mit ihrer Tochter selbst zum Zieh- und Ersatzvater machte. «Das ist wohl der Text, den man am ehesten eins zu eins auf mein Leben übertragen kann.»

Es scheint Knyphausen, der nach eigenen Worten durchaus depressive Phasen kennt, also gut zu gehen. Seinen neu entdeckten «Spieltrieb» lebte er zusammen mit Produzent Jean-Michel Tourette in Songs aus, für die das Liedermacher-Etikett längst nicht mehr passt. «Ich wollte nicht immer meine Akustikgitarre in den Vordergrund stellen», betont er. «In den letzten Jahren habe ich viele Songs auf dem Klavier geschrieben, die klingen dann schon mal anders. Ein paar elektronische Elemente wollte ich auch reinbringen. Und ich wollte die Lieder nicht überfrachten, sondern mehr Luft lassen.»

Es ist ihm grandios gelungen. Der Spross einer Weingutbesitzer-Familie - vollständiger Name: Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen - hat sich mit «Das Licht dieser Welt» endgültig in der Spitze der deutschen Pop-Liedkunst etabliert. Seine treuen Fans können sich nun bei der teilweise schon ausverkauften Tournee 2017/18 auf ein ausgiebiges Wiedersehen gefasst machen. «Ich spiele gern lange Konzerte», sagt Knyphausen. «Da ist genug Platz für ganz viele Lieder.»

Höhepunkt dürfte wieder das «Heimspiel Knyphausen» Ende Juli 2018 werden - ein Festival auf dem Familiengut im hessischen Eltville, «auf dem Rasen, wo ich als Kind Fußball gespielt habe», wie der Songschreiber begeistert erzählt. Knyphausen ist als Veranstalter bestens vernetzt - in diesem Sommer traten unter anderem Element Of Crime und Judith Holofernes mit ihm auf. Klar, dass dort nur guter Wein ausgeschenkt wird. «Der Rauschzustand ist ein ganz anderer als mit Bier», sagt Knyphausen lachend.

Konzerte 2017: 27./28.10. Berlin (Lido), 29.10. Hamburg (Uebel & Gefährlich), 30.10. Leipzig (Werk 2), 01.11. Köln (Gloria), 02.11. München (Technikum), 03.11. Zürich (Bogen F), 04.11. Schorndorf (Manufaktur), 05.11. Hannover (Faust).

Künstler-Webseite

Gisbert zu Knyphausen auf Facebook

Musikfestival "Heimspiel Knyphausen" auf dem Weingut

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