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Judith Holofernes : Gemeinsamer Blick in die Schatzkiste

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die ehemalige Sängerin von „Wir sind Helden“, Judith Holofernes, überzeugt in Hamburg mit ihrem Mix aus Geschichten und Liedern.

Hamburg | Judith Holofernes ist nicht gerade das, was man gemeinhin als schüchtern bezeichnen würde. Souverän unterhält sie bei ihrem Konzert im Hamburger Docks das Publikum mit lustigen Geschichten.

Sie behauptet zum Beispiel, sie hätte in ihrem Garten eine Schatzkiste vergraben, die randvoll mit ihren Lieblingsliedern sei. Eines davon heißt „Catherine the Waitress“, es stammt im Original von Teitur, einem faröischen Singer/Songwriter. Die 37-Jährige hat diese Nummer auf Deutsch übersetzt, bei ihr firmiert sie als „Jonathan, der Kellner“ und fügt sich nahtlos zwischen den Titeln ihres ersten Soloalbums „Ein leichtes Schwert“ ein. „Wenn ich nur meine eigenen Stücke spielen würde“, sagt sie, „wäre dieser Abend schon nach 55 Minuten vorbei.“

Das wollen weder sie noch ihre Fans. Also steigt sie ab und zu mit einer Coverversion in den Ring, um ihre Show auf gut anderthalb Stunden zu strecken. Aus Elvis Costellos „Hope you’re happy now“ macht sie „Ich will, dass du weißt, dass ich will, dass du glücklich bist“. Lyle Lovetts „If I had a Boat“ verwandelt sie in „Ich und mein Pony und ein Boot“, der Rolling-Stones-Klassiker „You can’t always get what you want“ wird ganz schlicht zu „Du kriegst nicht immer, was du willst“.

Doch natürlich gibt es auch jede Menge Eigenkompositonen. Die Mutter von zwei Kindern spielt wirklich alle Lieder ihrer CD. Nebenbei erzeugt sie mit dem allerersten Song, den sie jemals geschrieben hat, bei ihren Zuhörern ein Schmunzeln. „Kamikazefliege“ entstand, als sie 18 war, in Freiburg lebte und sich total verknallt hatte. Heute wohnt sie in Berlin. Von dort aus startete sie als Wir-sind-Helden-Frontfrau eine beachtliche Karriere. Bis das Quartett auf unbestimmte Zeit eine Pause einlegte. Judith Holofernes hatte diese Auszeit damals bitter nötig, weil sie kurz vorm Burnout stand. Das spiegelt das Stück „Havarie“ wider, als sie singt: „Ich bin kein Wrack, ich bin eine Havarie.“ Für diese Nummer greift sie nahezu ohne Begleitung ihrer fünf Musiker zu ihrer Dobro, die sie als „eine Mischung aus einer Gitarre und einer Konservendose“ bezeichnet.

Ansonsten spielt sie mal Ukulele, mal Gitarre. Während ihr Quintett Bass, Schlagzeug, Perkussion, Keyboard, Xylofon oder Trompete auffährt. Einiges klingt frech-fröhlich, anderes poetisch-leise. Doch Judith Holofernes reimt nicht nur eifrig für ihre Lieder, in ihrem Blog veröffentlicht sie regelmäßig eigene Tiergedichte. Eines trägt sie vor, um eine kurze Umbaupause zu überbrücken. Es ist dem Wisent gewidmet. Gut möglich, dass sie es eines Tages vertonen wird. Auch die Titel „Opossum“ und „Hasenherz“ waren ursprünglich Gedichte. In „John Irving“ wiederum bittet die Wahl-Berlinerin mit der mädchenhaften Stimme diverse Schriftsteller oder Filmemacher, sie doch endlich in Ruhe zu lassen. Ein echter Ohrwurm, den die Menge gerne mitsingt.

Für die Zugabe bittet Judith Holofernes noch einmal die Vorband Mama Roisin aus Genf auf die Bühne. Mit ihrer Hilfe wird „Pechmarie“ zu einer richtigen Tanznummer. Da vermisst man alte Helden-Hits wie „Denkmal“, die die Sängerin ganz bewusst links liegen lässt, überhaupt nicht. Sie begeistert mit ihren kantigeren, weniger poppigen Solosachen mindestens genauso.

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