Ghost Story : Geheimnisvoll: Haruki Murakamis «Commendatore»

Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami 2011 in Barcelona. Jordi Bedmar
Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami 2011 in Barcelona. Jordi Bedmar

Es geht geheimnisvoll zu im neuen Roman «Commendatore» von Japans Bestsellerautor Haruki Murakami. Einem Künstler in einer Lebenskrise widerfährt Übernatürliches - spannend und subtil erzählt. Der neue Titel hat nur einen Fehler.

shz.de von
23. Januar 2018, 13:15 Uhr

Mysteriös, mystisch, mit märchenähnlichen Momenten: Im neuen Roman des japanischen Bestsellerautors Haruki Murakami «Die Ermordung des Commendatore» verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Illusion auf faszinierende Weise.

Im Mittelpunkt steht ein Porträtmaler, der nach einer schmerzhaften Trennung den Boden unter den Füßen verliert, sich in ein einsames Haus in den Bergen unweit von Tokio zurückzieht. Dort ereignet sich Übernatürliches um ihn herum, verwirrt und beflügelt ihn zugleich.

Die Story: Nach sechs Ehejahren verkündet seine Frau Yuzu urplötzlich: «Es tut mir sehr leid, aber ich kann nicht mehr mit dir zusammenleben.» Das wars. Wie betäubt durchquert der 36-Jährige halb Japan. Ein Freund überlässt ihm später das leerstehende Haus seines Vaters, dem berühmten Maler Tomohiko Amada. Auf dem Dachboden entdeckt der verlassene junge Künstler das versteckte Bild Amadas mit dem Titel «Die Ermordung des Commendatore». Das Meisterwerk scheint einer Szene aus Mozarts «Don Giovanni» nachempfunden - und lässt den Porträtzeichner nicht mehr los. Er ahnt: «Dieses Bild würde mein Leben völlig verändern.» So kommt es, skurrile Ereignisse folgen.

Dann bittet ein rätselhafter Nachbar ihn um ein Porträt, bietet eine horrende Summe. Doch das Bildnis will nicht gelingen, künstlerische Blockade. Allmählich nimmt die Gänsehaut zu. In der Nähe des Hauses, hinter einem verfallenen Schrein für die Götter, ertönt Nacht für Nacht leises Glöckchen-Gebimmel aus einer tiefen Grube. «Dieses Läuten war für mich bestimmt.» Die offensichtlich von Menschenhand aufwendig angelegte Kammer wird mit schwerem Gerät geöffnet - nur ein ritueller alter Glöckchenstab findet sich am Grund. Wer hat ihn allnächtlich geschlagen? Offen. Der Fund bringt eine Wende, Inspiration - und höchst ungewöhnliche Gesellschaft.

Bei Murakami, einem der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Japans, fließt Surreales wie selbstverständlich in den realen Alltag des jungen Porträtmalers ein. Dieser sieht sich selbst als Typen «ohne besondere Ambitionen», nicht gerade gut aussehend, eher gewöhnlich. Murakami gibt ihm nicht einmal einen Namen. Der Maler macht kein Aufheben um seine Person. Gerade deshalb mag man ihn. Tatsächlich hat er Talent, Tiefgang, Humor, ist gebildet, feinfühlig - und eben auch Geist-reich.

Der öffentlichkeitsscheue Murakami bleibt im «Commendatore» seinem Grundsatz treu: «Keine rein realistischen Romane mehr.» Traum, Illusion und Realität laufen auf einer Ebene. Und wie so oft in den Geschichten des 69-Jährigen geht es auch um Trennung und Verlust. Murakami («Naokos Lächeln», «Wilde Schafsjagd», «Kafka am Strand», «Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki») hat viele internationale Auszeichnungen erhalten, galt immer wieder als heißer Anwärter für den Literaturnobelpreis. Seine Bücher sind in 40 Sprachen übersetzt, einige verfilmt worden. Auch sein neuer Titel ist spannend, subtil, philosophisch. Er hat aber einen Fehler: Der Leser muss auf eine Fortsetzung bis April warten.

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore, DuMont Buchverlag, Köln, 480 Seiten, 26 Euro, ISBN 978-3-8321-9891-6

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