Thriller : Frühe Schuld: Lemaitres «Drei Tage und ein Leben»

Der französische Autor Pierre Lemaitre versteht sich auf Spannung. /EFE
Der französische Autor Pierre Lemaitre versteht sich auf Spannung. /EFE

Ein kleiner Junge verschwindet spurlos. Nur der zwölfjährige Antoine weiß, dass er ihn auf dem Gewissen hat. Fortan wird sein Leben zu einem Versteckspiel. Ein erstklassig komponierter Psychothriller.

shz.de von
17. Januar 2018, 15:29 Uhr

Manchmal ändert eine einzige unbedachte Tat ein ganzes Leben, nur ein kleiner Moment der Unbeherrschtheit und schon gerät alles ins Rutschen. Dem winzigen Augenblick der Eskalation folgt die Bürde lebenslanger Schuld.

So ergeht es Antoine in Pierre Lemaitres Roman «Drei Tage und ein Leben». Der Zwölfjährige ist ein ganz normaler Junge, der mit seiner Mutter in einem französischen Provinzstädtchen lebt.

Doch dann kommt dieser Tag kurz vor Weihnachten, als Antoine Zeuge wird, wie sein Nachbar den geliebten Hund Odysseus erschießt und achtlos in einer Mülltonne entsorgt. Kurz darauf trifft er den Sohn des Nachbarn, den kleinen Rémi, und erschlägt ihn in einem Moment aufwallender Rache und Wut. Antoine versteckt die Leiche im Wald. Fassungslos blickt er auf sein Verbrechen: «Das Ausmaß der Katastrophe hat ihn niedergeschmettert. Innerhalb weniger Minuten hat sein Leben die Richtung geändert. Er ist ein Mörder. Die beiden Bilder passen nicht zusammen, man kann nicht zwölf Jahre alt und ein Mörder sein.»

Lemaitre (66) schildert in seinem atemberaubendem «roman noir», wie der Zwölfjährige mit seinem neuen Leben als Mörder zurechtzukommen versucht: Mit der Angst vor der Entdeckung, dem Gefühl der Schuld, der Last der Alpträume, aber auch mit der Erleichterung, als der Verdacht auf andere fällt. Dabei offenbart sich der französische Autor als der meisterhafte Spannungsautor, als der er bekannt geworden ist. Für seine Thriller wurde der spätberufene Quereinsteiger von der «Times» als der «neue Stieg Larsson» gefeiert.

Tatsächlich aber hat Lemaitre ein viel breiteres Repertoire zu bieten, wie sein Kriegsveteranenroman «Wir sehen uns dort oben» zeigt, der 2013 mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet wurde. Gekonnt entfaltet er in «Drei Tage und ein Leben» den Mikrokosmos einer von Arbeitslosigkeit bedrohten Provinzstadt, die nun durch das Verschwinden eines kleinen Jungen in zusätzliche Verunsicherung gestürzt wird.

Schnell werden mögliche Verdächtige ins Visier genommen: ein homosexueller Lehrer, dann Monsieur Kowalski, der Arbeitgeber von Antoines Mutter. Selbst der Vater des verschwundenen Jungen, ein vierschrötiger, ungehobelter Mann, gerät zeitweilig in ein schiefes Licht. Andererseits aber rücken die Einwohner auch zusammen. Solidarisch beteiligen sie sich an einer großangelegten Suchaktion der Polizei, bei der die Umgebung durchkämmt wird.

Die Anteilnahme hält jedoch nicht ewig vor. Bald sucht ein verheerender Jahrhundertsturm den Ort heim, viele Häuser werden zerstört, ein Mann wird von einem Baum erschlagen. Wer denkt da noch an den kleinen Rémi? Nur Antoine ist voller Angst. Würde das Hochwasser den Leichnam aus seinem Versteck spülen? «Er hatte Rémi vor sich gesehen, wie er auf dem Rücken trieb wie ein toter Fisch, an Antoines Haus vorbei, an dem seiner Eltern...»

Später entflieht Antoine seiner Heimat, möchte als Arzt für Hilfsprojekte in fernen Ländern arbeiten. Er verliebt sich in eine junge Frau: «Im Alltag vergaß er. Der Tod von Rémi Desmedt war eine alte Begebenheit, eine schmerzliche Kindheitserinnerung. Wochen vergingen ohne Unbehagen. Tatsächlich ließ ihn die Angst nie los. Sie döste, schlief ein und kam wieder. Antoine lebte in der Überzeugung, dass der Mord ihn früher oder später einholen und sein Leben ruinieren würde.» Eines Tages fährt er zurück in seine Heimatstadt.

Lemaitre stürzt uns in ein Wechselbad der Gefühle, denn sein Protagonist ist eine durchaus ambivalente Figur, die Mitleid erregt, aber auch Distanz aufbaut, Drama und Farce vermischen sich.

Einfühlsam schildert der Autor die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven, geschickt entwickelt er eine spannungsgeladene Dramaturgie, bei der nichts dem Zufall überlassen wird, bis sich alles in einer äußerst überraschenden Volte auflöst. Ein toller, erstklassig komponierter Psychothriller.

- Pierre Lemaitre: Drei Tage und ein Leben, Klett-Cotta, Stuttgart, 270 Seiten, 20,00 Euro ISBN 978-3-608-98106-3.

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