Roman mit realen Bezügen : Frösteln mit Isabel Allendes «Sommer-Märchen»

Isabel Allende legt nach.
Isabel Allende legt nach.

Lucía, Richard und Evelyn - diese drei Menschen bilden für kurze Zeit ein Trio - miteinander verbunden durch ein dunkles Geheimnis. Dass sich aus dieser Konstellation viel Gutes entwickeln kann, erzählt Isabel Allende in ihrem neuen Roman «Ein unvergänglicher Sommer».

shz.de von
14. August 2018, 11:44 Uhr

Isabel Allendes neuer Roman «Ein unvergänglicher Sommer» beginnt im Winter - und lässt den Leser frösteln.

Nicht nur wegen der Schneemassen im New Yorker Stadtteil Brooklyn, einer eisigen Souterrainwohnung der Buchheldin Lucía und der unterkühlten Beziehung zu ihrem Vermieter und Arbeitskollegen Richard, mit dem sie doch so gern eine heiße Affäre hätte. Es ist vor allem die grausige Entdeckung einer tiefgefrorenen Leiche im Kofferraum eines Lexus, in den Richard bei Eisglätte hineingeschlittert ist und die sowohl ihn und Lucía als auch Evelyn, die Fahrerin des Wagens, vorübergehend schockgefrostet hat.

Bis endlich Tauwetter einsetzt, erzählt Isabel Allende eine fantastische Geschichte, die - ganz typisch für sie - mehrere Generationen umfasst und Ländergrenzen sprengt. Und dabei die politische Lage in den jeweiligen Territorien und Zeiten kritisch umreißt, was sie ebenfalls oft und gern tut.

Die Rahmenhandlung des jüngsten Werkes der gebürtigen Chilenin spielt im New York unserer Tage und führt drei Menschen zusammen, die einige Schicksalsschläge erlitten haben. Lucía und Richard fällt dabei die Rolle von Beschützern der jungen Evelyn zu, die eines Abends kopflos in Richards Haus geschneit kommt. Sie stammt aus Guatemala, lebt illegal in den Staaten und arbeitet als Kindermädchen bei einer reichen Familie, deren Oberhaupt Frank Leroy nicht der angenehmste Zeitgenosse zu sein scheint, denn laut Evelyn ist er tyrannisch, schlägt seine Frau und hasst seinen schwerbehinderten Sohn.

Das junge Mädchen hat nun Todesangst, in das Haus des Arbeitgebers zurückzukehren, denn es hat Franks Auto ohne dessen Erlaubnis genommen und schließlich im durch Richards Auffahrunfall verbeulten Kofferraum besagte Leiche entdeckt. So sucht die junge Frau Hilfe bei Richard - und dieser damit heillos überforderte Universitätsprofessor braucht die Unterstützung seiner Untermieterin Lucía. Für die beiden lebenserfahrenen Akademiker stellt sich nun die Frage: Was tun, wohin mit der Toten? Evelyn hatte in dem leblosen Körper die Therapeutin des behinderten Jungen erkannt und glaubt, den Mörder zu kennen. Sie ist aber unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen oder gar zu formulieren.

Nicht nur ihre missliche Lage als Illegale hindert sie daran, zur Polizei zu gehen, sondern auch ganz substanzielle Beeinträchtigungen: Die durch schlimme Erlebnisse schwer traumatisierte Frau hat ihre Sprache so gut wie verloren. Mehr als ein Gestammel bekommt sie nicht zustande. Und so bleibt es an Lucía und Richard hängen, sich auch um das Mädchen aus Guatemala zu kümmern. Allende schildert nicht nur, wie die drei das Problem angehen, sondern gibt in rückblickenden Zwischenkapiteln einen Abriss des bisherigen Lebens ihrer Protagonisten.

Wen wundert's, dass das kontinentale Blickwinkel sind, die die Vergangenheit und Gegenwart Mittel- und Südamerikas beleuchten und Wissenswertes über Sitten und Moral der jeweiligen Länder vermitteln, über Kultur und Traditionen, über Normverfall, aber auch über Zukunftsvisionen mit einem grundoptimistischen Tenor. Die seit Jahren in den USA lebende Autorin lässt dabei gern eigenes Erleben einfließen, wobei sich ihre Sozialkritik ganz besonders dem Dilemma vieler Frauen zuwendet, die allzu oft noch Opfer eines nur schwer zu brechenden Machismo in Lateinamerika sind.

Nicht nur Allende-Kennern ist bekannt, dass die heute 76-Jährige nach dem Militärputsch in Chile 1973 mit ihrer Familie aus dem Land flüchten musste, doch ihre Stimme als Frauenrechtlerin verlor sie dadurch nicht. Im Gegenteil. Und als die Journalistin 1982 ihren ersten und bisher erfolgreichsten Roman «Das Geisterhaus» veröffentlichte, nutzte sie fortan dieses Medium, um starke Frauen in den Mittelpunkt ihrer Literatur zu stellen, was beim Publikum weltweit nach wie vor gut ankommt. Bis dato konnte sie über 50 Millionen Exemplare ihrer Bücher verkaufen, die in 27 Sprachen erschienen.

So verwundert es auch nicht, dass Lucía aus «Ein unvergänglicher Sommer» die am eindrucksvollsten porträtierte Person der neuen Lektüre ist, in die Allende vermutlich einiges von sich selbst mit eingearbeitet hat. Es ist - trotz aller realen Bezüge - eine schöne Fiktion, die Allende drei Jahre nach Erscheinen ihres letzten Buchs «Der japanische Liebhaber» nun zu Papier gebracht hat. Und ist um einiges besser als der Vorgänger, der die Grenze zum Kitsch durchaus streifte.

Man könnte, wenn man sehr kritisch ist, natürlich anmerken, dass bei der Zeichnung von Evelyn, ihren Arbeitgebern, den Schleppern und anderen Figuren auch hier und da Klischees Modell standen und die scharfen Schwarz-Weiß-Konturen die oft nötigen Grauschattierungen vermissen lassen. Aber die herzerwärmende Story, die Lebensklugheit, die den Weg der Hauptdarsteller prägt, vor allem aber der unwiderstehliche Erzählstil der Autorin lassen gern darüber hinwegsehen und hoffen, dass eine so frostig beginnende Geschichte in einen unvergänglichen Sommer mündet.

- Isabel Allende: Ein unvergänglicher Sommer. Suhrkamp Verlag, Berlin, 350 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-5184-2830-6.

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