zur Navigation springen

Neuinszenierung : Frischkur für Musical «Cats» am Thunersee

vom

Der Jellicle-Ball in einem heruntergekommenen Freizeitpark? Katzen am Trapez? Der Musicalklassiker «Cats» ist am Thunersee wie nie zuvor zu sehen: in einer seltenen, völlig neuen Inszenierung.

Tumbelbrutus fliegt im Musical «Cats» bei den Thunerseespielen geradezu über die Bühne: Saltos ohne Ende, gewagte Tanzeinlagen auf der Lautsprecherbox. Im Katzenreich von Andrew Lloyd Webber ist er der junge Halbstarke, der mit den Big Boys mithalten will.

Aber so übermütig akrobatisch wie auf der Seebühne in den Schweizer Alpen hat man ihn selten gesehen. Kein Wunder: hinter der Katzenmaske verbirgt sich Lucas Fischer (26), der für die Schweiz als Kunstturner 2013 Vizeweltmeister am Barren wurde.

Salto, Trapez und gewagte Schwünge gehören nicht zur gängigen Bühnenshow des Klassikers, der 1981 den bis heute ungebrochenen modernen Musical-Boom auslöste. Aber in der Inszenierung von Kim Duddy sind die Katzen nicht wie im Original auf einer Müllkippe unterwegs, sondern in einem verlassenen Freizeitpark, nach dem Big Bang. Auf der Freilichtbühne auf dem Thunersee gibt es Autoscooter und Zirkuszelt, Trampoline und einen Turm für Trapezkünstler, vor der Kulisse der Berner Alpen: Eiger, Mönch und Jungfrau.

So eine Abweichung vom Original ist selten. Lloyd Webber, der das Musical nach den Katzengedichten von T.S. Eliot gestaltet hat, gilt als Kontrollfreak. Für die Cats-Shows gibt es eigentlich seitenlange Vorschriften, die auch das kleinste Detail betreffen. Cats sollte überall identisch sein. Jahre haben die Thunerseespiele vergeblich um die Erlaubnis für eine eigene Inszenierung gebeten - bis jetzt.

«Copy and Paste»-Inszenierungen, eine Eins-zu-Eins-Übertragung des Originals auf andere Bühnen, nennt der österreichische Produzent Markus Dinhobl das, was Lloyd Webber jahrelang vorschrieb. Für einen Produzenten, eine Chorepografin, eine Kostümbildnerin ist die künstlerische Freiheit einer freien Inszenierung viel spannender.

Gerade bei Cats sei das aber heikel, wie Dinhobl einräumt: «Jeder kennt das Katzendesign, das Publikum hat ganz bestimmte Erwartungen», sagt er. Er fände Cats auch als Menschengeschichte spannend, mit völlig neuen Blickwinkeln - aber das sei wohl zu gewagt. So bleiben die Katzen auch am Thunersee Katzen, mit Schwänzen, aufwendig geschmickten Gesichtern und vielschichtigen Kostümen. «Aufgepimpt» sei diese Version, mit jugendlichem Touch, so Dinhobl: «Aber keine Angst, es gibt kein Hochglanzlycra in 80er-Jahre-Manier.»

Es sind wohl nicht nur die Alten, die Cats in den 80er Jahren gesehen haben, die das Gewohnte suchen. Zumindest bei Opern fand der Hamburger Soziologe Karl-Heinz Reuband das heraus. Gerade das Publikum unter 29 sprach sich bei seiner Untersuchung für traditionelle Inszenierungen aus, im Fall von Opern solchen, die in der Zeit der Handlung spielen. Nicht etwa Ritter in Anzug und Krawatte oder eine Balgerei um ein Küchenhandtuch statt dem erotischen Schleiertanz in «Salome».

Die Geschichte bleibt in Thun: die Katzen kommen zum Jellicle-Ball zusammen und buhlen um die Gunst von Anführer Alt Deuteronimus. Er entscheidet am Ende, welche Katze ein neues Leben bekommt. Grizabella ist eine ungeliebte alternde Diva, die einst auszog, den Erfolg zu suchen, und nun wieder in die Katzenfamilie zurück will.

Die deutsche Mezzosopranistin Kerstin Ibald ist ein alter Hase als Glamour-Katze Grizabella. Die 39-Jährige sang die Rolle 2016 bei den Luisenburg-Festspielen schon. Sie schätzt die neue Inszenierung: «Es ist immer schön, die Geschichte etwas anders zu erzählen», sagt sie, während ein Visagist in der Maske beim Anlegen der Perücke hilft. Darunter ist ein GPS-Peilsender, damit der Lautsprecher je nach Ibalds Standort auf der 40 Meter breiten Bühne bei ihren Einsätzen mal stärker rechts, mal stärker links aufdrehen kann.

«Sie hat schon eine gewissen Schwere, alle fauchen sie ständig an», sagt Ibald über Grizabella. Um so schöner sei die Erlösung. Ibald singt Lloyd Webbers größten Hit, den Ohrwurm «Memory». Sie spürt den Druck. «Jeder hat das Lied im Ohr, und schnell sagt einer: das habe ich auf der CD aber schon besser gehört.» Im nächsten Jahr kommt «Mamma Mia» auf die Bühne - gesungen in Schweizerdeutsch.

Thunerseespiele

zur Startseite

von
erstellt am 06.Jul.2017 | 09:04 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert