zur Navigation springen

Autoren, Programm, Veranstaltungen, Buchpreis : Frankfurter Buchmesse 2017: Das müssen Sie wissen

vom

Gastland Frankreich dominiert die Buchmesse. 2017 rückt auch der Leser in den Mittelpunkt. Alle Infos für Leseratten.

shz.de von
erstellt am 06.Okt.2017 | 15:14 Uhr

Frankfurt | Michel Houellebecq, Yasmina Khadra, Yasmina Reza, Nancy Huston und Amélie Nothomb: große Namen, preisgekrönte Schriftsteller. Sie gehören zu den mehr als 130 Autorinnen und Autoren, die das Gastland Frankreich für die Frankfurter Buchmesse angekündigt hat. Aber in Frankfurt soll die französische Sprache insgesamt im Vordergrund stehen – und die wird von mehr als 270 Millionen Menschen weltweit gesprochen, nicht nur in Frankreich, sondern auch in Afrika, Nordamerika, Asien und dem Maghreb.

„Es gibt ein neues Bewusstsein. Französischsprachige Autoren – ob sie nun in anderen Ländern leben oder als Einwanderer in Frankreich – sind heute für die französischen Verlage sehr wichtig“, sagt der Chef-Organisator des Ehrengast-Auftritts, Paul de Sinety.

„Francfort en français“ (Frankfurt auf Französisch) heißt der Slogan der Gäste, die im Vorfeld der Buchmesse eine Kulturoffensive angekündigt haben. Deutschlands Nachbar verknüpft mit dem Auftritt auf der internationalen Kulturbühne große Erwartungen. „Wir müssen junge Menschen in Deutschland und anderswo wieder für die französische Kultur gewinnen“, sagt de Sinety. „Es gibt bei uns Migranten oder junge Autoren, die auch Deutschland viel zu sagen haben.“

Etwa 300 Veranstaltungen sind in Frankfurt geplant. In ganz Deutschland gibt es an vielen Orten – übers Jahr verteilt – weitere 400. Frankreich war bereits 1989 zu Gast auf der weltweiten Leitmesse. Mit seiner Antwort auf die erneute Einladung nach Frankfurt hat sich das Land zunächst viel Zeit gelassen. Dafür tritt es nun mit Pauken und Trompeten auf.

Merkel und Macron eröffnen die Messe

Mehr als 500 Übersetzungen französischer Bücher ins Deutsche werden präsentiert. Die große Bühne in Frankfurt will Frankreich konsequent nutzen. Daher hat sich auch Staatspräsident Emmanuel Macron angesagt, der die Messe gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eröffnet.

Die französische Literatur ist reich an wichtigen Strömungen und bedeutenden Schriftstellern, allen voran Houellebecq, das „Enfant terrible“ der schreibenden Zunft. Seit Jahren schon nimmt er in seinen Romanen die narzisstische Konsumgesellschaft des Westens und den Islam ins Visier. In Frankfurt wird der 61-Jährige diesmal zwar ohne ein neues eigenständiges Werk gefeiert. Etwas bislang noch Unbekanntes gibt es dennoch von ihm zu entdecken. In „Blau Weiß Rot - Frankreich erzählt“, einer Anthologie von in Frankreich lebenden Autoren, wurde „Mourir“ (Sterben) veröffentlicht. Den Text hat Houellebecq als 47-Jähriger geschrieben. Publizieren wollte er ihn nie. Darin erwähnt er seine Kindheit und seine Beziehungen zu seinen Eltern; Autobiografisches, mit dem sich der Schriftsteller gewöhnlich zurückhält. 

Mit Yasmina Khadra kommt einer der erfolgreichsten Autoren Algeriens. Bevor er Ende 2000 nach Frankreich auswanderte, war er Offizier in der algerischen Armee. Sein Geburtsland, das von Korruption, Terror und Armut heimgesucht wird, steht im Mittelpunkt seiner Werke. Sein jüngst auf Deutsch erschienener Roman „Die Engel sterben an unseren Wunden“ erzählt die Geschichte eines in Armut lebenden Jungen, der von einem besseren Leben träumt.

Zu den international bekanntesten französischen Autorinnen gehört Yasmina Reza. In ihren Geschichten lotet sie die Untiefen von Paarbeziehungen aus. So auch im Roman „Babylon“, der Ende August erschienen ist. Ebenfalls mit Beziehungslügen, diesmal jedoch im Spannungsfeld der Familie, setzt sich die Franko-Kanadierin Nancy Huston auseinander.

Arbeitslosigkeit, Terroranschläge, Kapitalismus, Rechtspopulismus und Rassismus: Themen, mit denen sich immer mehr französischsprachige Autoren auseinandersetzen. Zu ihnen gehören die im Iran geborene Schriftstellerin und Filmemacherin Négar Djavadi sowie der 35-jährige Jean-Baptiste Del Amo. Beide werden in Frankfurt erwartet.

Insgesamt leben allein in Frankreich rund 55.000 französisch schreibende Autoren – ein bedeutender Markt. Jährlich erscheinen durchschnittlich über 75.000 Titel. Bis zu 4000 Verlage, darunter renommierte Häuser wie Gallimard, Flammarion und Seuil, aber auch zahlreiche kleinere Verlage, haben im Jahr 2015 mehr als 436 Millionen Bücher für rund 2,5 Milliarden Euro verkauft.

Hintergrund: Entwicklungen auf dem deutschen Buchmarkt

Der deutsche Buchmarkt gilt immer noch als der zweitgrößte der Welt. Doch die Titel-Flut geht weiter zurück

Neuerscheinungen: Im vergangenen Jahr sind 72.820 neue Titel in Erstauflage erschienen. Das waren fast fünf Prozent weniger als 2015. Damit ist auch der Bücherturm geschrumpft, der aus den Neuerscheinungen gebaut werden könnte: Von 2300 auf 2185 Meter.

Wo werden Bücher gekauft? Immer noch fast zur Hälfte (47,3 Prozent) im traditionellen Buchladen. Aber fast jedes fünfte Buch (18,2 Prozent) wird inzwischen übers Internet bestellt.

Kosten für Bücher: Im vergangenen Jahr ist der Preis für einen Roman (Hardcover) gefallen. Im Schnitt wurden dafür 16,30 Euro verlangt (-3,7 Prozent). Auch Kinder- und Jugendbücher (11,51 Euro) wurden etwas billiger. Nur der Preis von Schulbüchern (17,23 Euro) blieb konstant.

E-Book-Markt: Der Hype ist endgültig vorbei: 2016 ging der Anteil der E-Book-Käufer erstmals sogar wieder auf 3,8 Millionen (2015: 3,9 Millionen) zurück.

Wer liest wie oft? Täglich oder mehrmals in der Woche lesen 42 Prozent der Frauen ein Buch, aber nur 25 Prozent der Männer. Fast 60 Prozent des „starken“ Geschlechts lesen nur einmal im Monat oder noch seltener. Bei Frauen beträgt dieser Anteil nur 40 Prozent.

Übersetzungen ins Deutsche: Englisch (64,8 Prozent) wird noch dominanter und legt weiter zu. Französisch verliert weiter an Boden (10,8 Prozent). Japanisch (6,3 Prozent) und Niederländisch (3,2 Prozent) kommen weit dahinter.

Deutscher Exportschlager Buch: Bei den Lizenzverträgen bleibt China (18,6 Prozent) weiter klar an der Spitze. Dahinter kommen Italien (5,4), Spanien (5,3), Frankreich (5,1), Tschechien (4,9) und die Türkei (4,2 Prozent).

Rund 1000 Autoren und schreibende Prominente kommen dieses Jahr wieder auf die Messe. Neben Dan Brown gehören dazu unter anderem Margaret Atwood, Ken Follett, Paula Hawkins oder auch Sebastian Fitzek.

Frankfurter Buchmesse rückt Autoren und Leser wieder in den Blickpunkt

Juergen Boos, langjähriger Chef der Frankfurter Buchmesse, hat einen Traum: So wie auf der Berlinale alljährlich den Filmstars im Februar der rote Teppich ausgerollt wird, so sollte Frankfurt dann im Oktober die Großen der Literaturszene feiern. Boos will die weltweit wichtigste Leitmesse der Branche fürs lesende Publikum attraktiver machen. Dieses Jahr wird nun Dan Brown, der mit seinen Thrillern zu den Megasellern im globalen Markt gehört, am Messe-Samstag vor 2000 Leuten seinen neuen Thriller vorstellen. „Wir wollen das in den nächsten Jahren massiv ausbauen“, kommentiert Boos den einzigen Auftritt Browns in Deutschland, den die Messe zusammen mit dessen deutschem Verlag organisiert.

Dass die Messe so stark um den Leser buhlt, hat gleich mehrere Gründe. Zum einen rückt das alte Kerngeschäft wieder in den Vordergrund, da sich der digitale Hype ums E-Book und anderen Schnickschnack im Buchgeschäft inzwischen gelegt hat. Der Umsatzanteil von E-Books in Deutschland liegt gerade mal bei etwas mehr als fünf Prozent – im vergangenen Jahr war die Zahl der Käufer von digitalen Büchern sogar erstmals wieder rückläufig. „Auch nach 500 Jahren bleibt das Buch eine geniale und ausgereifte Innovation“, sagt Ronald Schild von der MVB, der für die Umsetzung der Digitalisierung zuständigen Tochter des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Er hatte dem E-Book vor einigen Jahren selbst eine weit schnellere Entwicklung zugetraut, wie er einräumt.

In Deutschland wird außerdem der direkte Kontakt zum Leser immer wichtiger. „Der Autor verlangt immer mehr, dass er auch sein Publikum trifft“, glaubt Boos. Sogar Kleinstädte organisieren heute Literaturfestivals. Zugleich sind die lit.Cologne oder das Berliner Literaturfest zu hochkarätig besetzten Veranstaltungen mit Weltstars der Szene geworden, zu denen Zehntausende Besucher kommen. Das setzt die Buchmesse unter Druck. Boos sieht sich zwar nicht in Konkurrenz zu anderen Festivals. Die Messe müsse aber gemeinsam mit den Verlagen auf die neue Situation reagieren.

Rund 1000 Autoren und schreibende Prominente kommen dieses Jahr wieder auf die Messe. Von dieser Vielfalt kann die Messe nur profitieren – genauso wie von der bereits im vergangenen Jahr wieder spürbar stärker gewordenen politischen Agenda. So soll das Thema Meinungsfreiheit – zum Beispiel in der Türkei – erneut einen Schwerpunkt auf der Messe bilden.

Für die erwarteten 7000 Aussteller aus rund 100 Ländern steht aber wie immer das Geschäft im Vordergrund – mit der Digitalisierung weiter im Fokus. Frankfurt ist auch weltweit der wichtigste Handelsort für Buchlizenzen. In dem eigens für Literaturagenten reservierten Zentrum wurden 500 Tische verkauft – ein Rekord. Diese führende Stellung will die Messe unter Beweis stellen: Für den Eröffnungstag hat man als Redner den Chef von Penguin Random House, Markus Dohle, verpflichtet. Der weltweit führende Verlagskonzern gehört mehrheitlich zum Bertelsmann-Konzern.

Auch die im vergangenen Jahr begonnene Zusammenarbeit mit den Bereichen Kunst, Design und Mode will die Messe fortsetzen. Unter dem Motto „The Arts+“ will dort das Künstlerkollektiv robolab vom ZKM Karlsruhe seinen Roboter „manifest“ präsentieren.

Am Wochenende stürmt dann das Lesepublikum die Messe: Der Vorverkauf ist so gut angelaufen, dass mit einer Steigerung der Besucherzahlen gerechnet wird. Das Kalkül der Messe, mehr Publikum zu gewinnen, könnte also aufgehen. Allerdings bleibt die Frage, wie die zusätzlichen Besucherströme kanalisiert werden sollen. Schon jetzt ist am Wochenende in einigen Hallen und an Rolltreppen oft kein Durchkommen mehr.

Schnelle Fakten zur 69. Frankfurter Buchmesse

Eröffnung 10. Oktober
Messetage (nur Fachbesucher) 11. bis 13. Oktober
Messetage (Publikumstage) 14. und 15. Oktober
Eintrittspreise
Öffnungszeiten Pulikumstage
  • Samstag von 9 bis 18.30 Uhr
  • Sonntag von 9 bis 17.30 Uhr
Programm
  • 7000 Aussteller
  • 4000 Veranstaltungen (hier zu finden)
  • Auch eine App für die Buchmesse ist verfügbar (Android // Apple)
  • Gastland ist Frankreich
Besucher 270.000 werden in den fünf Tagen erwartet.

Die Jury hat sechs Romane für die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2017 ausgewählt:

„Kühnes Denken“ und die Sorge um Europa – das eint nach Ansicht von Jurysprecherin Katja Gasser die Autoren auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Alle sechs Titel hätten „ein sehr hohes literarisches Niveau“, sagte die Österreicherin nach der Bekanntgabe der Liste Anfang September. Bis am 9. Oktober der Sieger verkündet wird, trifft sich die Jury nur noch ein einziges Mal. Gasser ist sicher: „Es wird schwierig.“

Als die sieben Juroren aus 200 Kandidaten 20 auf die Longlist setzen mussten, gab es „wirklich heftige Debatten darüber, was gute Literatur ist“. In der zweiten Runde waren sich die Jury-Mitglieder dann aber bei den meisten Titeln „überraschend schnell einig“, wie Gasser am Telefon in Wien erzählt. Vier Deutsche und zwei Österreicher sind nominiert, vier Männer und zwei Frauen. Besonders freuen darf sich der Suhrkamp Verlag: Die Hälfte der Shortlist-Kandidaten ist hier unter Vertrag.

Gerhard Falkner, Franzobel, Thomas Lehr, Robert Menasse, Marion Poschmann und Sasha Marianna Salzmann - einer oder eine bekommt den prestigeträchtigen Preis und 25.000 Euro. Den übrigen fünf Autoren sind schon heute 2500 Euro sicher. Die Auszeichnung, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seit 2005 vergibt, ist ein Garant für hohe Auflagen. Wichtiger ist der Jury aber, dass sie mit der Long- und Shortlist Lesern „ein Angebot“ macht: Diese Bücher sind literarisch hochwertig und inhaltlich relevant.

Was viele Autoren umtreibt – von etablierten Schriftstellern wie Menasse über experimentelle Autoren wie Lehr bis zu Newcomern wie Salzmann – ist die Sorge um Europa. „Thematisch ist es die Frage danach, wer ,wir‘ sind und wer ,wir‘ sein wollen, die viele der Texte zusammenhält“, teilte die Jury mit.

„Die Kieferninseln“ – Marion Poschmann

Es ist nur ein läppischer Traum, der den Mann aus der Bahn wirft. Gilbert Silvester fällt aus allen Wolken, weil er glaubt, seine Frau würde ihn betrügen. Also packt er seine Koffer, verabschiedet sich spontan aus seinem Alltag, lässt alle Routinen und Sicherheiten hinter sich und fliegt nach Tokio.

Ins Unbekannte, in ein geheimnisvolles Land am Ende der Welt. So beginnen Bücher, die man nicht mehr aus der Hand legen möchte. Es folgt eine Suche nach dem Glück, die sich auf den Leser unmittelbar überträgt. „Die Kieferninseln“ heißt der neue Roman der 1969 in Essen geborenen Marion Poschmann.

Die in Berlin lebenden Prosaautorin („Die Sonnenposition“), die sich auch als Lyrikerin einen Namen gemacht hat, gelingt das Kunststück, eine ganz konkrete Aussteigergeschichte zu erzählen, in der sich zugleich eine spirituelle Pilgerfahrt verbirgt, die sich um die großen, existenziellen Themen dreht. Ihr flirrender Text scheint immer ein wenig über dem Boden zu schweben: Eine Prosa der feinen Nuancen, getragen von großer sprachlicher Schönheit.

Poschmanns wackliger Held Gilbert kommt aus prekären Verhältnissen, ein mäßig ehrgeiziger, etwas altmodischer Kulturwissenschaftler, der sich von einem Forschungsauftrag zum nächsten hangelt. „Bartmode und Gottesbild“ lautet sein nur auf den ersten Blick abseitig wirkendes Schwerpunktthema. Im Laufe seiner Reise reflektiert der Akademiker über Gottes Rauschebart bei Michelangelo, den fehlenden Bart des Papstes und die zumeist bartlosen Japaner. Seiner angeblich untreuen Ehefrau Mathilda, einer Lehrerin, schreibt er kleine Briefe von unterwegs - so nähert er sich ihr in der Ferne langsam wieder an. War der Betrugsvorwurf nur ein Vorwand, um den alltäglichen Sachzwängen zu entfliehen?

Im sehr aufgeräumten Japan staunt Gilbert über das Essen, gewöhnt sich an den grünen Tee, der immer wieder seine Farbe wechselt, und die puristisch eingerichteten Hotelzimmer. Gleich zu Beginn seiner Reise trifft er auf einem Bahnsteig den lebensmüden Studenten Yosa Tamagotchi. Gilbert kann das Schlimmste verhindern und nimmt den jungen Mann, der ein zierliches Ziegenbärtchen trägt, mit zu sich ins Hotel. Die beiden beschließen, gemeinsam die Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Wenn es denn unbedingt Selbstmord sein soll, so Gilbert, dann wird sich da schon ein spektakulärer, dem Anlass angemessener Schauplatz finden.

Bald verirren sich beide im berüchtigten Selbstmörderwald Aokigahara, verbringen eine Nacht im unheimlichen Baumlabyrinth, kommen am nächsten Tag mühsam wieder heraus, aber der Busfahrer hält sie für Geister und lässt sie an der Straße stehen. Ein feiner Humor zieht sich durch diesen Trip in das „Teeland“ Japan, wo alle Dinge von einem Schleier umgeben sind. Ganz anders als in Deutschland, dem „Kaffeeland“, wo alles klar und gut ausgeleuchtet sein muss. Schöne Wendungen gibt es bei Poschmann zuhauf: Da fällt das Haar „schillerlockenhaft“ vom Kinn herab, oder es gibt eine „Phase immobilienmaklerhafter Aktivität“.

Gilberts Ziel ist schließlich der Küstenort Matsushima. Er möchte in die sagenhafte Bucht der Kieferninseln, er will das Mondlicht auf den Zweigen der Bäume betrachten. Sein spiritueller Reiseführer ist der Haiku-Dichter Matsuo Basho (1644-1694), der den wilden Norden Japans als Pilger zu Fuß bereist hat. Gilbert und Yosa schreiben selbst dreizeilige Haikus, Gelegenheitsnotate, so zart und flüchtig wie Kirschblüten. So kommt einem auch dieser Roman vor, der scheinbar mühelos von der Verwandlung aller Dinge erzählt.

  • Marion Poschmann: Die Kieferninseln, Suhrkamp Verlag, Berlin, 165 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3518427606
„Das Floß der Medusa“ – Franzobel

Die Wirklichkeit ist oft schlimmer als jede Fantasie. Eine nicht neue Erkenntnis, die der österreichische Autor Franzobel dem Leser aber auf ziemlich beeindruckende Weise frisch einhämmert. „Das Floß der Medusa“ (Hanser/Zsolnay) ist die erschreckende, unappetitliche, demaskierende und leider auf einer wahren Geschichte basierende Schilderung eines Schiffbruchs, der vor 200 Jahren Frankreich aufwühlte.

Im Sommer 1816 läuft die Fregatte Medusa mit rund 400 Menschen an Bord vor der westafrikanischen Küste auf eine Sandbank. Die Rettungsboote sind schnell voll, ein selbstgezimmertes Floß soll die übrigen 146 Männer und eine Frau an die 100 Seemeilen entfernte Küste bringen. Zwei Wochen später werden nur noch 15 Überlebende – an Körper und Geist zerstört – vom anfangs überladenen Floß gerettet, auf dem sie teils hüfthoch im Wasser gestanden waren. Sie haben überlebt, weil sie das Fleisch ihrer toten Schicksalsgenossen gegessen haben.

„Wo es kein Brot gibt, gibt es kein Gesetz mehr“, heißt die eigentliche Botschaft des fast 600-seitigen Seefahrts-Dramas. Der 49-jährige Franzobel, Gewinner des Ingeborg-Bachmann- und des Arthur-Schnitzler-Preises, hat sich für die Recherche selber einem Härtetest unterworfen und zwei Wochen lang gefastet. Überhaupt besticht das Buch durch jede Menge Detailkenntnisse, ist auf fast jeder Zeile zu spüren, dass sich der Autor drei Jahre lang in die Materie hineingekniet, Schauplätze besucht und viele Experten befragt hat, um den Wahnsinn beschreiben zu können.

Der beginnt - aus heutiger Sicht der meist zivilisierten Umgangsformen - schon bei der regulären Fahrt von Frankreich gen Senegal. An Bord dieser mit vielen Soldaten aber auch zahlenden Passagieren besetzten Fregatte herrscht eine unfassbare Rohheit, werden Menschen willkürlich zu Tode geprügelt, wird ihre Gesundheit ruiniert, ist der aus gutem Haus stammende junge Viktor - aus Abenteuerlust auf Seereise - einer der wenigen, der mit Begriffen wie Würde und Anstand etwas anzufangen weiß.

Nach dem Schiffbruch brechen sehr bald wegen Hungers alle moralischen Grenzen. Die einen werden ins Meer gestoßen, die anderen springen verzweifelt in den Atlantik. Der eine spaltet seinem Nebenmann mit der Axt den Schädel, der andere schlitzt ihm dafür die Kehle auf.

Gewalt-Exzesse lodern immer wieder auf. „Es war grauenvoll, diese glitschigen Fleischstücke unter sich zu spüren - als ob man über eine nasse Wiese voll mit toten Fröschen ginge.“ Am Ende herrscht Kannibalismus. Der Schiffsarzt Henri Savigny schreibt später alles auf.

Sein Bericht über den völlig unfähigen Kapitän, der nur dank seiner Königstreue in der nach-napoleonischen Ära zu einem Kommando gekommen war, löste einen Skandal aus. Der Maler Théodore Géricault hat das Drama 1819 in seinem berühmtesten Bild verewigt. Ausgemergelte Gestalten, umgeben von Leichenteilen, hoffen in einer bedrohlich aufgewühlten See auf Rettung. „All die eingebildeten Schrecken unserer Melodramen und Tragödien sind nichts, verglichen mit den wirklichen Schrecken dieser Katastrophe“, schrieb eine Zeitschrift.

  • Franzobel: Das Floß der Medusa, Hanser/Zsolnay-Verlag, Wien, 590 Seiten, 26 Euro, ISBN 978-3-552-05816-3
„Die Hauptstadt“ – Robert Menasse

Die Europäische Union ist ein kompliziertes Gebilde, und Robert Menasses neuer Roman „Die Hauptstadt“ wirkt anfangs ähnlich verwirrend. Doch allmählich baut sich Spannung auf und den Leser packt die Neugier darauf, wie es wohl weitergeht.

Der Senf ist pure Fiktion. Es gibt ihn nicht, den scharfen englischen und den süßen deutschen Senf, mit dem Robert Menasses Roman „Die Hauptstadt“ beginnt, jedenfalls nicht in dem beschriebenen Supermarkt am Boulevard Anspach in Brüssel, und schon gar nicht in Tuben. 14 Sorten bietet die - sehr wohl existierende - Filiale feil: alle in Gläsern, und keine deutsche oder englische Sorte dabei. Menasse aber braucht den Tubensenf für die winzigen Hundekot-Skulpturen auf dem Teller des EU-Beamten Martin Susman, dessen Bratwurst zu Anfang in der Pfanne verbrennt.

Sieben Figuren führt der Autor allein auf den ersten fünf Seiten seines neuen Buchs ein, dann kommt die Szene mit dem Senf - und es bleibt vorläufig unübersichtlich. „Die Hauptstadt“ wimmelt von verschiedenen Erzählsträngen und Charakteren, deren mögliche Beziehung zueinander der Leser erst allmählich erahnt - und mit zunehmender Spannung verfolgt. Nach und nach verwebt Menasse diese Fäden zu einem Bild der Europäischen Union, das die Hilflosigkeit und heillose Verstrickung des EU-Systems deutlich macht.

Ein Killer im Auftrag der katholischen Kirche, ein Schweineproduzent im Sitzungssaal, die Ärmelhalter eines Brüsseler Karrierebeamten und ein Korrekturprogramm, das die Eitlen automatisch in Eliten umwandelt - all das gehört bei Menasse zusammen. Ebenso wie das „Nie wieder Auschwitz“, das als Fundament der europäischen Einigung allmählich in Vergessenheit gerät, während die Mitläufer des „Weiter so!“ im ungebrochenen Nationalismus zu Wegbereitern eines „Wieder so!“ werden könnten.„Die Hauptstadt“ ist ein resolut europäischer Roman, der Fehlfunktionen der Europäischen Kommission schonungslos der Lächerlichkeit preisgibt. Der Wiener Autor kombiniert dafür präzise Brüsseler Ortskenntnis mit inhaltlichem Erfindungsreichtum. Von der Senfauswahl im Supermarkt bis zum Zeitpunkt der tödlichen Explosion in der Metrostation Maelbeek lässt sein Buch die Fakten hinter sich, um die europäische Wirklichkeit wohl wahrhaftiger und jedenfalls anschaulicher zu beschreiben, als alle Sitzungsprotokolle und Festschriften dies vermögen.

Zu viel für einen Roman von 459 Seiten? Das könnte wohl sein. Man darf gespannt sein auf die versprochene Fortsetzung.

  • Robert Menasse: Die Hauptstadt, Suhrkamp Berlin, 459 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-518-42758-3
„Schlafende Sonne“ – Thomas Lehr

Wenige deutsche Schriftsteller sind sprachlich so ambitioniert, intellektuell so überbordend und herausfordernd wie Thomas Lehr (59). Das zeigte sich bereits in seinen früheren Werken „Nabokovs Katze“, „42“ oder „September. Fata Morgana“. Mit „Schlafende Sonne“ hat er jetzt den ganz großen Wurf gewagt. Lehrs neues Buch versteht sich als eine Art Universalroman und reiht sich ein in die Literatur der Moderne, etwa eines James Joyce, die nach neuen, experimentellen Ausdrucksformen sucht.

Man kann „Schlafende Sonne“ als Röntgenbild des 20. Jahrhunderts lesen. Das Buch streift die unterschiedlichsten Wissensgebiete: Politik, Kunst, Physik, Astronomie und vieles andere mehr. Dabei verzichtet der Autor auf jegliche Chronologie oder stringente Erzählweise. Stattdessen eine lockere Abfolge von aufpoppenden Erinnerungssequenzen, Assoziationsschüben und Perspektivwechseln.

Lehr hat seine Grundidee, Zeit zu zertrümmern und aufzulösen, wirklich konsequent umgesetzt. Für den nach Orientierung suchenden Leser ist das aber anstrengend. Das Buch ist auch ein Künstlerroman. Die Hauptfigur ist die Malerin Milena Sonntag, die im August 2011 ihre erste Retrospektive feiert.

Milena stammt aus der DDR, wuchs in einer Dresdner Künstlerkolonie auf. Ihr Mann Jonas, ein Astrophysiker, kommt aus Freiburg. Beide begegneten sich in einem Göttinger Philosophieseminar, wo sie zusammen mit dem Philosophen und Dokumentarfilmer Rudolf eine bewegte Ménage à trois bildeten. Nun lehrt Rudolf in Tokio, trifft aber seine frühere Studentin Milena zu deren Ausstellungseröffnung in Deutschland wieder.

Neben diesem Dreigestirn tauchen in dieser weit verästelten Erzählung weitere Personen auf, ehemalige Geliebte, deren Bilder sternschnuppenartig aufleuchten und wieder verglühen, aber auch Figuren wie Edmond und Esther. Hinter ihnen verbergen sich ganz offensichtlich der Philosoph Edmund Husserl und die von den Nazis ermordete Edith Stein. Die Phänomenologie Husserls spielt in dem Roman eine große Rolle ebenso wie die Solarphysik. Oder wie die Studentenbewegung der sechziger Jahre, der Wilhelminismus und der Kriegsausbruch von 1914. Alles ist mit allem verwoben, ein einziger gigantischer Kosmos, ein Sonnensystem.

Lehr ist ein großer Wortkünstler, besonders seine Personenbeschreibungen sind von schöpferischer Originalität, sein Vokabular ist alles andere als klischeehaft. Doch steht zu befürchten, dass viele Leser diese Originalität gar nicht erst entdecken werden, da sie schon vorher abgeschreckt sind von der Verkopftheit und dem einschüchternden intellektuellen Überbau dieses Werks. „Schlafende Sonne“ zeugt auch von künstlerischer Selbstverliebtheit. Ein Buch wie ein Universum, auf das man sich einlassen, das man sich erarbeiten muss, an ein Massenpublikum richtet sich es definitiv nicht.

Lehr hat angekündigt, dass das 640-Seiten-Werk der Auftakt zu einer „Deutschen Trilogie“ werden wird. Im Abstand von fünf Jahren sollen die beiden Folgeromane erscheinen.

  • Thomas Lehr: Schlafende Sonne, Hanser Verlag, München, 640 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3-446-25647-7
„Romeo oder Julia“ – Gerhard Falkner

Merkwürdige Geschichten beginnen oft mit einer seltsamen Begebenheit. Bei Gerhard Falkner ist es ein Büschel schwarzer Haare. Sein neuer Roman „Romeo oder Julia“ nimmt seinen eigenartigen Anfang in einem Hotelzimmer in Innsbruck. Nach einem Einbruch ist nichts verschwunden, Geldbeutel und Laptop liegen noch an ihrem Platz. Doch hat anscheinend jemand ein ausgiebiges Bad genommen. Lange Frauenhaare haben sich am Wannenrand verfangen.

Sexuelle Anspielung? Ja, klar. Doch stellt sich bei Kurt Prinzhorn auch Panik ein. Der Ich-Erzähler ist irritiert. „Wenn nichts weggekommen ist, dann hast du ja nur ein Geschenk zu beklagen“, sagt ein Freund zu ihm.

Haare seien doch meist ein Zeichen der Zuneigung. Aber ganz so einfach ist es nicht. Zumal Kurt später feststellt, dass doch etwas fehlt: seine Schlüssel. Über allem schwebt das Mysterium – und Nancy Sinatra singt: „bang bang, that awful sound, bang bang, I hit the ground“. Eine Vorahnung.

Der Schriftsteller Kurt kommt als Alter Ego Falkners daher. Der Autor und Lyriker wurde für seinen Berlin-Roman „Apollokalypse“ hoch gelobt, nun hat der 66-Jährige den Nachfolger vorgelegt. Ein Teil des Manuskripts sei ihm, so heißt es in der Nachbemerkung, tatsächlich bei einem Einbruch ins Hotelzimmer abhanden gekommen. Falkner macht aus der Not eine Tugend und strickt die Begebenheit in „Romeo oder Julia“ einfach weiter.

Wunderbar berichtet er etwa von den Tagen, die Kurt ins Moskauer Massenhotel Rossija führen, gleich neben dem Kreml. Mit seinen Schriftstellerkollegen des PEN-Club kippt er Nacht für Nacht Wodka an der Hotelbar, sie werfen Gläser von den Tischen, während die Bardame mit Nachschenken die Stimmung immer weiter anheizt. Zelebriert wird der Hedonismus. Solange bis Kurt in seinem Zimmer einen Zettel mit einer Todesdrohung findet. Spätestens jetzt ist ihm klar: Er wird nicht nur gestalkt, es geht um sein Leben.

Natürlich ist „Romeo oder Julia“ eine Liebesgeschichte, wie könnte es bei solch einem Titel anders sein. Doch findet die Liebe nicht - wie bei Shakespeare - im gemeinsamen Tod der beiden Helden ihre Vollendung. Bei Falkner läuft es zwangsläufig auf den High Noon hinaus: du oder ich, Romeo oder Julia.

Das Geheimnis des Ganzen liegt in Kurts Vergangenheit, denn der Ich-Erzähler lässt in Sachen Frauen in der Regel nichts anbrennen: Einmal flüstert er einer im Vorbeigehen ins Ohr: „Ich finde dich wunderbar.“ Später, mittlerweile in Madrid, soll er seine Flamme „doch endlich mal begrüßen“, während ihre Augen brombeerrot glänzen, „und Sekunden später ratterte der Schreibtisch“. Unentwegt knistert es im Roman. Das wird dem Schwerenöter zum Verhängnis.

Die Handlung wird immer panischer und dichter. Symbolhaft kehren Gewitter, Farben, Tiere oder Glocken wieder. Sprachlich schreckt Falkner nicht vor Pathos zurück, etwa wenn er über einen Morgen schreibt: „Zu dieser Prächtigkeit des Geläuts gesellte sich die wie ein päpstlicher Kardinal ins Zimmer hereinrauschende Sonne. Reinster vatikanischer Purpur.“ Zuweilen kippen diese Spielereien auch in belanglose Scharmützel: „Es gab kaum Leute auf der Straße. Straßen auf den Leuten gab es erst recht nicht.“ Was immer Falkner damit sagen will. Oder: „Ich ergriff ihre Hand und fühlte mich ergriffen.“ Nun ja.

Auch ist es schade, dass der Roman gegen Ende doch etwas uninspiriert wegplätschert. Das seltsame Mysterium findet ein allzu konstruiertes und saftloses Ende. Aber darauf kommt es gar nicht an. Möglicherweise ist es auch nur konsequent: Wenn es nicht beide zusammen, sondern nur Romeo oder Julia geben kann, sind Liebe wie Lust eben manchmal nur eindimensional.

  • Gerhard Falkner: Romeo oder Julia. Piper Verlag, 272 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-8270-1358-3
„Außer sich“ – Sasha Marianna Salzmann

Was ist eigenes Leben? Und wo fängt die Fantasie an? Sasha Marianna Salzmann, Hausautorin des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, hat in ihrem furiosen Debütroman „Außer sich“ die Grenzen gekonnt verwischt. Selbst in Russland geboren und als jüdisches Flüchtlingskind in Deutschland aufgewachsen, erzählt die 32-Jährige eine Geschichte von Entwurzelung, Heimatlosigkeit und der Suche nach der eigenen Identität - sensibel und radikal zugleich.

„Ein facettenreiches Generationspanorama von der Sowjetunion im 20. Jahrhundert bis ins Europa der Gegenwart“, befand die Jury, die Salzmann den Jürgen-Ponto-Literaturpreis zusprach.

Ihre Heldin Alissa (oder sollen wir gleich sagen: ihr Held?) lebt in einer aus den Fugen geratenen Welt. In der Sowjetunion als „Judensau“ beschimpft und in Deutschland von den Klassenkameraden mit „Russki, Russki, ficki ficki“ empfangen, wird ihr Bruder Anton zur einzigen Sicherheit ihres Lebens. Als der Zwilling plötzlich verschwindet, macht sie sich in Istanbul auf die Suche nach ihm.

Doch in der brodelnden Millionenmetropole wird aus der Sehnsucht nach dem Vermissten immer mehr die Frage nach sich selbst, nach den eigenen Wurzeln. „Ich kann mich nicht sehen, habe keine Erinnerungen, habe eine Nabelschnur, die ins Nichts führt“, sagt sie einmal.

Der Tänzer Katho, der früher Katüscha hieß und eine Frau war, ehe er in ihren Mund ejakulieren konnte, wird schließlich zum Vorbild. Auch Alissa besorgt sich auf den Straßen Istanbuls Testosteron und lässt sich künftig Anton nennen. „Ich hatte ein Ziel, aber es musste auf mich zugestolpert kommen.“ Marianna Salzmann hat schon in ihrer Theaterarbeit bewiesen, wie souverän sie mit solch schwierigen Themen umgehen kann. Nach einem Studium in Hildesheim und Berlin gewann sie bereits mit ihren ersten Stücken „Weißbrotmusik“ und „Muttermale Fenster Blau“ Auszeichnungen.

Der deutsch-jüdische Generationenkonflikt „Muttersprache Mameloschn“ brachte 2013 den großen Durchbruch. Seitdem ist sie Hausautorin am Gorki und leitete dort bis 2015 mit dem Studio ? die wohl spannendste Experimentierbühne Deutschlands. Während eines Stipendiums an der deutschen Kulturakademie Tarabya in Istanbul 2012/13 begann die Arbeit an ihrem jetzt vorliegenden Romandebüt.

Die angespannte Situation in der Türkei von den ersten Demonstrationen auf dem Taksim-Platz bis zum blutig niedergeschlagenen Putschversuch von 2016 ist der politische Hintergrund, vor dem die Erzählung spielt. Damit verwebt sie die wechselvolle Geschichte Europas von der Russischen Revolution bis zur Besetzung der Krim, wenn sie Ali alias Anton auf der Spurensuche nach seinen familiären Wurzeln begleitet.

Da sind die Urgroßeltern Etja und Schura, stolze Ärzte, die auch nach den Gräueln der Stalin-Zeit den Glauben an den Sozialismus nicht verlieren wollen. Da sind die Großeltern Emma und Daniil, die auch noch angesichts von Alissas kräftig sprießendem Bart am Bild der langhaarigen Enkeltochter festhalten. Und da sind schließlich die Eltern Valentina und Konstantin, die auf je unterschiedliche Weise am Leben in der Fremde zerbrechen.

Trotz der Wucht der Geschichten erzählt Salzmann mit leichter Hand und klarem Ton. Virtuos verknüpft sie dabei verschiedene Zeit- und Ortsebenen und den Wechsel der Perspektive: Einmal beobachtet sie ihre Ali von außen, ein andermal gibt sie ihr die Ich-Form.

In einem zweiten Teil kommt überraschend der verschwundene Anton selbst zu Wort - auf der Suche nach seiner Schwester Ali. Und spätestens hier lässt sich der Roman auch als ein brillantes Vexierspiel lesen, in dem die Grenzen zwischen Ich und Du, Sie und Er endgültig aufgehoben sind.

  • Sasha Marianna Salzmann: Außer sich, Suhrkamp Verlag, Berlin, 366 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-518-42762-0, auch als eBook erhältlich.
 
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen