Live im Tempodrom : Folkrock-Kraftwerk höchster Güte: Wilco in Berlin

US-Musiker Jeff Tweedy 2016 beim Byron Bay Bluesfest.
US-Musiker Jeff Tweedy 2016 beim Byron Bay Bluesfest.

Nicht nur für ihre treuen Fans sind Wilco «die beste Band der Welt» - auch viele Kritiker können sich auf diesen Superlativ einigen. Im Berliner Tempodrom zeigt das Sextett aus Chicago nachdrücklich, warum es diesen sagenhaften Ruf hat.

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13. September 2019, 13:34 Uhr

«Thank You for standing» - danke fürs Aufstehen, ruft Jeff Tweedy zu Beginn eines langen Konzertabends gut gelaunt ins leider wieder mal bei einem Wilco-Gig bestuhlte Tempodrom. Man staunt, dass manche Besucher der freundlichen Aufforderung fast bis zum Schluss nach zweieinviertel Stunden nicht folgen.

Denn der Berliner Auftritt dieser phänomenalen US-Band sollte eigentlich jeden Rock-Fan von den Sitzen reißen. Später freut sich der Wilco-Frontmann dann noch, dass viele junge Konzertbesucher im Publikum seien. «Unsere Fans werden nämlich so langsam alt und sterben weg.»

Mit ruhigen Songs des - damit sei hier nicht zu viel verraten - wunderbaren neuen Albums «Ode To Joy» (Veröffentlichung am 4. Oktober) starten Wilco am Donnerstagabend in ihre Berliner Show, den Auftakt einer kurzen Deutschland-Tournee. Eine selbstbewusste Entscheidung - sind «Bright Leaves» und «Before Us» doch selbst den meisten sehr gut informierten Fans noch völlig unbekannt.

Überhaupt nutzen Wilco, die sich der Neugier und Aufgeschlossenheit ihrer Verehrer stets sicher sein können, die Tempodrom-Bühne als Rampe für künftige Klassiker. Insgesamt acht neue Songs erleben ihre Deutschland-Premiere, darunter die Gänsehaut-Ballade «An Empty Corner», die beatlesken «One And A Half Stars» und «Hold Me Anyway», der Hoffnung spendende, traumschöne Walzer «Love Is Everywhere (Beware)».

Daneben konzentriert sich die sechsköpfige Band aus Chicago - ein Folkrock-Kraftwerk von höchster Güteklasse und Reife - auf Lieder aus ihren Nullerjahre-Meilensteinen «Yankee Hotel Foxtrot» und «A Ghost Is Born». Es sind fabelhaft frische Versionen altbekannter Songs, die diese seit 15 Jahren in unveränderter Formation bestehende Band stets neu zu erfinden scheint.

Der funkige Boogie «I'm The Man Who Loves You», die immer wieder in Lärmausbrüchen explodierende Countryrock-Ballade «Via Chicago», das raue, elektrisch aufgeladene «Bull Black Nova», das eingängige «Handshake Drugs» - die mit insgesamt 27 Stücken randvolle Setlist führt von einem Höhepunkt zum nächsten. Und wie immer bei Wilco-Gigs besiegelt «Impossible Germany» den Eindruck, dass hier tatsächlich «die beste Band der Welt» aufspielt.

Wie sich Gitarrist Nels Cline bei einem minutenlangen Solo - ja, so etwas gibt es noch - windet, wie er immer neue, unerhörte Klänge aus seinem Instrument zaubert: Das ist große Kunst. Clines Wahnsinn in «Impossible Germany» zählte der «Rolling Stone» vor einigen Jahren zu den besten Gitarrensoli aller Zeiten. «Diesen Song werden wir nie leid, er bietet einfach so viel», sagt Sänger und Co-Gitarrist Tweedy im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur wenige Stunden vor dem Konzert.

Optisch ist ein Wilco-Konzert eher unspektakulär - ein paar schöne Videoprojektionen, ansonsten konzentrieren sich Band und Fans auf die Musik. Und das reicht vollkommen. Der mit einer melancholisch-angerauten Folkbarden-Stimme gesegnete Frontmann Tweedy muss zwischendurch auch nicht viel erzählen. Im Gegensatz zu früheren persönlichen Krisenzeiten ist seine Stimmung durchgehend gut.

Als Tweedys Band bestehen Wilco - mit anfangs häufig wechselnden Besetzungen - mittlerweile erstaunliche 25 Jahre. Der Boss hat seither auch Soloalben und eine Platte mit seinem Schlagzeug spielenden Sohn Spencer gemacht, er hat eine hoch gelobte, kürzlich auch auf Deutsch erschienene Autobiografie geschrieben («Let's Go (So We Can Get Back) - Aufnehmen und Abstürzen mit Wilco etc.»).

Aber am Ende kehrt er doch immer wieder zu dieser inzwischen so stabilen Virtuosen-Truppe zurück. «Es sind meine besten Freunde, ich bin ihnen wahnsinnig dankbar», sagt er im dpa-Interview.

Fünf Lieder geben Wilco in Berlin als Zugabe, darunter die tief berührende Cover-Version «True Love Will Find You In The End», ein Stück des am Vortag gestorbenen Singer-Songwriters Daniel Johnston. Mit «The Late Greats» klingt ein fantastischer Auftritt vor einem euphorischen (und letztlich dann doch stehend applaudierenden) Publikum aus.

In dem Stück geht es um große Musiker, die unter dem Radar der großen Öffentlichkeit geblieben sind. Wilco gehören zum Glück nicht dazu. Sie sind nicht die Mega-Band fürs Stadion, sondern für Rock-Gourmets. 

Weitere Konzerte in Deutschland und der Schweiz: 13.9. Köln, Carlswerk Victoria; 14.9. Hamburg, Elbphilharmonie, 18.9. Zürich, Volkshaus

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