Erinnerungen : Flüchtlingsschicksal: «Mein Leben und Werk» von Judith Kerr

Die britische Schriftstellerin Judith Kerr legt ihre Erinnerungen an die Flucht vor den Nazis aus Deutschland vor.
Die britische Schriftstellerin Judith Kerr legt ihre Erinnerungen an die Flucht vor den Nazis aus Deutschland vor.

Judith Kerr ist vor allem mit ihrem autobiografischen Roman «Als Hitler das rosa Kaninchen stahl» berühmt geworden. Jetzt hat die 95-jährige Tochter des legendären Theaterkritikers Alfred Kerr ihre Erinnerungen an die Flucht vor den Nazis und ihren beruflichen Aufstieg vorgelegt.

shz.de von
14. August 2018, 12:08 Uhr

«Wenn man seine Kindheit als Flüchtling in mehreren fremden Ländern verbracht hat, dann empfindet man die Familie wie eine Insel.» Der Satz dürfte vielen Menschen heute wieder in den Ohren klingen, vielleicht auch Politikern.

Der Satz stammt von der inzwischen 95-jährigen Kinderbuchautorin und -illustratorin Judith Kerr, die mit ihrem autobiografischen Roman «Als Hitler das rosa Kaninchen stahl» in den 70er Jahren berühmt wurde. Sie hatte mit ihrer Familie vor den Nazis aus Berlin fliehen müssen. Über Umwegen kam sie schließlich nach England, wo sie als Britin noch heute lebt.

Ihr Vater war der legendäre Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr. Jetzt hat sie ihre Erinnerungen an Flucht und beruflichen Aufstieg in Großbritannien als Kinderbuchautorin und -illustratorin («Ein Tiger kommt zum Tee», «Kater Mog») vorgelegt, reich bebildert mit ihren Zeichnungen, die diesmal einen ausführlichen Einblick in ihre Werkstatt geben. Kerr hat sich immer in erster Linie als «Bilderbuchautorin» verstanden. Die Edition Memoria, die Kerrs Buch verlegt, nennt sich selbst «der einzige in Deutschland ausschließlich Exilautoren publizierende Verlag». Kerr hat das Buch «den eineinhalb Millionen jüdischen Kindern mit all ihren ungemalten Bildern» gewidmet.

Die inzwischen hochbetagte Autorin erinnert sich immer noch lebhaft an zahlreiche Kindheitseindrücke nach der Flucht als Neunjährige aus Berlin, wo die Bücher ihres Vaters von den Nazis verbrannt wurden, mit Stationen in der Schweiz und in Paris und schließlich London, wo Judth Kerr über berufliche Umwege ihr ersehntes Ziel als Kinderbuchzeichnerin und -autorin erreichen konnte. Obwohl ihre Eltern auf der Flucht und in der Emigration große und existenzielle Probleme hatten, auch mit der sprachlichen Entwurzelung, hätten sie es geschafft, ihren Kindern das Gefühl zu geben, dies alles sei ein großes Abenteuer, erinnert sich Judith Kerr. Dabei hatten die Eltern immer Selbstmordtabletten dabei.

Während Kerr dankbar an die Hilfe vieler Engländer zurückdenkt, die den doch eigentlich feindlichen Deutschen selbst nach den schweren Bombenangriffen auf London geholfen haben, ist sie auf die Schweiz weniger gut zu sprechen. «Trotz ihrer erklärten Neutralität waren die Schweizer jedoch auf bedrückende Weise beflissen, sich mit Hitler gut zu stellen.» Die britische Hilfsbereitschaft gegenüber den «freundlichen gegnerischen Ausländern» hat Kerr dagegen nicht vergessen. «Es ist in Ordnung, Fräulein. Sie fahren aufs Land. Ich werde ein Auge auf Ihre Eltern werfen», sagte man der Deutschen auf einer Londoner Polizeistation. «So etwas bleibt einem für immer im Gedächtnis.» 1947 wurden die Kerrs britische Staatsbürger. «Dies ist meine Heimat seit 1936», sagt Judith Kerr heute.

Ihr autobiografisches Buch «Als Hitler das rosa Kaninchen stahl» erschien 1971 (deutsch 1973 in der Übersetzung von Annemarie Böll) und war jahrelang Bestandteil deutscher Lehrpläne. Dafür erhielt Kerr den Deutschen Jugendliteraturpreis. Nach der Beerdigung ihrer Mutter 1965 in Berlin sah Kerr nach eigenem Bekunden zunächst «keinen Grund, jemals nach Deutschland zurückzukehren». Der Sarg ihres Vaters war 1948 mit dem britischen Union Jack bedeckt.

Sie habe nach dem Krieg lange Zeit vermieden, nach Berlin zu fahren, sie fühlte ein Unbehagen. «Der Deutsche Jugendliteraturpreis änderte alles», erinnert sie sich heute. Kerr sah eine neue deutsche Generation heranwachsen, die neugierig war. «Anders als heute, wo der Holocaust wie besessen in deutschen Schulen unterrichtet wird, waren die Leute bis zu diesem Zeitpunkt (des Erscheinens ihres «Rosa-Kaninchen»-Buches 1973 in Deutschland) davor zurückgeschreckt, Kindern etwas über Nazis zu erzählen.» So habe ihr Projekt auch nicht von Anfang an Glück in Deutschland gehabt. Bei einer ersten Begutachtung auf der Frankfurter Buchmesse hätten Verleger einen Blick darauf geworfen «und das Buch, möglicherweise beim Anblick von Patsy Cohens Hakenkreuzfahne schwingendem Häschen entsetzt weggelegt und sich sogar geweigert, es zu lesen». Das änderte sich, als ein neuer Lektor in Erscheinung trat.

Inzwischen gibt es eine Judith-Kerr-Grundschule, einen Alfred-Kerr-Darstellerpreis beim alljährlichen Theatertreffen deutschsprachiger Bühnen in Berlin und nach und nach werden Alfred Kerrs Werke wieder verlegt, angestoßen vor allem vom großen Erfolg seiner von Günther Rühle entdeckten und herausgegebenen «Briefe aus Berlin», die ein lebendiges Großstadtbild Berlins um die Jahrhundertwende 1900 zeichnen.

Es sei lange her, dass sie sich in Deutschland unwohl gefühlt habe, schreibt seine Tochter jetzt. «Es ist ein anderes Land als das Land, das ich als Kind verließ.» Im Schlusskapitel «Die letzten Jahre» ihrer Erinnerungen heißt es: «Wenn alles gut geht, werde ich zum Termin der deutschen Veröffentlichung dieser Autobiografie 95 Jahre alt sein. Es war ein erstaunlich erfülltes und glückliches Leben, und es hätte so leicht anders sein können...»

- Judith Kerr: Geschöpfe - Mein Leben und Werk. Edition Memoria, Hürth bei Köln, 176 Seiten, Großformat mit 300 Abbildungen und Zeichnungen Kerrs, 36 Euro, ISBN 978-3-930353-37-8.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert