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Propaganda im Netz : Flüchtlinge, Vergewaltigung, Terror - das Wesen der Gerüchte

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Falsche Behauptungen und Unwahrheiten breiten sich immer schneller in sozialen Netzwerken aus – und setzen Behörden und Medien unter Druck.

shz.de von
erstellt am 29.Jan.2016 | 13:04 Uhr

Ein toter Flüchtling, den es nicht gibt. Ein 13-jähriges Mädchen, das angeblich von Flüchtlingen entführt und vergewaltigt worden ist. Zwei Geschichten aus Berlin, die das Land in den vergangenen Tagen beschäftigen. Zwei Gerüchte, die sich in der virtuellen Welt derart schnell verbreitet haben, dass sie schon viele Reaktionen ausgelöst hatten, ehe überhaupt ihr Wahrheitsgehalt geprüft worden war. Und außerdem zwei Beispiele, die zeigen, dass eine ungute Entwicklung in Gang ist: Das Gerücht entwickelt sich als wirkungsvolles, weil kaum hinterfragtes, Mittel der Propaganda.

Es ist noch gar nicht so lange her, da klang der Begriff Gerücht harmloser, bunter, verspielter. Mögliche Vereinswechsel im Fußball oder potentielle Partnerwechsel in der Promi-Welt waren der Nährboden für die meisten Gerüchte, etwas Politik war auch immer mit dabei, aber das Gerücht war eher ein Boulevardpflänzchen.

Vor sechs Jahren hat das Berner Museum für Kommunikation eine große Ausstellung mit dem Titel „Gerücht“ gezeigt. Eine verspielte Schau war das, die meisten Besucher fühlten sich gut unterhalten, sie konnten Bilder der römischen Gerüchte-Göttin Fama betrachten, sich im 35 Meter langen Flüsterwald von allerlei erfundenen Geschichten betören lassen oder in einem Stapel aktueller Klatschblätter nach den neuesten Gerüchten suchen.

Heute würde die Ausstellung wohl etwas anders ausfallen, dunkler und pessimistischer, so wie A. Paul Webers Lithografie „Das Gerücht“ von 1943, die ein schlangenförmiges Wesen zeigt mit spitzen, lauschbereiten Ohren, weit aufgerissenen Augen hinter der großen Brille und einem Körper, der sich aus immer neuen Weiterträgern der unwahren Information zusammensetzt. Ein mit Lügen und Halbwahrheiten genährtes Untier.

Weber, dem im lauenburgischen Ratzeburg ein eigenes Museum gewidmet ist, hat seine Grafik unter dem Eindruck der beiden Weltkriege geschaffen – und der damit verbundenen Propaganda.

 

Welche Wirkmacht Gerüchte auch heute noch entwickeln können, wurde spätestens in dem Moment klar, als der russische Außenminister Sergej Lawrow den Berliner Behörden unterstellte, sie wollten etwas vertuschen. Die Polizei in der Hauptstadt hatte früh mitgeteilt, dass das Mädchen aus einer russlanddeutschen Familie weder entführt noch vergewaltigt worden sei. Allerdings habe es einen Sexualkontakt gegeben. Kaum vorstellbar, wie sich eine 13-Jährige fühlt, deren persönliches Drama jetzt von Zehntausenden User-Richtern in sozialen Netzwerken öffentlich verhandelt wird. Gäbe es die digitale Todesstrafe bei Facebook, die selbst ernannten Wächter über Anstand und Gesetz würden sich wohl fleißig gegenseitig exekutieren. Und die Flüchtlinge ohnehin. Ganz abgesehen davon könnte man es für ein Gerücht halten, dass Lawrow mehr am Wohl des Mädchens interessiert ist, als an der Möglichkeit, der deutschen Regierung kritische Äußerungen in Richtung Russland in gleicher Währung heimzuzahlen.

Die meisten Falschmeldungen im Netz zielen derzeit allerdings nicht in Richtung der großen Politik, sondern auf die Angst vor Flüchtlingen, die seit den tatsächlichen Übergriffen in der Silvesternacht in mehreren deutschen Großstädten zunimmt. Deutschlandweit häufen sich die Falschmeldungen von mutmaßlichen Vergewaltigungen – ein einzelner Post, ein böses Gerücht verbreiten sich in Windeseile.

Ein Problem nicht nur für die ermittelnden Behörden, denen schon mit einer gewissen Routine die „Vertuschung der Wahrheit“ unterstellt wird, sondern auch für die traditionellen Medien: Diese greifen Phantomgeschichten auf, um sich nicht dem Vorwurf der Blindheit auszusetzen oder dem unsäglichen Begriff der „Lügenpresse“, dem sich mit guten Argumenten kaum noch begegnen lässt.

 

Und wenn überdies ein Bundesminister auf Fragen nach einer konkreten Terrorgefahr antwortet: „Ein Teil dieser Antworten könnte die Bevölkerung verunsichern“, dann entstehen Gerüchte, wo eigentlich Information notwendig wäre. Transparenz ist immer noch das beste Mittel gegen falsche Behauptungen.

Ganz verhindern lässt sich das Aufkommen von Gerüchten allerdings nicht, das haben Soziologen und Psychologen in mehreren Studien belegt. Gerüchte sind demnach ein wichtiges Mittel der Kommunikation und dienen der Aufwertung – und Abgrenzung – der eigenen Gruppe oder Gemeinschaft gegenüber anderen. Sozialpsychologische Experimente zeigten zudem, dass die Probanden sich auch dann in ihrem Urteil von Gerüchten beeinflussen lassen, wenn gleichzeitig zahlreiche objektive Informationen zur Verfügung stehen.

Gerüchte haben also durchaus eine soziale Funktion, die historisch gewachsen ist. Schon in der griechischen Mythologie heißt es: „Das Gerücht läuft schneller als der Wind und fliegt schneller als ein Vogel.“ Und die Griechen hatten noch nicht einmal Facebook.

 

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