Flächendeckende Präsenz von Kultur- und Bildungseinrichtungen

Helga Klindt, Präsidentin der Akademie für ländliche Räume, mit den Referenten Martin Lätzel (l.) und Hermann-Josef Thoben. Foto: be Foto:
Helga Klindt, Präsidentin der Akademie für ländliche Räume, mit den Referenten Martin Lätzel (l.) und Hermann-Josef Thoben. Foto: be Foto:

shz.de von
13. September 2012, 03:59 Uhr

Kultur und Politik lassen sich nicht gegeneinander ausspielen. Es gibt ein Miteinander dort, wo es um die Gestaltung unserer Gemeinschaft geht. Das ist die Aufgabe der Kulturpolitik und die ist dringender denn je. Was können wir uns an Kultur erlauben? Wie notwendig sind staatliche Unterstützung und bürgerschaftliches Engagement?

Wir befinden uns ständig in der Spannung zwischen der Lart pour lart und der Kundenorientierung. Es ist nicht gesagt, dass Kunst, die sich selbst genügt, keinen Zuspruch beim Publikum findet. Er ist aber nicht gewährleistet. Das ist ein entscheidender Punkt. Staatlicher Kulturförderung muss daran gelegen sein, dass Kunst rezipiert wird. Ihr primärer Sinn liegt nicht in der bloßen Förderung von Künstlern, sondern in den kulturellen Impulsen für die Gesellschaft. Unterstützung braucht das Sperrige, weil unsere Gesellschaft das Sperrige braucht. Die Pflege einer freiheitlichen Kultur ist ein politisches Signal. "Kultur", so Klaus Mann, "hat die Hemmungen als Basis ihres Bestandes." Gegenüber der Kunst ist die Kultur beziehungsweise die Kulturpolitik dem Soziologen Dirk Baecker zufolge ein gesellschaftlicher Rahmen, der Kunst unterstützt, zähmt und mit der Gesellschaft vereinbart.

Weil der Zugang zum Verständnis von Kunst oft nicht leicht ist, brauchen wir Konzepte. Audience Development ist eine bisher bei uns zu wenig beachtete Strategie, die in den Blick nimmt, wie man Menschen für Kultur begeistern kann. Wir wissen um das reichhaltige Kulturangebot. Die Autoren des Buches "Der Kulturinfarkt" sprachen sogar von einem Überangebot. Aber wer entscheidet, was Priorität und was Posteriorität hat? Kulturelle Bildung trägt zum Verständnis bei und fördert die freie Entscheidung, dieses oder jenes Angebot wahrzunehmen.

Kulturelle Bildung sollte die zentrale staatliche Kulturinvestition sein. Sie bildet Kreativitäts- und Kulturkompetenz und schafft die Grundvoraussetzung kultureller Teilhabe. Die Aufgabe der kulturellen Bildung an den Volkshochschulen ist, diesem Anspruch aktiv zu begegnen. Sie ist unverzichtbar und beileibe keine Freizeitbeschäftigung.

Schleswig-Holstein ist überwiegend ländlich geprägt. Angesichts dessen ist eine flächendeckende Präsenz von Kultur- und Bildungseinrichtungen folgerichtig. Unproduktiv jedoch ist, über das ganze Land verteilt, an noch so kleinen Orten, eigene Kultur- oder Bildungseinrichtungen zu unterhalten - mit Leitung, Abrechnung und Verwaltung. Was dagegen unterstützt werden muss, sind Netzwerke und Knotenpunkte. Es gibt die Amateurtheater, die Ortskulturringe, die Volkshochschulen, die Literaturkreise usw. Es sollte sie auch weiterhin geben. Freilich ist eine Vernetzung sinnvoll, um subsidiär administrative Aufgaben zu übernehmen. Wir brauchen übergeordnete Knotenpunkte, die Kultur und Bildung organisieren und als Netzwerk dezentral und bürgerorientiert agieren. Nebenbei können diese Netzwerke Teil kommunaler Bildungslandschaften sein.

Für den Staat ist es also nicht so wichtig, Kultur zu fördern, als vielmehr Kultur zu ermöglichen. Dafür müssen wir in kulturelle Infrastruktur investieren und Menschen aktivieren, kulturproduktiv zu werden. Dabei ist bei allen Bürgern das Bewusstsein zu wecken, dass sie Teil unseres Landes sind und also der Erhalt der Kultur mit zu ihren Verantwortungen zählt. Ein Gegeneinander von Politik und Kulturaktiven bringt da nicht weiter. Ein Dialog für eine gemeinsame Kulturpolitik in Schleswig-Holstein ist absolut wünschenswert. Ideen gibt es genug. Jetzt brauchen wir nur noch den Tisch an dem sie diskutiert werden können.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen