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Arte-Doku bei bild.de : Film über Judenhass wird zum Skandal

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Sender Arte wollte eine Dokumentation über Antisemitismus nicht zeigen. Bei „bild.de“ war er 24 Stunden lang zu sehen.

shz.de von
erstellt am 14.Jun.2017 | 10:36 Uhr

Hass, Hetze und ein antisemitisches Weltbild, das sich in vielen Teilen der Gesellschaft manifestiert hat: Was das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht zeigen wollte, hat das Internetportal „Bild.de“ am Dienstag der Öffentlichkeit präsentiert. Für 24 Stunden stellte die „Bild“-Zeitung in ihrem Onlineangebot die Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ online.

Produzent und Regisseur Joachim Schröder begibt sich in dem umstrittenen Film gemeinsam mit Ko-Autorin Sophie Hafner auf die Suche nach Judenhass: unter anderem bei linken und rechten Demonstrationen in Deutschland, bei Bundestagsabgeordneten, bei vermeintlich antiisraelischen Nichtregierungsorganisationen in Gaza und Ramallah und in dem Pariser Vorort Sarcelles. Dabei kritisiert der Filmemacher beispielsweise, dass Linke und Rechte öffentlich eine antisemitische Ideologie proklamieren und europäische Finanzhilfen zur israelfeindlichen Politik missbraucht würden.

Die neunzigminütige Produktion war ursprünglich vom deutsch-französischen Kultursender Arte in Auftrag gegeben worden. Der Sender verzichtete jedoch auf die Ausstrahlung. In einem offenen Brief begründete Arte-Programmdirektor Alain Le Diberder den Verzicht damit, dass die gelieferte Arbeit der Filmemacher in den wesentlichen Bestandteilen vom eigentlichen vereinbarten Programmvorschlag abweichen würde. So gehe es in der Dokumentation nicht, wie ursprünglich vorgesehen, um Antisemitismus in europäischen Ländern, sondern hauptsächlich um den Nahen Osten und die israelisch-palästinensischen Beziehungen. Wochenlang wurde über die Veröffentlichung des Films diskutiert. Zuletzt schaltete sich der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Joses Schuster, in die Debatte ein und drängte Arte vergeblich auf die Ausstrahlung.

Dass der Film jetzt doch veröffentlicht wurde, fand unter Experten großen Zuspruch. Der Historiker Michael Wolffsohn sagte über den Film, es handele sich um „die mit Abstand beste und klügste und historisch tiefste, zugleich leider hochaktuelle und wahre Doku zu diesem Thema“.

Auch der Politikwissenschaftler Götz Aly, der Arte kürzlich Zensur vorwarf, würdigte die Veröffentlichung: „Der Film dokumentiert die korrupte, Hamas-gesteuerte ,Selbstverwaltung‘ von Uno-Hilfsgeldern in Gaza. Nun behauptet Arte-Programmdirektor Le Diberder, dem Film mangele es an ,Multiperspektivität‘. Das Gegenteil ist richtig.“ Ebenfalls lobende Worte für den Film fand Islamismus-Experte Ahmad Mansour: „Inhaltlich ist der Film großartig und überfällig... Ich finde es merkwürdig, dass ausgerechnet ein renommierter öffentlich-rechtlicher Sender wie Arte Probleme mit der Realität hat.“

Arte reagierte auf die Veröffentlichung der Dokumentation mit einer Stellungnahme. Darin bekräftigte der Sender seine Position. Zudem bezeichnete Arte den Vorwurf, der Film passe aus politischen Gründen nicht ins Programm, als „absurd“.

Kommentar: Arte schafft sich ab

von Till H. Lorenz

Eine preisgekrönte Redakteurin – und ehemalige Arte-Chefredakteurin  – hat den Film abgenommen, Experten der Antisemitismus-Forschung sind voll des Lobes für ihn. Doch in der Chefetage von Arte  wird moniert, dass er vom ursprünglichen Konzept abweiche. 

Sicherlich: Die Dokumentation befasst sich in Teilen mit Antisemitismus im Nahen Osten. Doch dieser ist in Zeiten der Zuwanderung eben längst auch der Antisemitismus in Europa. Wir leben in einer Zeit, in der Palästinenser in Deutschland Synagogen anzünden, jüdische Jungen von arabisch-stämmigen Kindern aus Schulen gemobbt werden und jeder Sorge haben muss, der sich in Teilen Berlins mit einer Israel-Flagge auf die Straße begibt. Der europäische Antisemitismus trägt nicht mehr (nur) Springerstiefel, sondern Palästinenser-Tücher.  

Davor kann man wie Arte-Direktor Alain Le Diberder die Augen verschließen und sich auf fadenscheinige Begründungen  zurückziehen wie jene, dass man 2015 eine Dokumentation mit ähnlicher Stoßrichtung gezeigt habe. Doch das hilft weder dem Zuschauer – der für diesen Film mit seinen Gebühren bezahlt hat –, noch hilft es dem Kampf gegen Antisemitismus. Und es hilft auch nicht den Öffentlich-Rechtlichen. Denn nun informiert der Boulevard über den Hass gegen Juden. Wozu es dann noch des öffentlich-rechtlichen TV-Feuilletons bedarf, wenn dieses sich lieber wegduckt, ist schleierhaft.

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