Big Break Hamburg : „Escape Games“: Bundesweiter Rätselspaß mit Wiege in Flensburg

Freiwillig eingesperrt: Teilnehmer von „Escape Games“ testen ihr Geschick.
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Freiwillig eingesperrt: Teilnehmer von „Escape Games“ testen ihr Geschick.

Krimis, wohin das Auge reicht: im TV, auf den Bestseller-Listen und jetzt auch zum Selberspielen. Bei „Exit Games“ werden erwachsene Menschen eingesperrt, um ein Rätsel zu lösen - und die Uhr tickt.

shz.de von
13. Juli 2015, 16:40 Uhr

Hamburg/Flensburg | Das Urteil: Knast, lebenslänglich. Flucht? Eine Option. 60 Minuten Zeit, um dem Leben hinter Gittern zu entkommen. Mirko Oberhof (29) und Yannic Zotzmann (24) wollen es probieren. Klar ist: Das wird kein Spaziergang - Kopfarbeit, nicht Muskelkraft ist gefragt. Die beiden Bochumer Oberhof und Zotzmann sind gefangen im „Big Break Hamburg“.

Die „Escape Games“ kommen ursprünglich aus Asien, es waren zunächst reine Computerspiele, die nur per Maus gesteuert werden. Seit einigen Jahren verbreiten sich – auch in Europa – reale Varianten, so genannte „Real Life Escape Games“. Ziel dieser Spiele ist es, in geschlossenen Räumen unter Zeitdruck Gegenstände und Zeichen miteinander zu verknüpfen, um eine Aufgabe zu lösen und den Raum zu verlassen.

Das „Big Break“ gehört zu einem Trend, der seit einem guten Jahr ganz Deutschland erfasst hat und in Flensburg begann. Dort betreibt Franziska Mesecke seit 2014 das „Mystery-House“. Die Idee kam der damaligen Hausfrau bei einem Wien-Besuch, wo sich „Real Life Escape Games“ bereits durchgesetzt hatten.

Drei verschiedene Rätsel werden in der Marienallee derzeit angeboten: „The Bomb“,  The Robbery“ und „The Crimescene“. Inzwischen gibt es sie in beinahe jeder Großstadt „Escape Games“, auch „Exit Games“ oder „Room Escapes“ genannt. Das Prinzip ist einfach: eine Gruppe, ein Raum, ein Rätsel und eine Stunde Zeit. Das Rätsel ist meist knifflig und kreativ.

Mal müssen Hinweise auf den Verbleib einer Entführten gefunden, mal eine Bombe entschärft und mal - wie im „Big Break“, das Anfang Juni eröffnet hat - muss ein Gefängnisausbruch durchgezogen werden. Ein Spielleiter überwacht den Raum per Kamera und hilft gegebenenfalls mit Tipps. In Köln gibt es laut Homepage des Anbieters „Quexit“ sechs, in München acht und in Berlin sogar schon zwölf „Room Escapes“. In Hamburg sind es sieben, deutschlandweit sollen es 74 sein - auch in kleineren Städten wie Würzburg, Freiburg oder eben Flensburg kann gerätselt werden.

Aber warum sind diese „Exit Games“ so beliebt? Sind die Menschen beim Blick aufs TV-Programm und die Bestseller-Listen nicht längst krimi-gesättigt? Selbst bei Stadtführungen fehlt der Bezug aufs Kriminalistische nicht mehr. „Die Ungewissheit reizt enorm“, glaubt Philip Kirchhof (27), der das „Big Break“ mit seiner Freundin Caroline Murawski (28) führt. Adrenalin und Zeitdruck kämen hinzu.

Und das Erlebnis in der Gruppe. Viele Unternehmen nutzen die „Escape Rooms“ als teambildende Maßnahme. Wer das Rätsel lösen will, muss kommunizieren. Hinweise finden, zusammentragen und kombinieren. Jedes Detail kann entscheidend sein - und viele Details in Kombination ergeben die Lösung.

Auch wichtig: Der Abstand vom digitalen Alltag, darauf legen alle Anbieter Wert. „Wir hängen ständig an Rechner und Smartphone. In dieser Stunde wird alles Digitale zur Seite gelegt“, sagt Christopher Mensah-Bonsu (31) vom Hamburger „Team Escape“. Das Unternehmen läuft bereits im Franchise-Betrieb und hat sechs deutsche Standorte - nebst einem in Oslo. Eine Art digitaler Alltagsflucht, also, das Rätselraten.

Dabei kommen die „Exit Games“ ironischerweise selbst aus der Pixelwelt, Vorbild sind Computer-Actionspiele wie „Monkey Island“ oder „Day of the Tentacel“ aus den 90ern. „Das erste „Live Escape Game“ wurde 2006 von Programmierern im Silicon Valley gebaut. Einer der Programmierer war ein Ungar, der das ganze dann nach Budapest gebracht hat“, sagt Alexander Kretzschmar von „Quexit“. Heute gilt Budapest als Hotspot der Szene mit mehreren Dutzend „Room Escapes“.

„Die ganze Welt ist voll von Krimis“, sagt Nils Zurawski. Der 47-jährige Soziologe und Wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts für kriminologische Sozialforschung an der Uni Hamburg nennt weitere Gründe für die Popularität der Krimi-Spiele - und des Krimis im Allgemeinen. Es geht darum, Ordnung in eine chaotische Welt zu bringen. „Krimis haben immer eine Lösung, jede Verschwörung wird aufgelöst - alles andere macht den Zuschauer wuschig.“

Der Verzicht aufs Digitale und die Aufmachung der „Escape Rooms“ kämen hinzu, sagt Zurawski. Viele Räume sähen nach einer Zeit zwischen Sherlock Holmes und Edgar Wallace aus - eine andere, vielleicht übersichtlichere Zeit? Zurawski: „Das passt zur Idee der Entschleunigung, die ohnehin beliebt ist.“ Das gemeinsame Erlebnis erzeuge zudem ein Gruppengefühl, das vielen Menschen in einer Zeit ohne tradierte Feste - Maibaum oder Erntedank zum Beispiel - fehle. „Gleichzeitig sind die 'Escape Rooms' auch ein Teil der Konsumkultur, eine Art Lifestyle“, sagt Zurawski.

Den beiden Bochumern Oberhof und Zotzmann, die das „Big Break“ für ihr Online-Portal „Cool Places“ testen, gelingt die Flucht - aber knapp wird es doch. Schweiß steht auf ihrer Stirn. „Das ist wie im Kino - nur dass man selbst mitspielt“, sagt Oberhof. „Egal, wie cool man ist: Das zieht dich in einen Tunnel und du wirst total gepackt.“

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