60 Jahre Eurovision-Song-Contest : ESC-Jubiläum: Skandale, One-Hit-Wonder und Erfolgsgeschichten

Conchita Wurst aus Österreich lagen die Zuschauer im vergangenen Jahr zu Füßen.
Conchita Wurst aus Österreich lagen die Zuschauer im vergangenen Jahr zu Füßen.

John Kennedy O’Connor liefert in seinem Buch 1000 erstaunliche Fakten rund um die Show. Im Interview gibt er seinen Tipp für das diesjährige Finale ab.

shz.de von
17. Mai 2015, 13:37 Uhr

John, wann haben Sie Ihren ersten Eurovision Song Contest gesehen?

1972 habe ich zum ersten Mal bewusst den Sängerwettstreit gesehen, der damals noch Grand Prix de la Chanson d'Eurovision hieß. Da war ich sieben Jahre alt.

Was mögen Sie an dem Fernsehevent, über das Sie bereits mehrere Bücher geschrieben haben?


Ich habe den Wettbewerb schon immer gemocht und es ist schwer zu sagen, was genau den Reiz für mich ausmacht. Es gibt so viele Facetten: natürlich mag ich den Wettstreit, auch der internationale Aspekt ist aufregend. Aber vor allem liebe ich die Bandbreite der Musik aus so vielen verschiedenen Ländern. Das ist einzigartig und macht es so besonders.

Was hat sich angetrieben, ihr aktuelles Buch mit dem Besten aus sechs Jahrzehnten ESC zu schreiben?

Nachdem mein erstes Buch eher ein geschichtlicher Überblick war, wollte ich nun zum 60. Geburtstag etwas anderes machen. Eine richtige Geburtstagsfeier in Buchform mit all den unerzählten, skurrilen Geschichten der vergangenen Jahre – ohne dabei jedoch Jahr für Jahr abzuhaken, sondern eher thematisch gegliedert. Ich schaue auf Erfolgsgeschichten und glücklose Komponisten, Skandalauftritte und One-Hit-Wonder, Nachbarschaft und Rivalitäten. Den ESC von dieser Perspektive zu betrachten war aufregend und herausfordernd. Dabei ist jedes Kapitel nach einem Song benannt. Beispielsweise der irische Beitrag „That's What Friends Are For“ war Namensgeber für die gefälligen, oft politisch motivierten Bewertungen; „Congratulations“ (Cliff Richards, 1968) ist das Kapitel über die erfolgreichen Siegerbeiträge überschrieben. Aber ich schaue auch gern auf die kleinen Dinge am Rande wie die exotischen Länder, die am Wettbewerb teilnehmen. Das gibt dem Buch eine neue Wendung.

Wie hat sich der ESC über die Jahrzehnte verändert?

Es ist nicht mehr die gleiche Show, die ich vor 45 Jahren begonnen habe zu schauen. Damals ging es noch sehr formal und steif zu. Die Songs standen im Mittelpunkt, weniger die Performance. Heute ist es ein Gesamtpaket, das den Erfolg ausmacht, und das Lied ist dabei nur ein kleiner Teil. Kostüme und Choreografie spielen heute ein fast größere Rolle. Die Sänger machen total verrückte Sachen, um Stimmen zu bekommen. Überhaupt hat die Telefonabstimmung den Wettbewerb stark verändert. Die Zuschauer vergleichen nicht mehr die Qualität der Songs, sondern sagen: das gefällt mir oder das gefällt mir nicht. Die früheren Jurys haben die Beiträge viel stärker miteinander in Verhältnis gesetzt. Der ESC ist zum Massenspektakel geworden in Stadien mit 20.000 bis 30.000 Fans und passionierten Fahnenschwenkern.

Was waren Ihre persönlichen Höhepunkte?

Da gibt es so vieles. Viele Menschen sind über mein Lieblingslied überrascht: der französische Beitrag „Un jour, un enfant“ von Frida Boccara aus dem Jahr 1969. Das ist eigentlich ein Nicht-ESC-Lied, sondern eine klassische Ballade. Natürlich erinnere ich sehr genau wie Abba in Brighton gewann und Norwegen nach vielen erfolglosen Jahren – auch wenn der Song nicht besonders gut war. Mittlerweile ist der Eurovision Song Contest zu einem wichtigen Teil meines Lebens geworden, denn ich bin Kommentator für San Marino und habe auch den dortigen Vorentscheid moderiert.

An welche Skurrilitäten erinnern Sie gern?

Ich werde nie die überdimensionalen Pinguine vergessen, die 1980 für Luxemburg „Papa Pingouin“ gesungen haben. Im letzten Jahr haben mich die polnischen Mädels Donatan & Cleo sprachlos gemacht, für deren immensen Erfolg weniger der Song ausschlaggebend gewesen sein dürfte, sondern vor allem der Auftritt, bei dem sich die vollbusigen Polinnen in tief dekolletierten Trachten in ländlicher Idylle räkeln. Die Performance spielte mit Vorurteilen vom rückständigen Bauernvolk und drehte den Spieß einfach um: Anstelle klischeehafter Kopftuch-Omis stampften hier sexy Models die Butter, in eindeutig zweideutigen Posen. Es gibt auch viele nette kleine Anekdoten, die man nur mitbekommt, wenn man hinter die Kulissen der Show schaut. All das beschreibe ich in meinem Buch.

Beim ESC wurden viele Weltkarrieren begründet, wenn man an Udo Jürgens, Abba oder Celine Dion denkt. Was macht einen Erfolgssong aus?

Das ist schwer zu sagen. Der Siegersong muss auf den Punkt zünden. Das muss aber nicht bedeuten, dass er außerhalb dieses Umfeldes auch funktioniert. Schon wenn man das Lied eine Woche später unter völlig anderen Umständen im Radio hört, wird man sich wundern, wie es gewinnen konnte. Deswegen geraten viele ESC-Songs auch in Vergessenheit. Andere Künstler wie Udo Jürgens oder Abba besitzen dagegen das Talent, den kleinen Erfolgsmoment in eine große Karriere zu verwandeln, weil ihr ESC-Auftritt nur eine von vielen Facetten ihres künstlerischen Schaffens ist.

Sie haben sich sicher bereits mit allen diesjährigen Songs auseinander gesetzt. Welcher hat Ihrer Meinung nach die besten Erfolgsaussichten?

Für mich geht Italien mit dem besten Song (Il Volo – „Grande Amore“) an den Start. Aber ich wäre nie so vermessen zu sagen, dass der beste Song auch gewinnt. Ich mag ebenso den österreichischen Beitrag (The Makemakes – „I Am Yours“) sehr, aber sehe dafür keine großen Gewinnchancen. Schweden ist wohl unbestritten der Favorit und die machen ja immer eine gute Show (Måns Zelmerlöw – „Heroes“). Aber auch Australien könnte eine große Überraschung werden (Guy Sebastian – „Tonight Again“). Die finnische Punkband „Pertti Kurikan Nimipäivät“ (PKN) wird sicherlich für Aufsehen sorgen. Der Grund ist: Alle Mitglieder leben mit geistigen Behinderungen. Drei haben das Down-Syndrom, einer ist Autist.

Der Jubiläumsband „Eurovision Song Contest – Das Beste aus sechs Jahrzehntes“ ist erschienen bei Edel Books.
 

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen