„MeToo“-Debatte : Ermittlungen gegen Dieter Wedel wegen Verdachts einer Sexualstraftat

Dieter Wedel ist als Intendant der Festspiele in Bad Hersfeld zurückgetreten.
Dieter Wedel ist als Intendant der Festspiele in Bad Hersfeld zurückgetreten.

Der Starregisseur ist damit der erste deutsche Prominente, für den die „MeToo“-Debatte Konsequenzen hat.

shz.de von
22. Januar 2018, 21:55 Uhr

Bad Hersfeld | Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen den Regisseur Dieter Wedel wegen einer möglicherweise nicht verjährten Sexualstraftat. Es liege ein Anfangsverdacht gegen den 75-Jährigen vor, sagte am Montagabend eine Behördensprecherin der Deutschen Presse-Agentur in München. Zuvor hatte die „Bild“-Zeitung darüber berichtet. Ausgangspunkt für das Ermittlungsverfahren sei, so die Sprecherin weiter, ein Bericht im „Zeit“-Magazin.

Es war eine für ihn harmlose Äußerung, mit der sich Starregisseur Dieter Wedel in die Debatte über sexuelle Belästigung in der Filmbranche einschaltete: Er sei als junger Schauspieler für schwul gehalten und von Kollegen sowie Regisseuren sexuell belästigt worden, sagte der 75-Jährige dem Radiosender Hit Radio FFH im November. Nun, zwei Monate später, ist Wedel als Intendant der Hersfelder Festspiele wegen ähnlicher Vorwürfe zurückgetreten. Er soll nicht Opfer, sondern Täter gewesen sein.

Sturm der Entrüstung

Damit ist Wedel der erste deutsche Star, für den sich ersthafte Konsequenzen aus der Debatte mit dem Schlagwort „MeToo“ (deutsch: „Ich auch“) ergeben. Die begann im Herbst in den USA mit Vorwürfen gegen einen Hollywood-Produzenten: Schauspielerinnen und Mitarbeiterinnen beschuldigten Harvey Weinstein, sie sexuell belästigt zu haben. Prominente Frauen bestätigen die Vorwürfe. Weinstein wurde von seinem Filmstudio entlassen. „MeToo“ entfacht weltweit einen Sturm der Entrüstung. Vorwürfe gegen weitere Hollywood-Stars folgen.

In Deutschland wird „MeToo“ diskutiert, doch richtig Fahrt nimmt die Debatte erst Anfang des Jahres auf: Im „Zeit-Magazin“ kommen mehrere, teils namentlich genannte Schauspielerinnen zu Wort, die schwere Anschuldigungen erheben, bis hin zu erzwungenem Sex. Wedel wehrt sich und verweist auf „eine umfassende eidesstattliche Erklärung zu den schweren Anschuldigungen“, die er abgegeben habe.

Bis dahin hatte Wedel einen exzellenten Ruf. Fernsehepen wie „Der große Bellheim“ und „Der Schattenmann“ machten ihn berühmt. Als er 2014 die Hersfelder Festspiele übernahm, war dies offenbar eine Herzensangelegenheit. Festspiele waren in der Krise, eigentlich wollte der gebürtige Frankfurter sich wieder dem Film widmen.

Exzentriker und Choleriker

Trotz seines Rufs als Erfolgsregisseur galt Wedel auch als schwierig im Umgang, war als Exzentriker und Choleriker bekannt. Er selbst machte keinen Hehl daraus, im Umgang mit Schauspielern hart zu sein: „Im Übrigen besteht die Zusammenarbeit zwischen einem Regisseur und Schauspielern darin, einen Text einzustudieren und wenn es nötig ist, solange zu repetieren, bis der Schauspieler seine Höchstleistung bringt.“ Schikane sei das nicht.

Nach den Vorwürfen bekam Wedel viel Unterstützung: So warnte die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) vor einer Vorverurteilung. Wedels Partnerin Uschi Wolters bezeichnete die Anschuldigungen als „absurd“. Der Bürgermeister der Festspielstadt Bad Hersfeld, Thomas Fehling (parteilos), verteidigte seinen Festspiel-Intendanten: „Ich habe keinen Anlass, an der Glaubwürdigkeit von Dieter Wedel zu zweifeln“, sagte er.

Doch die Vorwürfe gegen Wedel rissen nicht ab: In der Wochenzeitung „Die Zeit“ sagte zuletzt Schauspielerin Iris Berben, Wedel habe sie Ende der 70er Jahre am Set der Fernsehserie „Halbzeit“ gedemütigt, nachdem sie eine Einladung zum Essen abgelehnt habe.

Wedel wies die Vorwürfe stets über seinen Anwalt zurück. Er verweist darauf, dass es bisher nur Anschuldigungen gibt - und keine bewiesenen Fakten. Doch die Debatte hat ihn körperlich mitgenommen: Als sein Rücktritt am Montag bekannt wurde, lag Wedel wegen einer Herzattacke im Krankenhaus. „Der Umfang, die Art und Weise der Darstellung, die Anfeindungen haben für mich in meinem 76sten Lebensjahr ein für meine Gesundheit und natürlich auch für meine Familie erträgliches Maß weit überschritten“, sagt er. Deswegen werde er sich von jetzt an nicht mehr öffentlich äußern.

Joern Hinkel wird Nachfolger in Bad Hersfeld

Der künstlerische Leiter der Bad Hersfelder Festspiele, Joern Hinkel, wird kommissarischer Nachfolger des zurückgetretenen Intendanten Wedel. Der Magistrat der Festspielstadt habe Wedels Rücktrittsangebot angenommen, teilte ein Stadtsprecher am Montagabend mit. Man bedauere das Ausscheiden von Wedel und danke ihm für seine herausragende Leistung. Der Berliner Joern Hinkel (47) inszenierte bisher zahlreiche Opern und Theaterstücke, aber auch Kurz- und Dokumentarfilme. Laut der Stadt Bad Hersfeld sollen die nächsten Festspiele wie geplant stattfinden. Sie sind vom 6. Juli bis 2. September vorgesehen.

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