Filmfest in Cannes : Einprägsam und umstritten: KZ-Film als erster Preisanwärter in Cannes

Eine Szene aus dem Drama „Son of Saul“ des ungarischen Regisseur László Nemes.
Eine Szene aus dem Drama „Son of Saul“ des ungarischen Regisseur László Nemes.

Darf man das? Ein Regisseur zeigt in Cannes neue Aspekte der KZ-Gräuel. Woody Allen hingegen liefert Altbewährtes.

shz.de von
15. Mai 2015, 18:39 Uhr

Cannes | Wie darf und muss ein Film über den Holocaust sein? Über diese Frage diskutieren beim Filmfestival in Cannes derzeit viele Menschen – teilweise sehr erhitzt. Denn das, was der Ungar László Nemes da am Freitag im Wettbewerb zeigte, brach gleich in mehrfacher Hinsicht mit den Sehgewohnheiten.

Bei seinem Drama „Son of Saul“, das im einstigen deutschen Vernichtungslager Auschwitz angesiedelt ist, stehen nicht die Gräuel rund um die Gaskammern im Mittelpunkt, sondern sie werden verwoben mit der Geschichte des Insassen Saul, der verzweifelt versucht, seinen Sohn beerdigen zu lassen. Mit Sicherheit ein erster starker Favorit auf einen der Festivalpreise.

Saul arbeitet im Sondereinsatzkommando an den Gaskammern, sortiert die Kleidung, schleppt die Leichen zu den Öfen, schaufelt die Asche in einen See. Das alles filmt Nemes aber meist sehr unscharf; denn sein Fokus liegt auf Saul. Die Kamera ist immer nah an ihm dran, rennt mit ihm durch das Lager, die Baracken, stets auf der Suche nach einem Rabbi für die Beerdigung. Nemes gelingt es so, fast beiläufig einen Einblick in das wie eine Fabrik funktionierende Konzentrationslager zu geben.

Inszeniert im quadratischen 1:1-Format, das die große Kinoleinwand lange nicht ausfüllt, entsteht sogar so etwas wie Intimität innerhalb dieser Todesmaschinerie. Sicher, einige Aspekte des Films werden Fragen aufwerfen. Gab es im KZ tatsächlich so ein Durcheinander? Müssen im Hintergrund ständig „Schnell, schnell“-Rufe zu hören sein? Und doch gelingt dem 1977 geborenen Nemes mit seinem Debüt ein einprägsames Werk, das die Zuschauer noch länger beschäftigt. 

Der neue Film von Woody Allen kam da erwartungsgemäß deutlich gefälliger daher. In „Irrational Man“ spielt Joaquin Phoenix einen mit dem Leben hadernden Philosophieprofessor, der sich auf eine seiner Studentinnen (Emma Stone) einlässt. Der 79-jährige Regisseur jongliert einmal mehr mit seinen bekannten Versatzstücken: Dabei sind es vor allem die moralischen Aspekte, die dem außer Konkurrenz gezeigten Werk Tiefe verleihen.

<center><blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p lang="en" dir="ltr">Woody Allen has premiere of &#39;Irrational Man&#39; at Cannes: Woody Allen has shown his latest… <a href="http://t.co/hVpOFkpUvO">http://t.co/hVpOFkpUvO</a> <a href="http://t.co/f9c2thBas1">pic.twitter.com/f9c2thBas1</a></p>&mdash; Welcome To Miami (@MiamiBestOf) <a href="https://twitter.com/MiamiBestOf/status/599215345518292992">15. Mai 2015</a></blockquote></center>

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Auch auf der Pressekonferenz philosophierte Allen über das Leben. Die Realität sei grausam, sagte er. „Wir werden alle in einer ziemlich düsteren Situation enden, früher oder später.“ Das Filmen sei da für ihn eine willkommene Ablenkung – so wie „Irrational Man“ für die Festivalbesucher.

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