Einer, der immer noch gelesen wird

<dick>Tot aber nicht vergessen:</dick>  Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll, aufgenommen am 29. September 1983.  Foto: dpa
Tot aber nicht vergessen: Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll, aufgenommen am 29. September 1983. Foto: dpa

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15. Juli 2010, 03:59 Uhr

köln | "Ob man im nächsten Jahrhundert seine Romane noch lesen wird, wissen wir nicht", lautete nach dem Tod von Heinrich Böll, der morgen vor 25 Jahren starb, das Urteil von Marcel Reich-Ranicki, das noch milde ausfällt - Bölls Werke wurden von vielen Kritikern häufig verrissen. Einige der Vorwürfe: mehr Kitsch als Kunst, simpel gestrickt, zu viel oberflächliches moralisches Pathos statt hintergründiger politischer Analyse. Die Überzeugung dahinter: wenn die zeitgeschichtlichen Themen, mit denen sich der Literaturnobelpreisträger in seinen Romanen und Erzählungen immer wieder beschäftigt, ihre Aktualität verlieren, dann wird der zu seinen Lebzeiten gefeierte Böll in der Versenkung verschwinden.

Sie hatten Unrecht. "Die verlorene Ehre der Katharina Blum", die sich jährlich rund 50 000 Mal verkauft, wird heute vor allem im Unterricht gelesen. Ein Buch über die Zeit der RAF und ihre Folgen, das Böll von konservativer Seite den Vorwurf eines Terroristenfreundes einbrachte. "Die verlorene Ehre der Katharina Blum wird viel in der oberen Mittelstufe und in der Oberstufe an unseren Schulen gelesen. Das ist aber keine verpflichtende Lektüre", sagt Beate Hinse, Sprecherin im Kieler Kultusministerium. Nach ihren Angaben wird Böll bis 2013 nicht im Zentralabitur in Schleswig-Holstein behandelt. Doch Böll überlebt nicht nur als Schulautor. Laut Frankel sind bei Literaturfreunden die "Ansichten eines Clowns" und das "Irische Tagebuch" nach wie vor gefragt. Dagegen würden ältere Titel wie "Haus ohne Hüter" oder "Der Zug war pünktlich" kaum noch gekauft.

Wie DTV spricht auch Kiepenheuer & Witsch, wo Böll in gebundener Fassung erscheint, insgesamt von stabilen Böll-Verkaufszahlen. "Vor drei Jahren haben wir Bölls gesammelte Erzählungen für zehn Euro herausgebracht und bis heute 65 000 Mal verkauft, das war deutlich mehr als erhofft", sagt Vertriebsleiter Reinhold Joppich.

Tilman Krause, Literaturkritiker der Tageszeitung "Die Welt", empfiehlt, stärker Bölls literarisches Werk zu würdigen und sich weniger auf seine politische Publizistik zu konzentrieren - ein nicht überraschender Vorschlag aus dem Munde eines Springer-Mitarbeiters, hatte Böll doch immer wieder mit Angriffen auf die Bild-Zeitung von sich reden gemacht. Und so spricht Krause vom politischen Demagogen Böll, lobt aber nicht zuletzt wegen dessen Ironie und der religiösen Dimension seine "Ansichten eines Clowns" als die deutsche Antwort auf Salingers "Fänger im Roggen" und nennt "Gruppenbild mit Dame" einen der besten Romane über die NS-Zeit und Bölls zentrales literarisches Werk, für das er 1972 zurecht mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde.

Zwei Bücher, die in der Sowjetunion erschienen, nicht aber in der DDR. "In der russischen Übersetzung hat man einfach kritische Passagen über den Sozialismus weggelassen. In der DDR hat man deswegen die Titel gar nicht veröffentlicht", sagt der Germanist Markus Schäfer, Mitarbeiter des Heinrich-Böll-Archivs in Köln. Er ist häufig in Schulen zu Gast, um Böll vorzustellen. "Für die Schüler ist das ein historischer Autor. Man muss ihnen erstmal die Nachkriegszeit näherbringen. Dann sind sie aber immer wieder von Bölls Haltung beeindruckt", so Schäfer.

Der Literaturwissenschaftler Ralf Schnell ist skeptischer. Der Mitherausgeber der

27-bändigen ersten kommentierten Böll-Werkausgabe, deren letzter Band Ende des Jahres erscheint, beobachtet ein Desinteresse an den Universitäten. "Dort glaubt man noch, wer populär ist, kann als Autor nicht viel taugen." Er warnt davor, Böll als vermeintlich leicht verständlichen Autor geringzuschätzen: "In Die verlorene Ehre der Katharina Blum gibt es am Anfang des Textes eine sehr intensive Reflexion. Ich befürchte, dass viele Schüler das heute gar nicht verstehen." Für Schnell steht der literarische Autor bis heute im Schatten des Publizisten. "Der Schriftsteller Böll ist noch zu großen Teilen zu entdecken, denn trotz seiner Millionenerfolge sind viele Texte von ihm noch unbekannt."

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