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Kunst : Eine deutsch-russische Liebe und verlorene Kunstschätze

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Hannover (dpa) - Sein Vater war ein weltweit beachteter russischer Avantgarde-Künstler, seine Mutter eine Sammlerin moderner Kunst in der Weimarer Republik.

Was Jen Lissitzky in Sibirien vom früheren Besitz seiner Eltern geblieben war, passte im Wesentlichen in zwei Kisten: private Fotos, Briefe, Manuskripte sowie einige Collagen und Zeichnungen von El Lissitzky (1890-1941).

Nach dem frühen Tod des Vaters verbannte das Stalin-Regime die deutschstämmige Ehefrau mit dem Kind nach Nowosibirsk, wo die beiden in ärmlichen Verhältnissen lebten. Jen Lissitzky konnte sich erst nach Öffnung des Eisernen Vorhangs auf die Suche nach den von den Nazis geraubten Bilder seiner Mutter machen.

Jetzt ist der 83-Jährige aus Südspanien nach Hannover gekommen, um dem Sprengel Museum den privaten Nachlass seiner Eltern zu übergeben. Das Land Niedersachsen, die Stadt Hannover sowie der Freundeskreis des Museums unterstützten den Ankauf. Gemeinsam mit Museumsdirektor Ulrich Krempel ordnet er die Fotos, Notizen der Mutter und kleine Arbeiten des Vaters. «Man kann anhand dieser Geschichte ganz viel lernen über die Schrecklichkeiten der Zeit», sagt Krempel.

Sophie Lissitzky-Küppers (1891-1978), Witwe des ersten Direktors der Kestnergesellschaft Paul Küppers, hatte ihren Kunstschatz dem Provinzialmuseum Hannover als Leihgabe anvertraut, bevor sie mit ihrem zweiten Mann El Lissitzky 1927 nach Moskau ging.

13 Gemälde wurden von den Nazis als «Entartete Kunst» beschlagnahmt, darunter Werke von Paul Klee, Piet Mondrian sowie Wassily Kandinsky. Die meisten Bilder blieben verschollen. Um das Klee-Gemälde «Sumpflegende», das im Depot des Münchner Lenbachhauses steht, läuft ein seit zwei Jahrzehnten währender Rechtsstreit.

Über das Thema Restitution möchte der 83-Jährige nicht mehr sprechen. Jen Lissitzky sei deprimiert über die Haltung der Stadt München, die sich weigere, das Klee-Bild zurückzugeben, sagt der Leipziger Rechtsanwalt Christoph von Berg. Der auf Kunstrecht spezialisierte Jurist vertritt die Erben, es gibt auch drei Enkel aus der ersten Ehe mit Küppers. «Sumpflegende» sei eindeutig NS-Raubkunst, betont von Berg. Die Summe der zuletzt von der Stadt angebotenen Entschädigung sei zu niedrig. Im Fall des Kandinsky-Gemäldes hatten sich die Erben mit der Schweizer Fondation Beyeler auf eine Entschädigung geeinigt.

Jen Lissitzky, der Kameramann in der Sowjetunion war, sagt: «Für mich ist die Sache längst erledigt.» Er will den Blick auf das vielfältige Werk seines Vaters und auf das Schicksal seiner Mutter richten. Die studierte Kunsthistorikerin, die in den 1920er Jahren Salons mit berühmten Malern, Literaten und Architekten hielt, musste die kleine Familie in Sibirien mit Kochen, Nähen und Stricken durchbringen. Mehrfach erkundigte sie sich in der Nachkriegszeit bei Museumsdirektoren in Hannover nach dem Verbleib ihrer Bilder. «Die Mutter war sehr deprimiert. In ihr Notizbuch schrieb sie: "Alles ist verloren gegangen"», berichtet der Sohn.

Auch ihr Wunsch, in Deutschland sterben zu können, sei ihr verwehrt worden. Ende der 60er Jahre veröffentlichte Sophie Lissitzky-Küppers ein Buch über El Lissitzky im Verlag der Kunst in Dresden. Die Manuskripte für dieses international beachtete Buch gehören zum Nachlass, der jetzt in Hannover dokumentiert und wissenschaftlich erarbeitet werden soll. Jen Lissitzky ist glücklich, dass der Nachlass in Hannover bleibt, auch wenn ein Museum dieser Stadt die Kunstschätze seiner Mutter nicht vor der Beschlagnahme durch die Nationalsozialisten schützen konnte. Er sagt: «Mein Vater und meine Mutter haben sich in Hannover getroffen. Diese Liebe fing hier an.»

Sprengel Museum Hannover

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erstellt am 11.Okt.2013 | 12:57 Uhr

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