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Geburtstag am 12. November : Ein Portrait: Star-Regisseur Dieter Wedel wird 75 Jahre alt

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Wedel prägte mit Mehrteilern die deutsche Fernsehlandschaft. Seine neuesten Werke präsentiert er im Freilicht-Theater.

shz.de von
erstellt am 10.Nov.2017 | 08:48 Uhr

Bad Hersfeld | Es ist verblüffend: Dieter Wedel arbeitet mit den berühmtesten Schauspielern und Branchen-Größen, aber vergisst manchmal ihre Namen. „Ach, wie heißt der noch gleich?“ – es will dem Star-Regisseur dann im Gespräch partout nicht einfallen. Doch krumm nehmen ihm das wohl nur wenige. In einer Welt, in der alles perfekt sein muss, macht ihn diese Eigenart sympathisch. Am 12. November wird Wedel, der in Hamburg und auf Mallorca lebt, 75 Jahre alt.

75 – ein Alter, um sich mehr auf Mallorca mehr in die Sonne zu setzen, statt auf den Regiestuhl? Mitnichten, der stete Wechsel sei fein, sagt der umtriebige Jubilar: „Das Alter sagt nichts über den Kilometerstand aus. Ich fühle mich jünger und nicht am Lebensabend angekommen.“ Dabei dürfte Wedel in der Film- und Fernsehen-Landschaft längst fast jedem geläufig sein. Wenn der Geschichten-Erzähler sein neuestes Werk herausbrachte, sprach man mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Neugier vom „neuen Wedel“. Das klang wie ein Gütesiegel – und bewahrheitete sich oft. Berühmt machen Wedel seine Mehrteiler im Fernsehen. Mit spannenden Storys lockte er erst ein Millionen-Publikum vor die TV-Geräte und heimste reihenweise Auszeichnungen ein.

Nach seinen Frühwerken startet Wedel in den 1990er Jahren durch. Ein Erfolg jagt den nächsten: „Der große Bellheim“ (1993), „Der Schattenmann“ (1996), „Der König von St. Pauli“ (1998) und „Die Affäre Semmeling“ (2002). Wedel arbeitet mit den deutschen Schauspiel-Stars. Und wer es noch nicht ist, wird es oft unter Wedels Regie.

Sieben Promi-Stimmen über Dieter Wedel

Joern Hinkel, Regisseur und stellvertretender Intendant der Bad Hersfelder Festspiele: „Ich kenne keinen Menschen mit so viel ansteckender Energie, Vorstellungs- und Überzeugungskraft. Mal ist er ein alles bis ins Detail kontrollierender Dompteur, der die Raubtiere auf ihre Podeste schickt, mal ein staunendes, von Fantasie überbordendes Kind. Er ist ein Mensch der Gegensätze: kraftvoll und zärtlich, cholerisch und humorvoll. Sein Credo: Kunst darf alles, nur nicht langweilen.“

Elisabeth Lanz, Schauspielerin: „Er erscheint mir so erfahren und kundig in der Mehrdimensionalität von komplizierten Charakteren, dass es immer ein interessantes Abenteuer sein wird, unter seiner Regie Psychogramme zu erforschen.“

Markus Majowski, Schauspieler: „Dieter Wedel ist ein starker, risikofreudiger und herausfordernder Charakter. Seine Schauspieler müssen ganz schön ackern, um seinen Ansprüchen zu genügen. Mit seinen Themen will er gesellschaftliche Diskussionen anstoßen. Er geht selten den leichten Weg.“

Franziska Reichenbacher, Schauspielerin, Regisseurin und Lottofee: „Dieter Wedel ist ein Menschenforscher, ein Fragender, auch ein Zweifler, unermüdlich nach Antworten suchend, einer, der sich mit oberflächlichen Antworten nie zufrieden gibt. Immer neugierig, immer kritisch, immer mit einer Haltung.“

Horst Janson, Schauspieler: „Seine hervorstechendsten Charakter-Eigenschaften sind sein Durchsetzungsvermögen und seine Zielstrebigkeit, mit der er seine künstlerischen Ziele erreicht.“

Corinna Pohlmann, Schauspielerin: „Er ist wahnsinnig ausdauernd und leidenschaftlich. Und er bringt Menschen dazu, an ihre Grenzen zu gehen. Mit ihm zu arbeiten, ist manchmal unbequem, aber es bringt immer etwas Großes hervor.“

Brigitte Grothum, Schauspielerin, Regisseurin, Produzentin: „Er versteht es, Texte in fantasievolle Bilder umzusetzen.“

 

Nach seiner Fernsehzeit zieht es Wedel zurück zur Schauspielbühne, wo für den promovierten Theaterwissenschaftler aus Frankfurt alles begann. Er führt Regie bei den Nibelungenfestspielen Worms (2002/2003), übernimmt von 2004 bis 2014 die Intendanz dort. Dann wechselt er im Herbst 2014 zu den Bad Hersfelder Festspielen. Unter seiner Intendanz hebt er das Freilicht-Theaterfestival auf ein neues Qualitäts- und Bekanntheitslevel.

Sein Vertrag läuft noch bis 2022. Er will arbeiten, bis er umfällt, verrät er. „Ich lese immer, ich sei ein Workaholic. Das stimmt aber nicht. Wenn es Spaß macht, ist es ja keine Arbeit.“ Wedel ist als Intendant nicht nur fürs Gesamtkunstwerk zuständig. Er eröffnet die Festspiele auch stets mit eigenem Stück – Promi-Auflauf, roter Teppich und Blitzlichtgewitter inklusive. In diesem Sommer präsentierte er eine von der Kritik hochgelobte Inszenierung über den Kirchen-Reformer, der 2017 in aller Munde ist. Titel: „Martin Luther – der Anschlag.“ Noch bevor überhaupt die Schauspieler-Namen bekanntgegeben wurden, waren die Vorstellungen schon ausverkauft.

Dieter Wedel gehen die Ideen nicht aus.
Dieter Wedel gehen die Ideen nicht aus. Foto: Uwe Zucchi
 

Wedel ist ein Mann mit vielen Fähigkeiten – und in der Branche hoch geachtet. Holk Freytag, sein Vorgänger als Intendant in Bad Hersfeld, sagt: „Er hat Fernsehgeschichte geschrieben und gehört zu den besten Fernsehautoren in Deutschland.“

Hintergrund: Dieter Wedels goldene Jahre

Regisseur und Autor Dieter Wedel hat im deutschen Fernsehen einige fulminante Duftmarken gesetzt. Seine stärkste Phase hatte der Jubilar, der an diesem Sonntag 75 Jahre alt wird, in den neunziger Jahren, als er viel für das ZDF und auch einmal für Sat.1 arbeitete. Ein Auszug aus seinem Schaffen:

  • „Einmal im Leben – Geschichte eines Eigenheims“ (1972); Dreiteiler um den chaotisch verlaufenden Hausbau der Fernsehfamilie Semmeling mit Antje Hagen und Fritz Lichtenhahn (ARD)
  • „Alle Jahre wieder – Die Familie Semmeling“ (1976); neuer Dreiteiler rund um die Familie Semmeling mit denselben Darstellern – dieses Mal geht's im Urlaub drunter und drüber (ARD)
  • „Wilder Westen inclusive“ (1988); Dreiteiler um eine Familie im USA-Urlaub, Autounfall, Heirat und ein tragischer Todesfall auf dem Weg nach Las Vegas mit Peter Striebeck (ARD)
  • „Der große Bellheim“ (1993); Vierteiler um einen ehemaligen Kaufhauschef, der erkennen muss, dass sein Lebenswerk in Gefahr gerät und es retten will – mit Mario Adorf (ZDF)
  • „Der Schattenmann“ (1996); Fünfteiler um einen verdeckten Ermittler in der Frankfurter Unterwelt, dem sein neues Leben immer besser gefällt – mit Stefan Kurt, Mario Adorf und Julia Stemberger (ZDF)
  • „Der König von St. Pauli“ (1998); Sechsteiler um Rivalitäten im beliebten Hamburger Rotlichtviertel – mit Hilmar Thate, Hans Korte, Heinz Hoenig, Oliver Hasenfratz und Julia Stemberger (Sat.1)
  • „Die Affäre Semmeling“ (2002); Sechsteiler um die TV-Familie, die schon in den siebziger Jahren populär war – mit denselben Darstellern sowie Robert Atzorn als Hamburger Bürgermeister (ZDF)
  • „Gier“ (2010); Zweiteiler um einen Hochstapler, der dem realen Fall des verurteilten Betrügers Jürgen Harksen nachempfunden war – mit Ulrich Tukur, Devid Striesow und Uwe Ochsenknecht (ARD)
 

Ufa-Chef Nico Hofmann, Geschäftsführer des größten deutschen Filmproduktionsunternehmens und Intendant der Festspiele in Worms, sagte der dpa: „Er ist ein Mann mit einer unglaublichen kreativen Energie, auch mit großer Jugendlichkeit.“ Er schätze Wedels „Gespür für den Zeitgeist“, wie er politisch kontroverse Stoffe anpackt. „Er ist auf tolle Weise ein Querdenker.“ Beeindruckend sei der starke Zugang zu Schauspielern. „Er hat klare Visionen von seinen Figuren, hat ein unglaubliches Rhythmusgefühl, arbeitet mit großer Sorgfalt, und ist ein Perfektionist.“ Doch Schauspieler, die mit ihm performen, sagen auch, dass Wedel als impulsiver Strippenzieher hinter der Bühne nicht immer ganz einfach im Umgang sein soll. Für Schauspieler Mathieu Carrière ist Wedel ein „liebenswerter Wüterich“ und ein „charismatischer Tausendsassa“. Es sei aber immer interessant mit ihm, betont er.

Wedel selbst sagt: Manchmal, wenn er bei Proben im Stress sei, könne er auch mal zur zickigen Diva werden. „Dann denke ich: Du ist ja unerträglich, aber trotzdem komme ich da nicht raus. Dennoch gibt es eine ganze Reihe von Menschen, die schon 15 Jahre und länger mit mir zusammenarbeiten. Die sind bereit, mir das auch mal zu verzeihen.“ Wedel gelinge es immer wieder, Höchstleistungen aus den Darstellern herauszukitzeln, beobachtet Schauspielern Elisabeth Lanz. Regisseurin, Schauspielerin und Lotto-Fee Franziska Reichenbacher sagt: „Trotz einer gewissen Strenge bei der Arbeit ist er als Regisseur immer empathisch und voller Mitgefühl.“

Für Franziska Reichenbacher ist Dieter Wedel ein Menschenforscher.
Für Franziska Reichenbacher ist Dieter Wedel ein Menschenforscher. Foto: Jan Woitas
 

Nicht gerade konventionell, sondern eher turbulent ging es in Wedels Privatleben zu. Er hat sechs Kinder von sechs Frauen – und führte auch Parallel-Beziehungen. „Es gibt Menschen, die ein Doppelleben nicht ertragen und es gibt andere, die ohne Doppelleben nicht leben können“, sagt Wedel. Mittlerweile gehöre sein Liebe ausschließlich Uschi Wolters, die er bereits mit 27 kennenlernte.

Seine Verbindung zum Fernsehen will er nach vielen Jahren am Theater nicht abreißen lassen. Die spannende Frage lautet: Wann gibt's den nächsten Wedel im TV? Der Altmeister kann es selbst nicht sagen. Aber es gibt Pläne: „Ich habe ein Projekt mit dem Titel 'Die Piraten-Insel'.“ Es handele von den Umtrieben der Mafia auf Mallorca. „Der erste Teil ist fertig. Zwei weitere Teile müsste ich noch schreiben“, sagt er zum Stand der Bearbeitung. Aber Bad Hersfeld habe erstmal Vorrang. „Was mir dort als Nächstes vorschwebt, wird wieder schwierig genug. Aber was Leichtes kann jeder.“

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