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Kirchen : Ein kontroverser Stoff - das Turiner Grabtuch

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Es bewegt die Gemüter seit mehr als einem Jahrhundert: das Turiner Grabtuch. Am 24. September jährt sich zum 80. Mal seine erste größere Ausstellung - im Heiligen Jahr 1933, gezählte 1900 Jahre nach dem Tod von Jesus Christus.

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erstellt am 23.Sep.2013 | 11:57 Uhr

Der Öffentlichkeit wurde «La sacra Sindone», wie die Ikone auf Italienisch genannt wird, zuletzt zu Ostern 2013 im Fernsehen und per Live-Stream im Internet gezeigt. Zu einer Ausstellung in Turin im Jahr 2010 waren bereits Millionen Gläubige geströmt, unter ihnen auch der damalige Papst Benedikt XVI.

Das Stück Stoff, das so viel Aufsehen erregt, befindet sich seit dem 15. Jahrhundert in Turin. Es ist 4,30 Meter lang und 1,10 Meter breit, sepiafarben und zeigt den Vorder- und Hinterabdruck eines Mannes, der gefoltert wurde und einen grausamen Tod am Kreuz starb.

Klerikale, Wissenschaftler und nicht zuletzt Millionen Christen sind überzeugt: Dies ist das Tuch, in das der Leichnam von Jesus Christus vor der Auferstehung gehüllt war. Skeptiker gehen dagegen davon aus, dass es im Mittelalter hergestellt wurde. Eine ganze Wissenschaft, die sogenannte Sindonologie, versucht, mit allen Mitteln, dem Geheimnis des Tuchs auf die Spur zu kommen.

Als es 1898 zum ersten Mal fotografiert wurde, machte man eine erstaunliche Entdeckung: Auf dem Negativ des Fotos war statt des verzerrten und verblichenen Abdrucks plötzlich ein wohlproportioniertes, harmonisches Gesicht zu erkennen - fast, als sei das Tuch selbst ein Negativ. Der Gesichtsabdruck eignet sich sogar für die Erstellung von 3D-Simulationen. Für Gläubige ist das ein Beweis, dass das Tuch wundersame Eigenschaften besitzt.

Wer von der Echtheit des Tuchs überzeugt ist, der führt auch an, die Wunden, die auf dem Abdruck zu erahnen sind, stimmten mit biblischen Schilderungen der Passion Christi überein. Auch die angeblichen Blutflecken haben manche Wissenschaftler für echt befunden. Ein Wissenschaftler fand Pollen auf dem Stoff, die beweisen sollen, dass das Tuch aus dem Nahen Osten stammt - oder zumindest eine Zeit lang dort aufbewahrt wurde.

Gegen die Authentizität des Turiner Grabtuches spricht, dass es zum ersten Mal 1357 in Frankreich auftauchte. Von seiner Existenz vor dieser Zeit ist nichts bekannt. 1988 schließlich schien die Radiokarbon-Datierung einer Stoffprobe den Mythos zu versenken: Das Tuch, verkündeten Wissenschaftler aus drei verschiedenen Laboren, stamme aus der Zeit zwischen 1260 und 1390 nach Christus. Auch die Gültigkeit dieser Untersuchungen wird jedoch aus verschiedenen Gründen angezweifelt. Bis heute sorgen angeblich neue Erkenntnisse regelmäßig für Schlagzeilen.

Die katholische Kirche selbst hält sich mit Spekulationen bedeckt. Das Tuch gilt vielen nicht als Reliquie, sondern als Ikone. Papst Franziskus sagte im März 2013 in einer Videobotschaft: «Der Mann auf dem Grabtuch lädt uns ein, Jesus von Nazareth zu gedenken. Dieses entstellte Gesicht ähnelt vielen Gesichtern, von Männern und Frauen, gezeichnet von einem Leben, das ihre Würde nicht respektiert.» Die Frage nach der Echtheit ist dann vielleicht gar nicht so wichtig.

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