Ein "Hallelujah" für Leonard Cohen

shz.de von
16. Juli 2013, 03:59 Uhr

Hamburg | Gott höchstpersönlich, singt Leonard Cohen (Foto) augenzwinkernd in "Going home" vom aktuellen Album "Old Ideas", habe ihn im Zwiegespräch als "faulen Bastard im Anzug" bezeichnet. Die 7000 Besucher in der Hamburger O2 World aber lieben den Meister aller Songpoeten, der sie an diesem Abend mit seiner unverwechselbaren alttestamentarischen Grabesstimme auf einen dreieinhalbstündigen Streifzug durch sein 45-jähriges Schaffen mitnimmt.

Im schwarzen Anzug kniet der Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten weihevoll vor seinen Musikern, versenkt den Kopf in den knorrigen Händen und lässt mit knarzendem Bariton Klassiker wie "Bird on a Wire", das treibende "First we take Manhattan" oder das in jeder Castingshow von Kandidaten vermurkste "Hallelujah" erklingen.

Der 78-Jährige, der erst mit 34 Jahren sein erstes Album aufnahm und mit der Musik ursprünglich seine Tätigkeit als Schriftsteller absichern wollte, hat wie kein anderer seine zahllosen erotischen Begegnungen lyrisch verdichtet. Der ewige Verführer verzückt auch im Herbst des Lebens das Publikum mit der verklärten Rückschau auf die junge Tänzerin Suzanne Verdal ("Suzanne") oder auf Marianne Jensen ("So long Marianne"), die er einst auf der griechischen Insel Hydra kennen- und lieben lernte. Selbst der Umstand, dass die Fans den grollenden Bariton des Altmeisters seit einigen Jahren wieder live erleben dürfen, ist einer Frau geschuldet. Da Cohens langjährige Vertraute Kelley Lynch mit der Altersvorsorge des Brummbarden durchbrannte, sah sich der Kanadier gezwungen, den entstandenen Schaden durch ausgiebiges Touren auszugleichen.

"Amen" und das elegische "Darkness" aus dem hochgelobten Album "Old Ideas" schlagen düstere Töne an, verhandeln Themen wie Einsamkeit, Sühne und die unerbittliche Erkenntnis, dass die eigenen Tage gezählt sind. Demütig zieh Cohen immer wieder den Hut vor seinen Musikern, die er in Zwischenansagen mit Superlativen überhäuft.

Cohens kongeniale Songwriterin Sharon Robinson und die "Webb Sisters" Charley und Hattie sorgen mit engelsgleichen Stimmen und betörendem Harfenspiel für den Kontrapunkt zum brummenden Bass des charismatischen Mannes im schwarzen Anzug. Der aber gibt bei schummrigem Licht und anheimelnder Wohnzimmeratmosphäre vor dem wallenden Vorhang nochmal alles. Nicht weniger als acht Zugaben erklingen, bevor der magische Maestro seinen berauschten Anhängern mit auf den Heimweg gibt: "Möget ihr stets in guter Gesellschaft sein und nie den Schrecken der Einsamkeit ins Auge blicken."

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen