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Eurovision Song Contest 2017 : Ein bisschen Frieden? Der ESC in politischen Wirren

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Eigentlich sollte der ESC unpolitisch sein. Doch der Ukraine-Krieg vor der Tür wirft Schatten auf die große Party.

shz.de von
erstellt am 02.Mai.2017 | 10:43 Uhr

Kiew | Auf diesen Tag hat die russische ESC-Kandidatin ihr Leben lang gewartet. Live auf einer großen Bühne soll Julia Samoilowa am 9. Mai auftreten. Vor Tausenden im Publikum wird sie ihre Ballade „Flame is Burning“ vortragen. Jedoch: Nicht wie erhofft vor 200 Millionen Zuschauern. Nicht wie erwartet im Halbfinale des Eurovision Song Contest (ESC). Nicht wie geplant in Kiew. Sie singt stattdessen in Sewastopol, auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim. Das hat eine trotzige Symbolkraft. Der Gastgeber Ukraine hat Russlands Kandidatin die Einreise zum ESC 2017 mit der Begründung verwehrt, dass sie 2015 auf der Krim aufgetreten ist. Die Ukraine sieht sich von Moskaus Entscheidung für Samoilowa provoziert.

Die 25-jährige Levina tritt am 13. Mai beim ESC in Kiew mit dem Song „Perfect Life“ für Deutschland an. Sie ist eine von 42 verbleibenden Teilnehmern. Das ist nach den Jahren 2008 und 2011 mit je 43 Teilnehmern Rekord. 

Dabei sind die Statuten der Veranstalter eigentlich eindeutig: Alles ist rein unpolitisch, heißt es im Regelwerk der Europäischen Rundfunkunion EBU: „Kein Lied, kein Auftritt darf den ESC oder die EBU in Misskredit bringen.“ Politische Botschaften oder offene Streitereien zwischen Ländern sind verboten. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Der Wettbewerb ist seit Längerem eine Front für Animositäten und Konflikte. Die seit drei Jahren verfeindeten Nachbarn Ukraine und Russland tragen ihre Spannungen auch auf der Showbühne aus. Die EBU konnte diese Eskalation nicht verhindern.

 

 

Beobachter sind sich sicher, dass Moskau mit der im Rollstuhl sitzenden Sängerin Julia Samoilowa ein abermaliges Buhkonzert verhindern wollte. Doch im Moment der Anmeldung zum Wettbewerb 2017 mit dem Motto „Vielfalt feiern“ gab es das Veto aus Kiew.

 

Dass Samoilowa nicht einreisen darf, wertet der Kreml als einen „Schlag gegen das Image des ESC“. Russische Menschenrechtler fordern Europa zum Handeln auf. „Ich finde es höchst deprimierend, dass es aus Europa keine Reaktionen gibt“, sagt Politikerin Ella Pamfilowa.

 

Hintergrund: Russlands politische Querelen mit anderen Ländern im ESC

2009: Wenige Monate nach der Georgien-Krise untersagt die Europäischen Rundfunkunion (EBU) Tiflis mit dem provokanten Titel „We don't want to Put In“ von der Band Stefane & 3G teilzunehmen. War das Lied gegen Kremlchef Wladimir Putin gerichtet gewesen?

2014: Im Jahr der Krim-Krise werden die russische Sängerinnen der „Tolmachevy Sisters“, während ihrer Performance in Kopenhagen ausgebuht. Dennoch erreichen sie mit ihrem Titel „Shine“ Platz 7.

2015: Die russische Favoritin Polina Gagarina wird beim ESC in Wien vor Millionenpublikum bei der Punktevergabe mit Pfiffen und Buhrufen überhäuft. Sie wird mit dem Lied „A Million Voices“ auf Platz 2 gewählt. 

2016: Die Krimtatarin Jamala siegt mit dem umstrittenen Lied „1944“, das die Verbannungsgeschichte ihres Volkes erzählt. Russland, in letzter Minute von der Ukraine auf Platz drei verwiesen, ist erbost. Sogar der Kreml und das russische Außenministerium wittern politische Motive hinter der Entscheidung.

Zaghafte Vermittlungsversuche der EBU sind ins Leere gelaufen. Die Länder lehnen eine - erstmals in der ESC-Geschichte angebotene - Live-Zuschaltung aus Moskau ab. Und eine andere Kandidatin will Russland nicht schicken. Dieses Jahr ist das beliebte TV-Event im russischen Staatsfernsehen sogar komplett aus dem Programm gestrichen - obwohl sich Millionen Russen den Wettbewerb anschauen.

 

Hat die EBU die Brisanz des Konflikts verkannt? EBU-Generaldirektorin Ingrid Deltenre betonte gegenüber dem ukrainischen Regierungschef Wladimir Groisman, ein Ausschluss von Russland sei „inakzeptabel“, und warnte, Kiew bei kommenden Wettbewerben abstrafen zu wollen. „Wir verurteilen die Entscheidung der ukrainischen Behörden scharf“, sagt der ESC-Verantwortliche Frank Dieter Freiling. „Sie untergräbt die Integrität und die nicht-politische Natur des ESC.“ Die Fronten bleiben verhärtet, und die EBU bleibt machtlos.

Dennoch wird Samoilowa nach dem Willen des russischen Staatsfernsehens im nächsten Jahr ihre drei Minuten auf einer ESC-Bühne feiern. Die russischen Organisatoren sagten ihr die Teilnahme zu, vorausgesetzt die Ukraine feiert keinen Heimsieg. Für dieses Jahr bleibt der 28-Jährigen nur der kleine Auftritt am 9. Mai - immerhin am wichtigsten Feiertag des Landes - dem „Tag des Sieges“.

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