zur Navigation springen

„Gerald beim Füttern“ : Ein Bild aus Tausenden Metern Nähseide

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ihre Kunst scheint sich gerade auf einem Höhenflug zu befinden: Innerhalb weniger Monate ist die Wahl-Berlinerin Gudrun Leitner mit aufwendig genähten Bildern schon zum zweiten Mal in Kiel zu Gast.

shz.de von
erstellt am 07.Apr.2014 | 07:03 Uhr

Kiel | Ein wenig denkt man an die Fotorealisten der 70er Jahre: überdimensional groß füttert da ein Papa sein Kleinkind mit Brei, macht die Geste des Mundöffnens vor – ein Schnappschuss des Familienalltags aus Kleinkindertagen. Gut gemalt, denkt man vielleicht – bis man herantritt und bemerkt, dass alles genäht ist. Das über zwei Meter breite Bild besteht aus unendlich vielen Farbfeldern: Stofffetzen, die penibelst nebeneinander und übereinander gesetzt und vernäht sind. Was ein Maler auf seiner Palette mischen und mit dem Pinsel in Strichen auftragen kann, hat Gudrun Leitner aus winzigsten, verschiedenfarbigen Stoffen arrangiert.

Über sechs Monate hat sie an ihrem Monumentalbild gearbeitet, fünf bis sechs Stunden jeden Tag. „Es hat Tage gegeben, da hab ich 14 Stunden durchgearbeitet“, erklärt Leitner, „es ist total spannend – aber bei dem Kinderkopf hatte ich die Nase nach sechs Wochen voll.“ Bis zu neun Lagen feinste braune Stoffnuancen hat sie allein in diesem Bereich verarbeitet – und 10.000 Meter Nähseide. „Oft sitze ich mit zusammengebissenen Zähnen da und sage mir: schneller, schneller – es wird aber nicht schneller, es dauert manchmal Monate, bis es weitergeht.“ Und trotzdem, so die Künstlerin, sei es „total spannend“.

Auch die anderen Bilder brauchen oft zwei, drei Monate: Es gibt kleinere Kinderbilder und ein großes von „Erhard“, einem alten Mann. Die Kinder heißen Ada und Konrad – es sind ihre eigenen. Und der fütternde Mann ist Gerald, ein Freund. „Die meisten Fotovorlagen sind von mir gemacht“, erklärt Leitner, die gezielt aus dem privaten Umfeld heraus arbeitet. „Es ist mir ganz wichtig, dass ich von Anfang an meine Sachen mache, und es geht mir um das Erkennen und Begreifen, welche Möglichkeit die Nähtechnik auch außerhalb ihrer gewohnten Funktion haben kann.“

Es fing eigentlich erst vor ein paar Jahren an, als Gudrun Leitner für ihre Kinder Kleidung nähte und diese mit Applikationen verzierte. Und dann überlegte sie als gelernte Designerin, ob sie das auch bei bestimmten Produkten anwenden könnte. Sie begann, mit ihrer Nähmaschine Bilder von Kühen anzufertigen: Einige bestehen aus lauter kleinen Stoffquadraten, die als Raster das Bild ergeben, andere sind mit überlappenden Stoffen genäht, die mit ihren abgezirkelten Farbfeldern zuweilen an die Gestaltung von Comics erinnern.

Die 1976 in Kärnten geborene Künstlerin hat das alles gelernt, besuchte die Modeschule in Villach, arbeitete als Stylistin, Fotoassistentin, Werbegestalterin, Modeberaterin wie auch als Licht- und Tontechnikerin – zunächst in Wien, seit 2001 in Berlin.

Verkauft hat Gudrun Leitner bisher fast noch keine Arbeit, obwohl sie bereits zu Vorträgen darüber eingeladen wurde. Die Kieler Galerie Brennwald war unlängst als eine der ersten auf die 38-jährige Künstlerin aufmerksam geworden und zeigte ihre Werke. Das wieder rief Claudia Hirt auf den Plan, die im Kieler Ministerium für Justiz, Kultur und Europa für die Ausstellungen zuständig ist. Sie hat eine umfangreiche Schau auf drei Etagen eingerichtet. Da fügt es sich gut, dass Leitner in Dortmund just den ersten Preis für Textilkunst des Dortex Design Award 2014 zugesprochen bekam – für ihr Bild „Kind im Geschirrtuch“.  


Ministerium für Justiz, Kultur und Europa, Kiel, Lorentzendamm 35. Eröffnung: Heute, 17 Uhr. Bis 28. Mai, Mo-Fr, 9-17 Uhr (bitte Personalausweis mitbringen).

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen