Oper Stuttgart : Ein Beben zum Abschied von Jossi Wieler

Die Darsteller (v.l) Esther Dierkes (Josephe Asteron), Josefin Feiler (Constanze), Sophie Marilley (Elvire) in der Staatsoper.
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Die Darsteller (v.l) Esther Dierkes (Josephe Asteron), Josefin Feiler (Constanze), Sophie Marilley (Elvire) in der Staatsoper.

Kein Regisseur hat die Stuttgarter Staatsoper ein viertel Jahrhundert lang so geprägt wie Jossi Wieler. Zum Abschied inszenierte der Intendant eine Erdbeben-Oper. Das vielfache «Opernhaus des Jahres» sieht nun keinen ganz einfachen Zeiten entgegen.

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02. Juli 2018, 11:25 Uhr

Stuttgart (dpa) – Trümmer auf der Bühne, gespenstische Töne, Leichen an vielen Stellen – Jossi Wieler (66) wählt einen extrem düsteren Abschied von der Staatsoper Stuttgart. Hier hat sich der Schweizer in den vergangenen 25 Jahren als einer der angesehensten Opernregisseure profiliert. Sein vorerst letztes Werk in Stuttgart ist nun die Uraufführung der Oper «Erdbeben.Träume» des Komponisten Toshio Hosokawa.

Der Japaner erlebte selbst, wie ein Erdbeben 2011 in seiner Heimat einen Tsunami und die Atomkatastrophe von Fukushima auslöste. Seine künstlerische Aufarbeitung dieser schockierenden Tragödie klingt zeitweise schaurig wie in einem Geisterfilm. Wind pfeift, Wassertropfen platschen, es donnert. Verstärkt werden diese apokalyptischen Klänge von der klaren Sprache des Librettisten Marcel Beyer.

Eine verbotene Liebe zwischen der Schülerin Josephe (Esther Dierkes) und ihrem Privatlehrer Jeronimo (Dominic Große), sie bekommt ein Kind von ihm; die Mutter und das Kleine werden am Ende erschlagen: «Wie sein geborstener Schädel glänzt, wie die Hirnmasse in der Sonne schimmert», dichtet Beyer über das tote Kind. Der Büchner-Preisträger hat dazu Heinrich von Kleists Novelle «Das Erdbeben in Chili» (1806) ins Heute geholt.

Was so brutal daherkommt, ist die Auseinandersetzung mit Zivilisationskatastrophen und der Gebrechlichkeit der Welt, mit der Gewalt der Natur und des Menschen. Beyer, Wieler, Dramaturg Sergio Morabito und Bühnenbildnerin Anna Viebrock haben sich selbst voriges Jahr ein Bild in Fukushima gemacht. Es herrscht Endzeitstimmung. Die Szene, Beyers Text und die von Sylvain Cambreling am Pult effektvoll auch mit Posaunen und vier Schlagzeugen zum Klingen gebrachte Musik Hosokawas machten das Premierenpublikum am Sonntag zwar glücklich. Fröhlichere Töne gibt es aber bis Ende des Monats bei einer dem Abschied Wielers gewidmeten «Hochsaison» mit vielen Oper-Air-Shows.

Um menschliche Abgründe ging es in vielen der inzwischen 35 gemeinsamen Produktionen Wielers und Morabitos. 1993 brachte der damalige Intendant Klaus Zehelein den Schauspielregisseur Wieler und den Dramaturgen und profunden Opernkenner Morabito in Stuttgart zusammen. Ein mehr als 500-seitiger Text- und Bildband mit dem Titel «Verwandlungen» erinnert daran, wie mit Mozarts Oper «La clemenza di Tito» alles begann. Sieben Mal sprachen Kritiker Stuttgart den Titel «Opernhaus des Jahres» zu.

Bühnenprovokateure waren Wieler und Morabito nie. Sie sind Forschende, die stets danach suchen, eine bekannte Geschichte neu zu erzählen – immer mit Respekt vor dem Werk. «Unser Anliegen war es nie, Geschichten so hinzubiegen, dass sie für uns heute umstandslos lesbar werden. Wir glauben, dass es ein Gewinn ist, wenn man Fremdes als Fremdes stehen lässt, statt es zu übertünchen oder auszublenden», sagt Wieler in einem Interview in dem Buch.

Nicht als autoritärer Machtmensch, sondern als sensibler Zuhörer habe er Mitgliedern des Ensembles bei den Produktionen stets Mitsprache und eigene Ideen eingeräumt, sagen viele über ihn. «Er weiß, dass seine Stärken in der Regiearbeit und im persönlichen Umgang mit den Menschen liegen und weniger vielleicht in betrieblicher Disposition oder schwierigen Vertragsverhandlungen», meint der geschäftsführende Intendant des Drei-Sparten-Hauses, Marc-Oliver Hendriks.

Dabei engagierte sich der 66-Jährige zuletzt auch immer wieder politisch – etwa, wenn er den Hausarrest des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikow als Justiz-Willkür anprangerte. Wieler selbst brachte dessen letzte Stuttgarter Arbeit «Hänsel und Gretel» auf die Bühne – und demonstrierte bei der Premiere mit einem «Free Kirill»-T-Shirt für die Freilassung Serebrennikows.

Und auch als 2015 die konservative «Demo für alle» Stimmung machte gegen Aufklärung über sexuelle Vielfalt in den Schulen, ließ Wieler im Wortsinn Flagge zeigen. An der Fassade prangte damals ein Banner in Regenbogenfarben mit der Aufschrift Vielfalt. Vor allem das Erstarken der Rechtspopulisten macht Wieler und Morabito Sorgen. «Autoritäre Politikergestalten wollen Kunst und Kultur als dekorative Kulisse ihres Verständnisses von Heimat an die Kandare nehmen», schreibt Morabito als Herausgeber des Theaterbands. Zwar sieht er das Staatstheater in einer «stabilen Position». Wenn er und Wieler Stuttgart verlassen, um wieder freischaffend zu arbeiten, dann brechen hier allerdings neue Zeiten an.

Der designierte Intendant Viktor Schoner wird nach der Ära Wieler eigene Akzente setzen müssen. Er steht auch vor der Aufgabe, das mehr als 100 Jahre alte Gebäude in die dringend nötige Generalsanierung samt Erweiterung zu führen. Das Projekt ist nicht nur wegen der Kosten von wohl mehr als 400 Millionen Euro eine Herausforderung. Offen ist vor allem wieder die Frage, wo das beliebte Ensemble während der Schließung eine Interimsspielstätte finden kann.

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