Sir Paul auf Reisen : «Egypt Station»: Paul McCartneys starkes Spätwerk

Hautnah: Paul McCartney spielt vor knapp 300 Fans im Cavern Club. Sonny McCartney/MPL
Hautnah: Paul McCartney spielt vor knapp 300 Fans im Cavern Club. Sonny McCartney/MPL

Wenn der berühmteste Popstar der Welt mit 76 Jahren eine neue Platte präsentiert, ist das nicht ohne Risiko - schließlich hat Sir Paul McCartney einen Ruf zu verlieren. Mit dem Spätwerk «Egypt Station» macht die Beatles-Ikone aber ganz viel richtig.

shz.de von
07. September 2018, 08:00 Uhr

Es ist diese so typische, vertraute Mischung aus Gefühligkeit, guter Laune und Experimentierfreude, die auch das neue Album von Paul McCartney prägt.

Zwangsläufig klingt es fast schon etwas zu routiniert, wenn der größte Melodienerfinder der Pop-Historie seinem riesigen Repertoire mal eben 16 weitere Melodien hinzufügt. Doch das ist auch bereits das Negativste, was man über «Egypt Station», McCartneys Solo-Studioalbum Nummer 18 nach den Beatles, sagen kann.

Los geht's, der Albumtitel lässt es erahnen, in einem Bahnhof. Dort setzt sich, begleitet von leicht kitschigem Chorgesang, ein Zug in Bewegung, der im Verlauf von 14 Songs und zwei kurzen Instrumentals viele Stationen von McCartneys persönlicher Geschichte als Komponist zahlloser Klassiker ansteuert.

Komplexe Lieder im Stil von «Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band» sind darunter, aufgekratzte Rocker und melancholische Balladen wie einst bei der Beatles-Nachfolgeband Wings, purer Pop (auch sehr Leichtgewichtiges wie «Fuh You»), sogar Ungewohntes wie ein Funk- und ein Samba-Stück. «Egypt Station» dürfte damit eines von McCartneys abwechslungsreichsten Studioalben sein.

Vor allem aber ist dies eine durchdachte, ambitionierte Songsammlung - also kein Umschlagplatz für einzelne Radiohits neben viel Füllmaterial, wie es in Streaming- und Download-Zeiten üblich geworden ist. McCartney weiß selbst, dass er damit rührend altmodisch rüberkommt: Die Alben heutiger Megastars wie Beyoncé oder Taylor Swift hätten zwar starke Singles, aber ihnen fehle der Flow, sagte der 76-Jährige kürzlich bei einer Fragestunde im eigenen «Liverpool Institute for Performing Arts».

Und dann fügte Sir Paul verschmitzt lächelnd hinzu: «Ich habe mir gesagt, dass ich mit diesem Taylor-Swift-Ding nicht konkurrieren kann - dafür habe ich auch gar nicht die Beine. Was ich vielleicht machen kann, ist das, was man früher ein Konzeptalbum nannte. Eine Platte, die man in einem Rutsch hört.» «Egypt Station» ist also nichts für Menschen mit niedriger Aufmerksamkeitsspanne oder für Rosinenpicker.

Als ob der 18-fache Grammy-Gewinner und Pop-Milliardär im fortgeschrittenen Rentenalter noch etwas zu beweisen hätte, arbeitete McCartney offenkundig mit der Kraft und Kreativität eines Jungspunds an der neuen Platte. Sein Produzent Greg Kurstin (Adele, Beck, Pink, Foo Fighters) kam aus dem Staunen kaum heraus: «Ich habe keine Ahnung, wo er die Energie hernimmt», sagte er dem Magazin «Rolling Stone». «Ich bin beeindruckt, wie er immer noch vorwärts geht, und er lässt nicht nach.»

Nicht nur klingen McCartneys Songs auf «Egypt Station» im Vergleich zum gediegenen Vorgänger «New» (2013) frischer und teilweise moderner - auch sein zuletzt deutlich gealterter, oft brüchiger Gesang scheint wiederbelebt worden zu sein. «Es ist erstaunlich, aber seit ich das letzte Mal mit Paul gearbeitet habe, hat seine Stimme wieder an Volumen gewonnen», sagte sein Soundingenieur Giles Martin. «Die Mitten sind irgendwie zurückgekommen.»

Ob das neue Album auch Lieder enthält, die an McCartneys größte Geniestreiche herankommen? Das wäre vielleicht etwas zu viel verlangt. Zumindest die schönen Balladen «I Don't Know» und «Hand In Hand», das verschachtelte «Caesar Rock» und der letzte Track «Hunt You Down» zeigen ihn aber auf der Höhe seiner Songwriter-Kunst wie zuletzt nur beim großartigen Album «Chaos And Creation In The Backyard» (2005).

Und dann wäre da ja auch noch «Despite Repeated Warnings», McCartneys Meisterstück auf «Egypt Station» und sein sehr gelungener Versuch eines Polit- und Protestsongs. Vordergründig geht es um einen Kapitän, der sein Schiff stur ins Unglück steuert. Man liegt wohl nicht daneben mit der Interpretation, dass der britische «Companion of Honour» hier all die irrlichternden Trumps und Brexiteers der Gegenwart aufs Korn nimmt.

Paul McCartney bleibt ein Pop-Phänomen, er ist beliebt wie eh und je. Wer kürzlich sein berührendes Konzert im kleinen Liverpooler Cavern-Club gesehen hat oder seine so sentimentale wie fröhliche «Carpool-Karaoke»-Fahrt zur «Penny Lane» mit TV-Moderator James Corden (aktuell mehr als 31 Millionen YouTube-Aufrufe) - der wird hoffen, dass dieser wunderbare Musiker und Mensch noch lange, lange weitermachen kann.

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