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Buntes Wimmelbild : Eduardo Mendoza und «Das dunkle Ende des Laufstegs»

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Eduardo Mendozas neue Krimikömodie ist witzig, skurril und etwas wirr. Vor allem aber ist sie eine Liebeserklärung an die Einwohner von Barcelona.

shz.de von
erstellt am 27.Jun.2017 | 14:11 Uhr

Liebhaber der Romane von Eduardo Mendoza («Die Stadt der Wunder») kennen bereits den skurrilen Damenfriseur mit undurchsichtiger Vergangenheit, der sich gerne als Hobbydetektiv betätigt. In dem Buch «Der Friseur und die Kanzlerin» bewahrte er Angela Merkel beherzt vor einem Attentat.

In dem aktuellen Roman des katalanischen Schriftstellers «Das dunkle Ende des Laufstegs» ist der namenlose Friseur wieder einmal in seine Lieblingsrolle geschlüpft. Diesmal deckt er ein obskures Verbrechen an einem Model auf und rettet am Ende damit auch seine eigene Haut.

Doch die Kriminalgeschichte ist für Mendoza (74) nur Vorwand für eine verwickelte Slapstickkomödie, in der er ein ganzes Arsenal an verrückten Typen auftreten lässt. Typen, die das Barcelona der kleinen Leute repräsentieren, das heute der Vergangenheit angehört. Insofern ist dieses Buch, das zum großen Teil in den 1980er Jahren spielt, auch eine wehmütige Liebeserklärung an eine verschwundene Stadt.

Olga Baxter wird tot im Vorgarten ihres Hauses aufgefunden. Erst kurz zuvor war die junge Frau nach Barcelona gekommen, um hier als Model Karriere zu machen. Schnell hat man einen Täter gefunden: Es soll der ehemalige Friseur sein. Der sitzt zwar seit einiger Zeit in einer Anstalt ein, doch hat man ihm unter fadenscheinigen Gründen Ausgang verschafft, eben gerade um ihm den Mord anzuhängen. Ausgerechnet die Polizei hat sich dieses niederträchtige Spiel ausgedacht. Doch sie hat nicht mit der Gerissenheit des Hobbydetektivs gerechnet. Denn der entwischt nicht nur seinen Häschern, er beginnt auch selbst in dem Fall zu ermitteln und stößt dabei in trübe Gewässer und bis in allerhöchste Kreise vor.

Der Friseur erhält Schützenhilfe von der befreundeten Señorita Westinghouse, einem Transvestiten und ehemaligen Beamten der Guardia Civil. Weiterhin taucht die Schwester des Friseurs, die Mendoza-Lesern schon bekannte Ex-Prostituierte Cándida wieder auf. Damit ist das Personal an schrägen Typen allerdings noch lange nicht erschöpft. Da wären noch der undurchsichtige Nachbar des Models, Señor Larramendi, der sich in einem obskuren Restaurant verdingt, der Chef der Modelagentur, der beflissene Hausportier, ein bekiffter Pilgerbusfahrer und viele andere mehr. Am Ende wird ein Täter gefunden. Doch leider ist es der falsche.

Erst 20 Jahre später wird der Friseur, der inzwischen zum Auslieferer eines Chinarestaurants mutiert ist, die ganze Wahrheit herausfinden. Der Roman erscheint wie ein buntes Wimmelbild, in dem der Autor anscheinend selbst manchmal den roten Faden verliert. Ein stringenter Krimi ist das Ganze jedenfalls nicht. Aber Mendoza, diesem begnadeten Fabulierer, geht es darum auch nicht.

Die Kriminalgeschichte ist nur der Hintergrund für ein schräges Sittenbild, in dem er seinen ganzen Sprachwitz mit vielen burlesken Dialogen entfalten kann. Die von ihm porträtierten Menschen scheinen dabei wie aus der Zeit gefallen zu sein. Ins heutige glitzernde, von Touristen, Handyläden und Souvenirshops überschwemmte Barcelona passen sie jedenfalls nicht mehr. So heißt es in den melancholischen Worten eines Protagonisten: «Nur im Morgengrauen, wenn die Straßen so gut wie leer sind, kann ich Barcelona wieder so lieben, wie ich in meiner lange zurückliegenden Kindheit die Stadt zu lieben glaubte.» Man kann sicher sein, dass hier Mendoza selbst spricht.

- Eduardo Mendoza: Das dunkle Ende des Laufstegs, Nagel & Kimche Verlag, München, 336 Seiten, 23,00 Euro ISBN 978-3-312-01015-8.

Das dunkle Ende des Laufstegs

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